S-Bahn-Fiasko Berliner Verkehrschaos kostet Bahn Millionen

Das Fiasko im Berliner S-Bahn-Verkehr droht für die Konzernmutter zum finanziellen Desaster zu werden: Der Bahn könnte ein Schaden von mehreren hundert Millionen Euro entstehen. Die Hinweise verdichten sich, dass Wartungsprotokolle falsch ausgefüllt wurden.
S-Bahn-Fahrer in Berlin: Lediglich ein Viertel der Flotte im Einsatz

S-Bahn-Fahrer in Berlin: Lediglich ein Viertel der Flotte im Einsatz

Foto: DAVID GANNON/ AFP

Hamburg - Als Rüdiger Grube vor wenigen Monaten zum Chef der Deutschen Bahn wurde, hatte er vor allem ein Ziel: Ruhe in den vom Datenskandal geplagten Konzern zu bringen. Doch viel Glück hatte der Manager bisher nicht. Seit Monaten versinkt die Berliner S-Bahn im Chaos. Jetzt droht das Verkehrsfiasko zum finanziellen Desaster für die Konzernmutter zu werden. Dem Unternehmen könne ein Schaden von ein "paar hundert Millionen Euro" entstehen, schreibt die "Financial Times Deutschland" ("FTD") unter Berufung auf Aufsichtsratskreise. Bei der Bahn nahm niemand dazu Stellung.

Wegen Sicherheitsmängeln an den Zugachsen verkehren die S-Bahnen in Berlin seit Monaten unpünktlich. Nun wurden nach Bahn-Angaben zusätzlich Probleme an Bremszylindern entdeckt, die umgehend beseitigt werden müssen. Seit Montag ist deshalb lediglich ein Viertel der S-Bahnen im Einsatz.

Der "FTD" zufolge verdichten sich nun die Hinweise darauf, dass Mitarbeiter der S-Bahn Wartungsprotokolle bewusst falsch ausgefüllt haben. So hätten sie den Austausch von Einzelteilen an den Bremsen der S-Bahn-Züge bestätigt, die in Wahrheit aber nie ersetzt worden seien.

Angriffe aus der Politik

Das Nahverkehrsdebakel in der Hauptstadt reiße Bahn-Chef Grube ein gefährliches Loch in seine Bilanz für 2009, schreibt die "FTD". Der Berliner Senat hatte angekündigt, die monatlichen Zahlungen um drei Viertel auf fünf Millionen Euro zusammenzustreichen. Zudem drohe Grube nach nur wenigen Monaten Amtszeit bereits den Rückhalt der Politik zu verlieren. Verkehrsstaatssekretär Achim Großmann habe verbreiten lassen, er habe in der Aufsichtsratssitzung gefragt, wann in Berlin "wieder Zustände herrschen, die der westlichen Zivilisation angemessen sind". Bahn-Finanzvorstand Diethelm Sack habe sich im Kontrollgremium heftiger Vorwürfe erwehren müssen. Die Bahn-Tochter sei in den vergangenen Jahren kaputt gespart worden, weil sie hohe Gewinnabfuhren vornehmen musste, habe es geheißen.

Sack habe dem entgegengehalten, dass die Deutsche Bahn seit dem Einstieg bei der Berliner S-Bahn 1994 dort noch kein Geld verdient hat. Dies sei unter anderem den hohen Investitionen in den Fuhrpark geschuldet. So seien für Berlin neue S-Bahnen im Wert von insgesamt 1,05 Milliarden Euro angeschafft worden.

Versäumnisse in der Vergangenheit

Auch Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) kritisierte die Bahn scharf und forderte ein rasches Handeln. Die einzige schnelle Lösung für die Kunden sei, dass repariert werde und die Züge nach und nach wieder in den Verkehr gebracht würden, sagte Wowereit am Donnerstag im ZDF-Morgenmagazin.

In der Vergangenheit sei viel versäumt worden. "Man hat hier die Privatisierung offensichtlich zu ernst genommen", sagte Wowereit mit Blick auf den ursprünglich geplanten Börsengang der S-Bahn-Muttergesellschaft. Das Unternehmen sei "auf Gewinn getrimmt" worden und habe damit die Sicherheit vernachlässigt. Das sei der Skandal. Bahn-Chef Grube sitze nun "voll in der Malaise drin, was sein Vorgänger Mehdorn da verursacht hat mit seinem blöden Börsengang", sagte Wowereit. Er hoffe, dass Grube mit seinem neuen Management aufräume.

Der Senat hätte das erneute Chaos nicht verhindern können, sagte Wowereit. Es gebe einen Vertragspartner, der die Leistungen erbringen müsse. "Wir kämen aus dem Vertrag raus, da bin ich ziemlich sicher", sagte der SPD-Politiker. Man würde jedoch mindestens fünf Jahre brauchen, um einen neuen Vertrag zu machen, unter anderem, weil dieser europaweit ausgeschrieben werden müsse.

yes/ddp
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