Modellrechnung zu Sanktionen Gasboykott würde Russland am härtesten treffen

Die bisherigen Sanktionen gegen Russland halten viele für unzureichend. Ein Kieler Forscher hat nun berechnet, mit welchen wirtschaftlichen Mitteln man Putin besonders schaden könnte.
Eugal-Erdgasempfangsstation nahe Greifswald: Was bedeutet ein Stopp für Deutschland?

Eugal-Erdgasempfangsstation nahe Greifswald: Was bedeutet ein Stopp für Deutschland?

Foto: Stefan Sauer / dpa

Nach der Ankündigung der Bundesregierung, das Genehmigungsverfahren über die umstrittene Ostsee-Pipeline Nord Stream 2 auszusetzen, hat sich die Debatte über weiter explodierende Energiepreise hierzulande verschärft. Um Russland als Zeichen der Missbilligung der russischen Aggression gegenüber der Ukraine wirtschaftlich zu treffen, müsste man nach Berechnungen des Kieler Instituts für Weltwirtschaft (IfW) aber genau da weitermachen.

Demnach kann der Westen die russische Wirtschaft mit einem Stopp von Gasimporten am härtesten treffen. Ein Handelsstopp mit Gas hätte einen Einbruch der russischen Wirtschaftsleistung um 2,9 Prozent zur Folge, wie aus der nun veröffentlichten Simulationsrechnung der Forscher hervorgeht. Ein vollständiger Verzicht auf russisches Öl wiederum würde die Wirtschaftsleistung um lediglich 1,2 Prozent drücken.

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Fraglich ist, welche Wirkungen das Ganze auf Deutschland hätte. »Ich glaube, da darf sich keiner was vormachen, wir haben ohnehin schon hohe Energiepreise, das wird uns auch selbst treffen«, hatte der ehemalige Außenminister und SPD-Politiker Sigmar Gabriel zum Stopp von Nord Stream 2 gesagt, auch wenn er den Schritt politisch begrüße.

Die Kieler Handelsexperten schreiben in ihrer Studie nun aber: »Für Deutschland und die EU wären die wirtschaftlichen Schäden in beiden Fällen äußerst gering.« Dabei spielt laut IfW keine Rolle, ob ein Einfuhrembargo seitens der EU verhängt würde, oder ob Russland ein Lieferembargo beschlösse.

Die deutsche Wirtschaftsleistung könnte laut IfW-Ökonom Hendrik Mahlkow bei einem Verzicht auf russisches Gas sogar leicht um 0,1 Prozent zunehmen, ebenso die der EU insgesamt. »Grund für das Plus ist, dass die westlichen Verbündeten die fehlenden Importe Russlands durch Produkte der Bündnispartner ersetzen würden und hier Deutschland besonders wettbewerbsfähig ist.«

Ökonom: Stopp von Nord Stream 2 verkraftbar

Im Falle eines Gasembargos hätte Deutschland etwa bei der energieintensiven Produktion beziehungsweise Verarbeitung von Metallen einen Kostenvorteil, weil sein Energiemix nur zu verhältnismäßig geringen Teilen aus russischem Gas bestehe.

Ein Embargo für Maschinen und Maschinenteile ließe Russlands Wirtschaft um 0,5 Prozent schrumpfen, eines auf Fahrzeuge und Fahrzeugteile um 0,3 Prozent. Für Deutschland und die EU hätten auch diese Maßnahmen laut IfW nur minimal negative Effekte.

Sehr viel pessimistischer als das IfW bewertet E.on-Vorstandschef Leonhard Birnbaum den Fall eines kompletten Ausfalls russischer Gaslieferungen. Er warnt vor den mittelfristigen Folgen für die deutsche Industrie. »Einige Betriebe müssten Stand heute von der Versorgung abgeschaltet werden«, sagte der Chef des Energiekonzerns der »Zeit«. Zwar wären die akuten Auswirkungen nicht so drastisch, weil das Ende der Heizperiode fast erreicht sei. »Aber im nächsten Winter könnte die Energiewirtschaft wahrscheinlich eine Reihe von Industriekunden nicht mehr ohne Weiteres versorgen.«

»Unsere Berechnungen sind exemplarischer Natur, aber sie zeigen klar, dass die mittelfristigen wirtschaftlichen Folgen von Handelsembargos Russland sehr viel härter treffen würden als die westlichen Verbündeten«, sagt dagegen IfW-Forscher Mahlkow. Aus diesem Grund wäre auch die Drohung Russlands mit einem Lieferstopp für Gas oder Öl wenig glaubhaft.

Der ehemalige russische Präsident und Vizechef des russischen Nationalen Sicherheitsrats, Dmitrij Medwedew, hatte bereits gedroht: »Herzlich willkommen in einer neuen Welt, wo die Europäer bald schon 2000 Euro pro 1000 Kubikmeter Gas zahlen werden!« Er ließ offen, ob er sich auf Preise beim Import oder für den Endverbraucher bezog, in jedem Fall läge das deutlich über aktuellen Preisen.

Nord-Stream-Stopp »absolut nachvollziehbar«

Mit Blick auf die ökonomischen Folgen sei ein Stopp der Ostsee-Pipeline Nord Stream 2 durch die Bundesregierung absolut nachvollziehbar, sagt Mahlkow. »Hierdurch wird Russlands geopolitische Position nicht noch weiter gestärkt, und es bedeutet nicht per se, dass russische Gaslieferungen weiter zurückgehen müssen.«

Hintergrund der Sanktionen ist die Anerkennung von Donezk und Luhansk als unabhängige Regionen durch Russlands Präsident Wladimir Putin – sowie dessen Entsendung von Soldaten in die Ostukraine. Die bislang etwa von Großbritannien getroffenen Strafmaßnahmen, die sich gegen Oligarchen und Banken richten, reichen laut einer Russland-Kennerin jedoch nicht im Geringsten aus.

Inzwischen haben auch weitere Länder sowie die EU nachgezogen und ähnliche Sanktionen erlassen, namentlich die USA , Japan, Australien und Kanada. Sie alle zielen darauf, Geschäftsleute und Entscheidungsträger, die die Politik von Präsident Wladimir Putin mittragen, zu bestrafen, indem etwa Gelder eingefroren werden. Betroffen sind auch Abgeordnete des russischen Parlaments, die für die Anerkennung der »Volksrepubliken« gestimmt haben.

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Die EU-Strafmaßnahmen sollten noch an diesem Mittwoch in Kraft treten. Vor der regulären Sitzung des Bundeskabinetts berieten Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) und die für Sicherheitsfragen zuständigen Bundesminister die Lage im Konflikt zwischen Russland und der Ukraine. Scholz hält es für möglich, dass die Pipeline nie in Betrieb gehen wird.

Unbeeindruckt von den Sanktionen sagte Putin am Mittwoch, dem Tag des Vaterlandsverteidigers: »Aber ich wiederhole: Die Interessen Russlands und die Sicherheit unserer Bürger sind für uns bedingungslos.« Russland sei immer offen für einen direkten und offenen Dialog, für eine Suche nach diplomatischen Lösungen.

apr/Reuters/dpa