Angeschlagener RWE-Konzern Stromriese im Schuldenstrudel

Der Energieriese RWE steckt tief in der Krise. Kohlekraftwerke werden nicht mehr gebraucht, der Gewinn schrumpft, die Schulden summieren sich auf 35 Milliarden Euro. Konzernchef Terium müsste einen radikalen Wandel wagen - doch ihm fehlen Geld und Ideen.
Kohlekraftwerk von RWE: Die Gewinne brechen weg

Kohlekraftwerk von RWE: Die Gewinne brechen weg

Foto: Lars Baron/ Getty Images

Hamburg - Als Peter Terium bei RWE das Chefbüro bezog, beseitigte er zunächst die Klötze, auf die sein Vorgänger Jürgen Großmann den Schreibtisch gestellt hatte. Dann fing er mit dem Sparen an.

Der Büroumbau hatte physiognomische Gründe. Großmann, der Zwei-Meter-Manager mit Statur deutsche Eiche, konnte nur mit Podest aufrecht arbeiten. Gleichzeitig ist die Absenkung des Arbeitsplatzes ein symbolischer Akt: Großmann klotzte, Terium räumt auf. Die Frage ist, ob das reicht.

RWE, diese drei Buchstaben standen einst für Rheinisch-Westfälisches Elektrizitätswerk, für einen mehr als hundert Jahre alten Traditionskonzern mit 70.000 Mitarbeitern und knapp 50 Milliarden Euro Jahresumsatz. Heute stehen sie eher für "Rasch Wachsendes Elend". Vincent Gilles, Energieanalyst bei der Bank Credit Suisse, sieht den Konzern "in der Strategiefalle"; ein RWE-Manager unkt, dass es das Unternehmen "in seiner jetzigen Form bald nicht mehr gibt".

Alle europäischen Versorger leiden unter dem Wandel des Energiesystems, die deutschen zusätzlich unter dem Atomausstieg. Doch kein Konzern produzierte in letzter Zeit so viele Negativnachrichten wie RWE. Die Dividende: halbiert. Die Gehälter stagnieren. Ebenso die Investitionen. Dutzende Kraftwerke und Tausende Jobs sind bedroht. RWEs Tagebaustätte Grazweiler II, Europas größte Braunkohlegrube, ist, allen Dementis zum Trotz, auf dem besten Weg, überflüssig zu werden.

"VoRWEggehen" lautet der Slogan von RWE. Tatsächlich läuft der Konzern dem Wandel hinterher - und fällt zurück. Für die aktuelle Lage gibt Terium, der erst seit Juli 2012 im Amt ist, kaum einer die Schuld. Das hat Großmann verbockt. Manche im Konzern aber fragen sich: Kann Terium RWE retten? Er müsste den Systemwandel wagen, den Konzern grün und dezentral machen, und zwar schnell. Doch dafür fehlen ihm das Geld und die Ideen.

Massiver Gewinneinbruch

Hauptgrund für RWEs Misere ist ein Gewinneinbruch im Kerngeschäft: dem Verkauf von Elektrizität. Auf diesem Markt wächst das Überangebot. Einerseits erzeugen Wind-, Solar- und Biogasanlagen immer mehr Strom, andererseits laufen alte Kraftwerke einfach weiter. Die Folge sind sinkende Preise.

RWE trifft das hart. Der Konzern produziert allein in Deutschland pro Jahr gut 150 Millionen Megawattstunden Strom . Im kommenden Jahr dürften die Erlöse pro Megawattstunde um gut zehn Euro sinken, heißt es im Halbjahresbericht des Konzerns. Der Gewinn vor Steuern dürfte dadurch um 1,5 Milliarden Euro einbrechen. 2015 könnte das Minus im Vergleich zum laufenden Jahr sogar 2,2 Milliarden Euro betragen.

Manager Terium (rechts), Vorgänger Großmann: Schweres Erbe

Manager Terium (rechts), Vorgänger Großmann: Schweres Erbe

Foto: Bernd Thissen/ picture alliance / dpa

Und das ist nur Deutschland. Doch auch in anderen europäischen Märkten, in denen RWE aktiv ist, sinken durch ein Stromüberangebot die Verkaufspreise. Die Schweizer Bank UBS schätzt, dass in Zentraleuropa allein in den kommenden fünf Jahren bis zu 30 Prozent des Kraftwerksbestands abgebaut werden müssten, damit der Strommarkt wieder normal funktioniert.

Rückschläge bei den erneuerbaren Energien

Während die Gewinne im Kerngeschäft verdampfen, entstehen an anderer Stelle nur langsam neue. Die erneuerbaren Energien trugen im ersten Halbjahr 2013 gerade 2,5 Prozent zum Betriebsergebnis bei. Zu gering sind die Margen, zu unabsehbar die Kostenschübe. Dazu hatte RWE oft einen schlechten Riecher. Jahrelang steckte man nach dem Gießkannenprinzip Milliarden in Ökostromprojekte. Viele floppten, weil dem Konzern das Know-how fehlte oder die Konkurrenz schlicht besser war.

Das erst 2011 mit großem Tamtam eingeweihte Solarkraftwerk Andasol 3 in Spanien etwa wird inzwischen für RWE zur Belastung . Rund 50 Millionen Euro hatte der Konzern in die Anlage investiert, in der Hoffnung auf hohe Renditen. Dann kappte die schuldengeplagte spanische Regierung die Solarförderung, und RWE musste einen Teil der Investition abschreiben.

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Fotostrecke: Rückschläge bei RWEs Zukunftsprojekten

Foto: Marquesado Solar

Beim Bau von Windparks auf hoher See explodieren die Kosten, der einstige Hoffnungsmarkt wird zum Desaster. Spezialschiffe zum Bau der Offshore-Windparks, die RWE erst vor wenigen Jahren extra bauen ließ, will Terium nun wieder loswerden. Alle neuen Projekte wurden gestoppt. Es gebe Anweisung, künftig nur noch mit Partnern zu investieren, sagt ein Insider. Doch die zu finden sei bei den derzeitigen Marktperspektiven schwer.

Ein anderer großer Zukunftsmarkt - maßgeschneiderte Ökostrom- und Effizienzkonzepte für Privathaushalte - entwickelt sich langsamer als erhofft. Zwar macht RWE hier schon 600 Millionen Euro Umsatz, aber kaum Gewinn. "Bis Verbraucher solche Lösungen flächendeckend annehmen, wird es noch einige Jahre dauern", sagt Konzernsprecher Volker Heck. Neue Profite braucht RWE aber jetzt.

Schwieriger Konzernumbau, hohe Schulden

RWE-Chef Terium müsste den Konzernumbau beschleunigen. Doch sein Gestaltungsraum ist eng. Den Konzern drücken hohe Schulden. Insgesamt sind es gut 35 Milliarden Euro, das entspricht der Jahreswirtschaftsleistung eines Landes wie Slowenien und ist die Folge teurer Fehler aus der Ära Großmann. 7,3 Milliarden Euro gab dieser zum Beispiel für die niederländische Gasfirma Essent aus; Analysten sagen: viel zu viel. Die deutsche Stromnetztochter Amprion dagegen verscherbelte Großmann regelrecht. Für 75 Prozent der Anteile bekam er gerade 1,1 Milliarden Euro.

Dazu gab RWE großzügig Geld an Aktionäre. Der Konzern ist zu einem Viertel im Besitz von Kommunen. Deren Politiker haben die Dividende fest im Haushalt verplant und machen entsprechend Druck, dass diese möglichst groß ist. Jahrelang spielte RWE mit und hielt die Dividende hoch. Erst kürzlich setzte Terium ihre Halbierung durch.

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Grafiken: RWEs Niedergang

Foto: SPIEGEL ONLINE

Mit seinem Sparkurs schreckt Terium Aktionäre wie Mitarbeiter auf - und kommt dennoch nicht voran. Das für Banken und Kreditgeber wichtige Verhältnis der Nettoschulden zum Eigenkapital hat gerade die Schwelle von 250 Prozent überschritten, ein Wert, auf den sonst nur marode Ruhr-Dinos wie ThyssenKrupp kommen. Und die Aussichten sind mies.

"Unserer Ansicht nach ist ein Schuldenabbau in den kommenden Jahren nur bedingt möglich", sagt Tuomas Erik Ekholm, Branchenexperte bei Standard & Poor's. "Wir erwarten mittelfristig keine Steigerung der Profite, und der geplante Verkauf von Konzernteilen geht langsamer voran als geplant." Die Bewertung von RWEs Bonität liegt nur noch drei Stufen über Ramschniveau. Kriegt Terium die Schulden nicht in den Griff, droht eine Spirale aus sinkenden Kredit-Ratings und steigenden Zinsen.

Hoffen auf die Politik

Schrumpfende Profite, hohe Schulden, miese Wachstumsaussichten: Das Einzige, was Terium derzeit bleibt, ist auf die Bundesregierung zu hoffen - und auf die Überzeugungskraft seiner Lobbyisten. Die fordern sogenannte Kapazitätsmechanismen. Das heißt: Die Regierung soll alte, immer unprofitablere Kraftwerke für eine Art Bereitschaftsdienst vergüten, für das kurzfristige Einspringen, wenn Windräder und Solaranlagen nicht genug Strom produzieren.

Wenn sich RWEs Lobbyisten durchsetzen, dann wird die Regierung bald umweltschädliche Braunkohlekraftwerke zur Energie-Feuerwehr machen. Das wäre ökologisch und volkswirtschaftlich fraglich, würde die Verbraucher Milliarden kosten - und RWE noch nicht einmal retten. Es würde nur den Niedergang verlangsamen.

Viel mehr aber bleibt Terium nicht. Oder doch?

Kritiker werfen ihm vor, den grundlegenden Systemwechsel zu scheuen. Er gehe beim Umbau zu zaghaft vor. "Es gibt keine klare Strategie", klagt ein RWE-Manager. "Immer wieder werden zentrale Entscheidungen nach wenigen Monaten umgeworfen. Überall gibt es Streit, von Aufbruchstimmung keine Spur."

Schafft Terium den Wandel nicht, wird es bald weitere Sparrunden geben, weitere Verkäufe von Konzernteilen - und weitere Entlassungen. Bis 2014 gilt eine Beschäftigungsgarantie, doch manchen Mitarbeitern wird schon jetzt der goldene Handschlag angeboten, berichtet ein Insider. Die nächste Stufe wäre eine Kapitalerhöhung, also die Ausgabe neuer Aktien. Der ohnehin maue Kurs würde dadurch noch schwächer, der Energieriese könnte gar zum Übernahmekandidaten werden.

Und Terium? Der würde nach Großmann zum nächsten Ritter von der traurigen Gestalt. Auch er müsste dann um seinen Job bangen.

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