Toiletten-Dienstleister Sanifair Billige Putzkräfte aus Bulgarien

Autobahnraststätten lassen ihre Toiletten von Subunternehmern putzen. Jetzt laufen Prozesse gegen mehrere von ihnen. Wurden bei Sanifair Putzkräfte aus Osteuropa ausgebeutet?
Toiletten-Drehkreuz von Sanifair: Möglicherweise den Mindestlohn umgangen

Toiletten-Drehkreuz von Sanifair: Möglicherweise den Mindestlohn umgangen

Foto: Bernd Thissen/ picture alliance / dpa

Als die Tank & Rast-Tochter Sanifair vor zehn Jahren Drehkreuze vor die Toiletten an deutschen Autobahnen montierte, provozierte dies zunächst den Ärger der Vielfahrer. Für die Benutzung der mit Meditationsmusik beschallten Toiletten mussten die Raststätten-Besucher nun bezahlen, was viele als Gängelung empfanden.

Doch der Unmut über die "Pinkel-Maut" von damals 50, heute 70 Cent verging schnell. Denn aus den ehemals verdreckten Trucker-Klos wurden Horte der Sauberkeit. Und die Gebühr ging einher mit dem Versprechen fairer Arbeitsbedingungen für die Reinigungskräfte.

Ein Prozess, der demnächst vor dem Landgericht Mainz beginnen soll, droht das Saubermann-Image der Branche nun ins Wanken zu bringen. Möglicherweise wurden hinter der Sanifair-Fassade systematisch Putzkräfte aus Osteuropa ausgebeutet.

Die Staatsanwaltschaft Mainz hat im Juni Anklage gegen zwei Reinigungsunternehmer und ihre Geschäftsfreunde erhoben, die von Anfang 2008 bis Mitte 2009 an bundesweit 27 Raststätten die Sanifair-Toiletten säuberten. Beauftragt wurden sie laut Landgericht von der Axxe Reisegastronomie GmbH, einer ehemaligen Tochter des Handelskonzerns Metro, die damals die Toiletten von Tank & Rast gepachtet hatte.

Klomänner und Klofrauen als Scheinselbstständige?

Der Vorwurf: Die TCC The Cleaning Company GmbH soll in 48 Fällen Klomänner und -frauen als Scheinselbstständige beschäftigt und so Mindestlohn und Sozialversicherungsbeiträge umgangen haben. Der Schaden für Beschäftigte und Sozialkassen soll sich auf rund 1,4 Millionen Euro belaufen.

Die Mitarbeiter sollen vor allem in Bulgarien angeworben und dann teils in Bussen nach Deutschland geschafft worden sein. Das manager magazin hat sich vergeblich um eine Stellungnahme der angeklagten früheren TCC-Geschäftsführer Udo Reif (62), eines ehemaligen Polizeibeamten, und Svetoslav Petrov (54) bemüht. Reif war nicht zu erreichen, eine Anfrage an Petrovs Anwaltskanzlei blieb unbeantwortet.

Laut Tank & Rast ist Sanifair vornehmlich ein Franchise-System, indem allein die Pächter für von ihnen beauftragte externe Dienstleister verantwortlich sind - in diesem Fall also die Axxe GmbH, die in ihrer damaligen Form heute nicht mehr existiert. Die Marke wird von der Elior Holding weitergeführt, die im fraglichen Zeitraum jedoch noch nicht zuständig war.

Reif und Petrov sind keine Unbekannten in der Toilettenbranche. Reif steht etwa mit mehreren weiteren Reinigungsfirmen in Verbindung und Petrov ist Gesellschafter der Frankfurter Terra Cleaner GmbH. Die Firma mit tadellosem Ruf hat namhafte Kunden in ganz Deutschland: Karstadt- und Kaufhof-Filialen zum Beispiel oder die der Familie Otto gehörende ECE Projektmanagement GmbH.

Die Branche floriert, denn Kaufhäuser und Shopping-Malls haben ihre stillen Orte durch das Outsourcing längst zu Geldquellen gemacht. Anders als bei den Raststätten speist sich der Umsatz der Reinigungsunternehmer hier oftmals ausschließlich aus dem vermeintlichen Trinkgeld, dass die Besucher auf einem Teller hinterlassen. Die Putzkräfte haben meist nichts davon.

Manchen Shopping-Centern müssen die Firmen deshalb für die Erlaubnis, ihre Toiletten putzen zu dürfen, sogar Geld zahlen. Ein lukratives Geschäft, denn an gut frequentierten Örtchen können die Unternehmer mit bis zu 1000 Euro Tellergeld pro Tag und Toilette rechnen.

Einer der Größten der Branche steht wohl bald im niedersächsischen Stade vor Gericht: Kai Schmidt (51), der einst bis zu 120 Toiletten in ganz Deutschland bewirtschaftete, soll laut Staatsanwaltschaft fast sechs Millionen Euro an Steuern und Sozialversicherungsbeiträgen hinterzogen haben. Er bestreitet die Vorwürfe.

6000 Euro pro Monat für die Putzerlaubnis

Schmidt war demnach von 2006 an beispielsweise für die Reinigung von rund 50 Toiletten der Kaufhof-Restauranttochter Dinea verantwortlich. Ein gutes Geschäft: Dinea war eine lästige Aufgabe los und ließ sich indirekt an den Trinkgeldeinnahmen beteiligen. Schmidt soll Dinea laut Staatsanwaltschaft für die Putzerlaubnis rund 6000 Euro pro Monat plus Mehrwertsteuer gezahlt haben. Auch Sanifair-Pächter gehörten zu seinen Kunden.

Bis heute reinigt Schmidt die Toiletten in Karstadt- und Kaufhof-Filialen sowie 15 Dinea-Restaurants, für die laut Kaufhof nun eine geringere Pacht vereinbart sei. Schmidt, so ein Konzernsprecher, habe versichert, dass seine Firmen gesetzeskonform arbeiteten; Kaufhof respektiere die Unschuldsvermutung. Karstadt teilt lediglich mit, dass der Konzern "derzeit in der Prüfung verschiedener Bewirtschaftungsmodelle" sei.

Die ECE Projektmanagement gehörte ebenfalls zu Schmidts Auftraggebern, trennte sich nach einem kritischen Fernsehbericht jedoch von ihm. Um einen "hochwertigen Service zu bieten" und "Probleme mit unseriösen Pächtern zu vermeiden", teilt ein Sprecher mit, arbeite ECE nun seit einigen Jahren mit Sanifair zusammen.