Sanierung nach Insolvenz Der Pleite-Plan des Schlecker-Clan

Schlecker hat Insolvenz beantragt und will das Unternehmen mit der alten Führungsspitze am liebsten selbst sanieren. Ist das Unternehmen zu retten? Erhält der Patriarch Anton Schlecker seine letzte Chance? Antworten auf die wichtigsten Fragen zur Pleite der Drogeriekette.
Schlecker-Firmenschild auf Gelände der Zentrale in Ehingen: Insolvenz - was nun?

Schlecker-Firmenschild auf Gelände der Zentrale in Ehingen: Insolvenz - was nun?

Foto: dapd

Hamburg - Schlecker ist pleite, sieht sich aber noch lange nicht am Ende. Am Montag hat das Unternehmen die Ankündigung vom vergangenen Freitag wahrgemacht und beim Amtsgericht Ulm die Insolvenz beantragt. "Ziel ist der Erhalt des Unternehmens und somit eines großen Teils des Filialnetzes und damit auch der Arbeitsplätze", teilte Schlecker mit. Inzwischen hat das Gericht den renommierten Neu-Ulmer Anwalt Arndt Geiwitz zum vorläufigen Insolvenzverwalter bestellt.

Damit beginnt für die Drogeriekette eine ungewisse Zukunft - mit offenen Fragen bei Kunden, Gläubigern und Mitarbeitern. Wer entscheidet, ob die alte Spitzenmannschaft das Unternehmen weiter führen darf - wie von Anton Schlecker offenbar erhofft? Wie kann die Insolvenz helfen, Schlecker wieder profitabel zu machen? Droht Anton Schlecker sein gesamtes Vermögen zu verlieren? Antworten auf die wichtigsten Fragen zur Schlecker-Pleite.

Wie geht es mit Schlecker in den nächsten Tagen und Wochen weiter?

Am Montag hat Schlecker beim Amtsgericht Ulm einen Antrag auf die Einleitung eines Insolvenzverfahrens gestellt. Nun befinden sich die betroffenen Unternehmen - die Anton Schlecker eK, die Schlecker XL GmbH und die Schlecker Home Shopping GmbH - im Insolvenzantragsverfahren. Das Gericht hat inzwischen den Neu-Ulmer Anwalt Arndt Geiwitz zum vorläufigen Insolvenzverwalter eingesetzt. Geiwitz hat nun die Aufgabe, das Vermögen von Schlecker im Interesse der Gläubiger zu sichern, sagt der renommierte Insolvenzrechtler Biner Bähr von der Wirtschaftskanzlei White & Case.

Zudem führe der vorläufige Insolvenzverwalter üblicherweise gemeinsam mit der alten Firmenspitze die Geschäfte weiter - spricht also mit Lieferanten und Gläubigern und stellt sicher, dass die Mitarbeiter über das Insolvenzgeld bezahlt werden.

Spätestens bis zum 1. April wird das Gericht das eigentliche Insolvenzverfahren eröffnen. Dieser Stichtag ergebe sich aus der Laufzeit des Insolvenzausfallgeldes, sagt Torsten Martini von der Berliner Kanzlei Leonhardt. Dieses wird lediglich drei Monate lang gezahlt. Bei der Eröffnung des eigentlichen Verfahrens legt das Gericht formal auch fest, ob die Insolvenz, wie von Anton Schlecker gewünscht, in Eigenverwaltung durchgeführt wird.

Sechs Wochen nach Eröffnung des Verfahrens wird die erste Gläubigerversammlung einberufen. Sie ist letztlich das alles entscheidende Gremium im Verfahren. Die Gläubigerversammlung kann die Eigenverwaltung wieder kippen.

"Insolvenzplanverfahren" und reguläre Insolvenz - wo ist der Unterschied?

Der entscheidende Unterschied ist in aller Regel das Ziel: Bei einer Planinsolvenz sollen das Unternehmen und damit auch die Arbeitsplätze erhalten werden. Dazu wird ein Insolvenzplan erstellt, dem die Gläubiger zustimmen müssen und in dem festgelegt wird, was zur Sanierung des Unternehmens getan werden muss.

Bei einer Insolvenz im Regelverfahren ist hingegen das Ziel, den Gläubigern einen möglichst großen Teil ihrer Forderungen zukommen zu lassen. Hier kommt es zu einer sogenannten Übertragung des Unternehmens: Eventuell zukunftsträchtige Teile werden in eine neue Gesellschaft transferiert, der Rest verbleibt in der alten Gesellschaft und wird vom Insolvenzverwalter abgewickelt, bis hin zum Verkauf der Büromöbel. Die Erlöse werden an die Gläubiger verteilt.

Laut dem Berliner Insolvenzverwalter Torsten Martini ist eine solche Übertragung im Fall Schlecker aber gar nicht möglich. Da die Anton Schlecker eK eine Firma ist, die von Anton Schlecker als persönlich haftender Einzelunternehmer geführt wird, kann sie nicht abgewickelt werden. Stattdessen bleibt Anton Schlecker als einzige Alternative zur Planinsolvenz nur der Antrag auf Restschuldbefreiung - das ist nichts anderes als die bekannte Privatinsolvenz. Schlecker könnte sein gesamtes Vermögen einbüßen.

Bleibt Anton Schlecker Herr im Haus?

Schlecker möchte den Insolvenzplan in Eigenverwaltung erstellen und durchführen - und dies ist der entscheidende Unterschied zu bekannten Planinsolvenzfällen wie Karstadt oder Märklin. In diesen Fällen erstellten die Insolvenzverwalter die Insolvenzpläne und setzten sie auch um.

Schlecker will hingegen selbst einen Insolvenzplan vorlegen - und ihn dann auch von der eigenen Geschäftsführung umsetzen lassen. Kommt es zu einem solchen Verfahren in Eigenverwaltung, wird vom Gericht auch kein Insolvenzverwalter bestellt, sondern lediglich ein Sachwalter. Der hat wesentlich geringere Befugnisse als ein Insolvenzverwalter, vor allem schaut er der Geschäftsführung bei der Umsetzung des Insolvenzplans auf die Finger. Nur bei grundlegenden Geschäften muss er zustimmen.

Der Berliner Insolvenzverwalter Torsten Martini nennt zwei wesentliche Vorteile einer Eigenverwaltung: Erstens erhält die Geschäftsführung im Prinzip die gleichen weitreichenden Befugnisse eines Insolvenzverwalters - inklusive Sonderrechten bei Vertragskündigungen. Schlecker bliebe also nicht nur Herr im eigenen Haus, er hätte sogar mehr Macht als zuvor.

Zweitens ist ein solches Verfahren deutlich kostengünstiger: Die Vergütung eines Sachwalters ist wesentlich geringer als die eines Insolvenzverwalters.

Für Anton Schlecker dürfte ein weiterer Punkt ebenfalls entscheidend sein: Nur bei einem solchen Verfahren kann er sein Lebenswerk für seine Familie retten und einer Privatinsolvenz entgehen.

Wie kann Schlecker sein Unternehmen retten?

Schlecker könnte alle Instrumente einer Insolvenz zum Vorteil des Unternehmens nutzen: Laut dem Berliner Insolvenzverwalter Torsten Martini kann jeder Vertrag beendet werden, der ungünstig für das Unternehmen ist. Zwar können die Verträge in der Regel nicht fristlos gekündigt werden, aber innerhalb wesentlich kürzerer Fristen als im Normalfall.

Dazu gehören etwa Mietverträge für Filialen, die Schlecker bereits geschlossen hat, oder Lieferverträge für Waren, die aus dem Sortiment fliegen sollen. Aber auch Verträge, die das Unternehmen mit der Gewerkschaft Ver.di geschlossen hat - zum Beispiel der Beschäftigungssicherungsvertrag, der Kündigungen bis Juni dieses Jahres ausschließt.

Wichtig: Die Vertragspartner haben diese Sonderkündigungsrechte nicht. Dadurch kann etwa verhindert werden, dass Schlecker nun massenhaft Filialen schließen muss, weil die Vermieter die Verträge kündigen.

Wenn das Arbeitsrecht betroffen ist, gelten Martini zufolge allerdings weitergehende Einschränkungen dieser Sonderkündigungsrechte.

Ist die Planinsolvenz in Eigenverwaltung ein übliches Verfahren?

Nein. Im Gegenteil, sie wird sehr selten angewandt. Laut "Financial Times Deutschland" wurden schätzungsweise nur drei Prozent der rund 30.000 Firmenpleiten im Jahr 2011 über ein Planinsolvenzverfahren abgewickelt - also etwa 900. Davon werden wiederum sehr wenige in Eigenverwaltung durchgeführt.

Eine der bekanntesten Pleiten, die über einen Insolvenzplan in Eigenverwaltung abgewickelt wurden, betraf ebenfalls eine Drogeriemarktkette: "Ihr Platz" landete danach über Umwege im Jahr 2007 bei Schlecker und wird dort als Marke weitergeführt. Aber auch das Firmenreich des Film- und Fernsehunternehmers Leo Kirch wurde über ein Planinsolvenzverfahren in Eigenverwaltung saniert.

Kann Schlecker die Insolvenz tatsächlich in Eigenverwaltung durchführen?

Weil die Eigenverwaltung bislang äußerst selten angeordnet wurde, ist eine Aussage darüber schwierig. Die Meinungen der Fachleute gehen auseinander:

Der Berliner Insolvenzverwalter Torsten Martini sieht ein erhebliches Risiko, dass das Gericht keine Eigenverwaltung anordnet - und Schlecker dann von einem Insolvenzverwalter saniert wird, wie es auch bei Karstadt geschehen ist. Hintergrund dafür sei die Machtstellung der Gläubiger - sie können die Eigenverwaltung jederzeit selbst wieder kippen, wenn das Insolvenzverfahren eröffnet ist. Daher folgt das Gericht bei seiner Entscheidung meist den Wünschen der Gläubiger. In der Regel lehnen die Gläubiger Martini zufolge aber eine Insolvenz in Eigenverwaltung ab - weil der alten Führung nicht zugetraut werde, erfolgreich zu arbeiten. "In Deutschland herrscht die Meinung vor, dass man den Bock nicht zum Gärtner machen sollte", sagt Martini.

Biner Bähr von White & Case verweist hingegen auf die große Bedeutung, die das Insolvenzgericht bestimmten Indizien zuweisen könne - unter anderem gehöre hierzu auch das Verhalten bei Eintritt der Insolvenz. Wenn der Antrag frühzeitig bereits bei einer drohenden Insolvenz gestellt und gleichzeitig die Geschäftsleitung neu besetzt werde, zudem die Vermögensverhältnisse klar offengelegt würden und sogar der Entwurf eines Insolvenzplans eingereicht werde, könnte das Gericht dies alles positiv werten und die Eigenverwaltung anordnen.

Kann Schlecker den Insolvenzantrag wieder zurückziehen?

Ja, das ist so lange möglich, bis die Gläubiger auf einer Versammlung über den Insolvenzplan abgestimmt haben. Laut Insolvenzexperten Martini ist ein Rückzug allerdings äußerst unwahrscheinlich, da ein solcher Schritt Schlecker nicht helfen würde. Die Erfahrung zeige, dass der Liquiditätsbedarf nach einem Insolvenzantrag schlagartig und erheblich steigt: Die Lieferanten seien bereits jetzt gewarnt und würden bei einem solchen Schritt auf Vorkasse bestehen. Schleckers Modell ginge nicht mehr auf, Rechnungen erst mit den Erlösen aus dem Verkauf der Ware zu bezahlen.

Hatte Schlecker eine andere Wahl, als jetzt Insolvenz zu beantragen?

Experten sehen starke Hinweise darauf, dass Schlecker Insolvenz beantragen musste. Der Berliner Insolvenzrechtler Torsten Martini verweist auf Neuregelungen im Insolvenzrecht, die am 1. März in Kraft treten und Schlecker erheblich bessere Bedingungen für eine Insolvenz verschafft hätten. So hätte das Unternehmen in Absprache mit seinen Gläubigern etwa einen Insolvenzverwalter der eigenen Wahl einsetzen können. Dass Schlecker nicht noch diese wenigen Wochen abgewartet hat, lässt vermuten, dass das Unternehmen tatsächlich bereits jetzt zahlungsunfähig war.

Wie stehen Schleckers Chancen auf ein Überleben?

"Schlecker hat eine Überlebenschance von mehr als 50 Prozent", meint der Handelsexperte Thomas Roeb von der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg. Ob die Drogeriekette die Chance auf den Neuanfang bekommt, hängt auch von den Gläubigern ab. "Die Hersteller haben ein großes Interesse, dass es Schlecker weiter gibt, weil sie sonst von zwei großen Drogerieketten abhängig sind", sagt Roeb.

Roeb hat Schlecker selbst beraten und kennt daher die Schwachstellen der Firma. "Das Unternehmen war schon immer auf Kante genäht und wesentlich weniger profitabel als die Konkurrenz", sagt Roeb. Schlecker habe viel zu spät mit der Sanierung begonnen und sich nicht rechtzeitig um Investoren gekümmert.

"Schlecker muss das Sanierungskonzept konsequent umsetzen", sagt Roeb. "Das Unternehmen muss die unprofitablen Läden schließen und die Personalkosten senken." In der Öffentlichkeit wurde Schleckers Abkehr von der Billiglohn-Strategie begrüßt, doch genau darin sieht der Experte einen wichtigen Grund für den Niedergang. "Schlecker ist Ver.di viel zu weit entgegengekommen und hätte sich dem Flächentarifvertrag nicht anschließen sollen. Den konnte sich das Unternehmen gar nicht leisten", sagt Roeb. "Schlecker war schon auf der schiefen Ebene und hat auch noch Seifenpulver draufgestreut."

Mitarbeit: Maria Marquart
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