Geschasste SAP-Chefin Gut gemacht, und tschüs

Bei SAP fliegt Vorstandschefin Jennifer Morgan aus der Doppelspitze - mit der Coronakrise als Begründung. Ein Schreiben von Aufsichtsratschef Plattner an die Belegschaft hinterlässt jedoch Fragen.
Jennifer Morgan

Jennifer Morgan

Foto: DANIEL ROLAND / AFP

Das Ende kam zur Geisterstunde: Sieben Minuten vor Mitternacht erklärte der Softwarekonzern SAP, dass man sich von Jennifer Morgan trennen werde, der ersten Frau, die jemals in der Geschichte der Bundesrepublik einen Dax-Konzern mitführte. Ihr Gastspiel als Chefin in Europas wertvollstem IT-Konzern dauerte gerade mal ein halbes Jahr.

Erst im Oktober war die US-Managerin zusammen mit dem Deutschen Christian Klein in einer Nacht-und-Nebel-Aktion an die SAP-Spitze gerückt. Aufsichtsratschef und Firmenmitgründer Hasso Plattner hatte die beiden nach Kalifornien einfliegen lassen, ihnen erklärt, dass man sich von Konzernchef Bill McDermott trennen werde. Er bat sie, das Steuer zu übernehmen. Beide waren überrascht, doch man sagt nicht Nein zu Hasso Plattner. Es sei eine Ehre, in seine Fußstapfen treten zu dürfen, und eine Doppelspitze sei genau das, was ein weltweit aufgestellter Konzern heutzutage brauche, hieß es damals. "Ich bin mir sicher, dass wir keine bessere Wahl hätten treffen können", lobte Plattner seine Entscheidung. Weltweit wurde SAP dafür gefeiert, eine Frau an die Spitze befördert zu haben.

Dienstagnacht, um 0.47 Uhr, bekamen die rund 100.000 SAP-Mitarbeiter wieder Post vom SAP-Silberrücken. "Die Erfahrung zeigt, dass sich im Privat- und Geschäftsleben die Dinge nicht immer nach Plan entwickeln", schreibt der 76-Jährige in seiner Erklärungsmail an alle. "Die Welt, wie wir sie kennen, wurde durch einen Virus auf den Kopf gestellt, der unser Leben, unsere Arbeit, Familien und unser Unternehmen auf nicht vorhersehbare Weise beeinträchtigt." In diesen Zeiten sei das Co-CEO-Modell nicht mehr das richtige: "Diese Krise ist mit nichts vergleichbar und macht Schnelligkeit, Klarheit und Entschlossenheit dringend notwendig", so Plattner. "Zum Wohle unseres Unternehmens und unserer Kunden haben wir deshalb entschieden, dass wir einen einzigen Vorstandssprecher brauchen, der uns durch diese Zeit führt."

Lesen Sie hier ein Interview mit Morgan aus dem November 2019:

Warum Klein und nicht Morgan?

Warum seine Wahl auf Klein gefallen ist, erklärt Plattner nicht. Aus seiner Entscheidung lässt sich ableiten, dass er Morgan "Schnelligkeit, Klarheit und Entschlossenheit" weniger zutraut als Klein. Die Frau, die seit 2004 im Konzern und seit 2017 im Vorstand ist, wird das Unternehmen bereits zum 30. April verlassen." Sie trete von ihrer Rolle zurück, schreibt Plattner, doch schon die Geschwindigkeit ihres Abgangs lässt erahnen, dass er erzwungen ist.

Oder war sie gar zu schnell zu gut? "Ich möchte Jennifer meine tiefe Dankbarkeit aussprechen. Zusammen mit Christian hat sie schneller als erwartet entscheidende Veränderungen umgesetzt." Gut gemacht, raus mit dir? Der Konzern bestreitet, dass es einen Machtkampf in der Doppelspitze gegeben habe. Morgan werde "immer ein Teil der SAP-Familie bleiben", schreibt Plattner: "Jennifer, ich wünsche Dir für Deine nächsten Schritte alles Gute." SAP werde noch viele Jahre von ihren Errungenschaften profitieren.

Die Entscheidung zurück zum Modell eines alleinigen Vorstandssprechers sei wegen der Coronakrise früher gefallen als geplant, teilt SAP mit. Tatsächlich war bei der Implementierung der Doppelspitze keine Rede davon, diese in absehbarer Zeit wieder abzuschaffen. Auch das Virus scheint als Grund für diese radikale Personalentscheidung nicht recht zu taugen. Die Softwarefirma arbeitet relativ normal weiter, 95 Prozent ihrer Belegschaft in aller Welt können problemlos von zu Hause aus arbeiten.

Die Nachricht vom Abgang Morgans wurde flankiert mit den deutlichen Gewinnen im ersten Quartal: 811 Millionen Euro nahmen die Badener ein. Obgleich das Geschäft mit Neulizenzen um rund 30 Prozent zurückgegangen ist, sehen Klein und Finanzvorstand Luka Mucic optimistisch in die Zukunft. SAP sei Dank des stark wachsenden Cloudgeschäfts und der dort anfallenden monatlich wiederkehrenden Erlöse widerstandsfähig gegen Krisen.

Der 39-jährige Klein führt jetzt allein

Warum die Wahl jetzt auf Klein und nicht auf die erfahrenere Morgan fiel, wird man wahrscheinlich genauso wenig erfahren wie die Gründe, die vor wenigen Monaten zu McDermotts überhastetem Abgang geführt haben. Beim Konzern ist man gewohnt, dass von Plattner gehyptes Führungspersonal schnell wieder in Ungnade fallen kann, dass Kronprinzen plötzlich abgekanzelt und Chefs handstreichartig entthront werden.

Ab jetzt führt der 39-jährige Christian Klein allein Deutschlands wertvollsten Dax-Konzern. Er gilt als bedächtig, bescheiden und bodenständig, eine echte Veränderung zum schillernden Verkäufer McDermott, der Probleme auch mal mit dem großen Auftritt überdecken konnte. Vor Kurzem holte Klein sich den technikversierten 35-jährigen Thomas Saueressig in den Vorstand, der wie er in Mannheim studiert hat und bei SAP groß geworden ist. Nach dem Ausflug zu amerikanischen Managementmethoden scheint sich der badische Softwareriese wieder stärker auf seine Wurzeln zu verlassen.

"Christian, das Unternehmen und ich zählen auf Dich", schreibt Plattner. "Wir wissen, dass Du uns durch diese turbulenten Zeiten führst, aus denen wir gestärkt hervorgehen werden. Du kannst Dich auf unsere Unterstützung verlassen." Ob den Vorstandschef diese Beteuerungen ruhig schlafen lassen?

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