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RWE-Aktionärstreffen: Hauptversammlung wird zur Anti-Atom-Demo

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RWE-Hauptversammlung Atom-Boss in der Strategiefalle

Die Republik debattiert über die Atomwende - und der Energiegigant RWE stemmt sich vehement dagegen. Auf der Hauptversammlung gab Vorstandschef Großmann einmal mehr den Kernkraft-Hardliner. Ein gefährlicher Kurs, ohne Strategieschwenk bugsiert sich der Konzern ins Abseits.

Jürgen Großmann hat erst ein paar Sätze gesagt, als wütender Protest losbricht. Trillerpfeifen ertönen. Transparente werden entrollt. "RWE abschalten" steht auf einem Plakat. Auf einem anderen: "Atombosse nach Fukushima".

Normalerweise sind Aktionärstreffen ein beschauliches Stelldichein. Der Vorstand referiert Zahlen und Zukunftsvisionen, die Aktionäre meckern ein bisschen, dann geht es ans Buffet. Nicht so beim Energieriesen am Mittwoch in der Essener Grugahalle. Hier kam es zur Konfrontation zwischen Anti-Atomkraft-Bewegung, Aktionären und Vorstand - ein Vorgeschmack auf die turbulenten Tage, die dem Energiegiganten noch bevorstehen könnten.

Im Zentrum steht einmal mehr RWE-Chef Großmann: Beim ersten Krawall macht der Manager noch eine kurze Redepause. Wartet, bis Sicherheitsleute die Störenfriede hinausgetragen haben. Als wenig später neue Störer durch einen Seiteneingang in den Saal schlüpfen, liest er einfach weiter sein Skript vor: "...Klage gegen Moratorium ist keine Kampfansage an die Politik...", sagt Großmann. "Abschalten! Atoooooom!", ertönt es aus dem Publikum. "...von der Illusion verabschieden, dass Netzausbau von heute auf morgen möglich ist...", sagt Großmann.

Schließlich verweist die Security auch die letzten Störer des Saals. Eins sei ihm wichtig, sagt Großmann jetzt. RWE sei mitnichten der Atomkonzern, zu dem ihn Medien ständig machten. 2010 stammten nur knapp 15 Prozent des Ergebnisses aus der Kernkraft. Man setze auf Zukunftsenergien. Rund zwei Milliarden Euro würden bis 2014 in den Ausbau der Offshore-Windenergie gesteckt. Die Erdgas-Tochter Dea werde wachsen.

Strategieschwenk wird zur Überlebensfrage

Alle Aktionäre kann er damit nicht beschwichtigen. Manche sind wütend, dass RWE als einziger der vier großen Energiekonzerne gegen das Atom-Moratorium der Bundesregierung klagt. Andere sorgen sich um die Zukunft des Konzerns. Denn seit dem Atomschwenk der Bundesregierung wird der rasche Konzernumbau für RWE zur Überlebensfrage. Die Aktie   hat binnen eines Jahres fast ein Drittel ihres Wertes eingebüßt.

RWE versucht gegenzusteuern. Auch beim Aktionärstreffen. Dort präsentiert sich der Konzern als grüner, innovativer Riese. An den Eingängen zur Aula begrüßen freundliche Azubis die Gäste, "gut ausgebildet voRWEggehen" steht auf ihren Shirts. Im Bockwurst- und Bulettenbereich hängen riesige Plakate, auf denen TV-Büroekel Stromberg RWE-Energiesparlösungen für Häuser bewirbt. Und wer will, dem erklären zwei adrette Damen und ein Kuh-Avatar namens Volti, wie das Stromnetz der Zukunft (Smart Grid) funktioniert. Dabei investierte RWE im vergangenen Jahr gerade einmal 150 Millionen Euro in Forschung und Entwicklung. Bei 53 Milliarden Euro Umsatz.

"Ich frage mich, ob RWE wirklich genug in erneuerbare Energien investiert", sagt Thomas, 29, einer der wenigen jüngeren Aktionäre im Saal. Seit etwas mehr als einem Jahr gehören ihm 20 Aktien des Konzerns. Dass RWE von selbst beim Atomausstieg Tempo macht, glaubt er nicht. "Es ist gut, dass der politische Druck gestiegen ist." Auch Finanzexperten sehen den Konzernkurs kritisch. "Geld für Hochrisikotechnologien wird es mit unserer Unterstützung nicht geben", sagt ein Vertreter des Investmentfonds Union Investment mit Blick auf den Atomkurs.

Experten rechnen nicht damit, dass die abgeschalteten RWE-Meiler nach Ablauf des Atom-Moratoriums wieder ans Netz gehen, und sie erwarten, dass dem Unternehmen dadurch große Einbußen entstehen. Denn vor allem die längst abgeschriebenen Altmeiler sind zuverlässige Gewinnlieferanten. Großmann selbst spricht von Verlusten im dreistelligen Millionenbereich.

In Zukunft aber kommen weitere Probleme hinzu. 2010 erzeugte RWE rund 60 Prozent seines Stroms mit Kohle und jeweils 20 Prozent mit Atomenergie und Gas. Dieser Energie-Mix wird zum Problem. Erstens frisst der Erneuerbare-Energien-Boom die Margen auf: Wind- und Solarstrom haben in den Netzen Vorfahrt, und die Anlagen produzieren oft genau dann Elektrizität, wenn die Nachfrage und die Preise an der Energiebörse steigen. RWE muss seine Atom- und Kohlekraftwerke dann herunterregeln - was die Einnahmen drückt.

Zweitens bekommt RWE wegen seines hohen Anteils an Kohlekraftwerken Probleme. Derzeit erhält das Unternehmen noch 70 Prozent der Luftverschmutzungszertifikate umsonst, die laut Klimaschutzauflagen für den Betrieb der Kohlemeiler nötig sind. 2013 ist Schluss damit. Dann muss der Konzern für jedes Gramm CO2, das er ausstößt, Zertifikate kaufen. Das könnte laut einem "Handelsblatt"-Bericht rund 1,5 Milliarden pro Jahr kosten.

Im Foyer der RWE-Hauptversammlung hängt eine Karikatur, auf der zwei Brontosaurier Wind- und Solaranlagen zerstampfen. "Energiegiganten unter Artenschutz", lautet ihr Titel. "RWE blockiert Innovationen." Direkt daneben hängt das Bild einer RWE-Managerin im neongelben Schutzanzug, dazu ein Zitat: "Wer uns Schwerfälligkeit vorwirft, der ignoriert, was wir wirklich bewegen."

Kritik von den kommunalen Aktionären

Wirklich? Großmann selbst setzt bislang vor allem auf die Kernkraft. Sie soll bis weit in das nächste Jahrzehnt hinein die CO2-Bilanz aufpolieren. Jetzt funktioniert diese Strategie nicht mehr - und der Aufsichtsrat muss sich die Frage stellen, ob der dringend nötige Schwenk mit dem aktuellen Vorstandsvorsitzenden überhaupt möglich ist.

Am Dienstagabend erntete Großmann Kritik von den kommunalen Aktionären. Mehrere Anteilseigner hätten ihn ruhig, aber bestimmt mitgeteilt, dass RWE rasch eine neue Strategie brauche, sagt ein Augenzeuge. Einige Kommunen wollen nun sogar Vorschläge zur Änderung der Konzernstrategie ausarbeiten.

Großmann selbst gibt auf der HV weiter den Hardliner. Sein Urteil über die Kernkraftkritiker lässt an Deutlichkeit wenig zu wünschen übrig. "Wir haben derzeit in Deutschland so viele Energieexperten wie sonst nur Fußball-Bundestrainer. Stimmen echter Fachleute gehen in diesem Grundrauschen unter", wettert er.

Nur selten zeigt er Kompromissbereitschaft: "Wenn es der feste Wille der Mehrheit der deutschen Bevölkerung und der sie vertretenden Politik ist, zukünftig auf Kernkraft zu verzichten, werden wir uns dem nicht verschließen. Es gilt klar das Primat der Politik." Doch dann warnt er schon wieder, ein solcher Schritt werde Kosten in dreistelliger Milliardenhöhe verursachen. Es sei eine Illusion zu glauben, ein beschleunigter Ausstieg koste nichts und sei klimaneutral zu machen, sagt Großmann. Nicht nur die Industrie, sondern auch die Privatverbraucher müssten dann mit höheren Strompreisen rechnen. Das klingt nicht nach Strategieschwenk.

Mit Material von dapd