Erste Dax-Chefin bei SAP Selbstverständlich eine Frau

Mit Jennifer Morgan rückt eine Frau an die Spitze des wertvollsten deutschen Konzerns SAP. Das war gerade in der IT-Branche lange undenkbar. Doch das Beispiel SAP zeigt, wie gut amerikanischer Einfluss manchmal tut.

Jennifer Morgan: "Natürlich müssen Frauen in den Vorstand, wenn sie die Besten sind"
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Jennifer Morgan: "Natürlich müssen Frauen in den Vorstand, wenn sie die Besten sind"

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Männer haben SAP gegründet, Männer haben die Softwarefirma seither geführt. Nun hat Aufsichtsratschef Hasso Plattner gemacht, was noch kein Dax-Unternehmen wagte: eine Frau an die Spitze gesetzt.

Und das Beste daran ist: Sie verschweigen es. Völlig selbstverständlich beruft Aufsichtsratschef Hasso Plattner am Freitag nach dem überraschenden Rücktritt des langjährigen Vorstandschefs Bill McDermott ein neues Führungsteam an die Spitze des Softwareriesen: die bisherigen Vorstandsmitglieder Jennifer Morgan (48) und Christian Klein (39).

Mit keiner Silbe erwähnt SAP dabei in der Presserklärung die historische Dimension dieser Berufung: Die Amerikanerin Morgan wird als erste Frau an der Spitze eines Dax-Konzerns in die Wirtschaftsgeschichte Deutschlands eingehen. Doch SAP widersteht der Versuchung, die neue Chefin als Postergirl zu missbrauchen.

Es war ein geschickter Schachzug, den Chefwechsel zuerst in den USA zu kommunizieren. Dort sind Frauen in Führungspositionen längst nicht mehr so exotisch wie hierzulande. Leistung und Geschlecht zusammenzudenken, ist dort lange schon nicht mehr gesellschaftsfähig. Neun Minuten lang interviewte der US-Wirtschaftssender CNBC das neue Führungsduo. Und stellte nicht eine einzige Frage über Morgans Rolle als Frau.

Über frauenfeindliche Witze lacht Plattner schon lange nicht mehr

In Deutschland ist das oft noch anders - und lange galt das auch für SAP. Der badische Softwarekonzern war, wie viele IT-Unternehmen, einst ein eingefleischter Männerladen. Von fünf Männern 1972 gegründet, seither von Männern geführt. Bis heute steht Gründer Hasso Plattner dem Unternehmen als Innovator und Aufsichtsratschef vor.

Scheidender SAP-Chef McDermott (Mitte) mit Christian Klein (l.) und Morgan: "Bill hat keine Angst vor starken Frauen"
DPA

Scheidender SAP-Chef McDermott (Mitte) mit Christian Klein (l.) und Morgan: "Bill hat keine Angst vor starken Frauen"

Der temperamentvolle 75-Jährige mit der schlohweißen Löwenmähne gilt immer noch als Herzkammer von SAP. Als in Deutschland Macho-Manager wie der rüpelnde Daimler-Boss Jürgen Schrempp (mit Ehefrau als Sekretärin) in Mode waren, lebte Plattner bereits zeitweise in seiner Wahlheimat Kalifornien, wo frauenfeindliche Witze verpönt waren.

Als Ende der Neunzigerjahre ein Manager bei einem Treffen in Hamburg versuchte, sich mit schlüpfrigen Witzen an Plattner anzuwanzen, ließ der ihn vor versammelter Mannschaft auflaufen. Es tue ihm leid, aber über frauenfeindliche Sprüche zu lachen habe man ihm in den USA abgewöhnt. Die ihm angebotene Havanna-Zigarre lehnte er ebenfalls dankend ab.

Heute besteht der Vorstand des wertvollsten Dax-Unternehmens aus einem Viertel Frauen, der Aufsichtsrat ist zu 60 Prozent weiblich besetzt, ein Viertel der Führungspositionen wird von Frauen gehalten.

Das ist zum großen Teil ein Verdienst des scheidenden Chefs Bill McDermott. "Bill hat keine Angst vor starken Frauen", sagt Jennifer Morgan, bei der Talentsuche habe er niemals auf das Geschlecht geachtet.

Morgan lernte McDermott vor fast zwanzig Jahren bei der Softwarefirma Siebel Systems kennen. Fünf Jahre später - er war bereits bei SAP - machte er ihr ein Jobangebot. Sie hatte Lust zu kommen, wollte aber zwischen den Jobs drei Monate mit ihrem damals zweijährigen Sohn verbringen. "Nimm dir soviel Zeit, wie du brauchst", sagte McDermott.

Morgan kam. Jahre später, als Morgans Mann, der sich daheim um die beiden Kinder kümmert, einen schlimmen Skiunfall hatte, bot McDermott ihr sofort Hilfe an. Nicht weil sie eine Frau ist, sondern weil sein Spitzenpersonal keiner Doppelbelastung ausgesetzt sein sollte.

"Ihr werdet weniger von mir hören"

Es ist wohl auch der amerikanischen Sozialisation zu verdanken, dass sich Morgan während ihres steilen Aufstiegs innerhalb des Konzerns nie scheute, sich Frauenfragen anzunehmen. Sie half aktiv mit, Förderprogramme für weibliche Führungskräfte aufzustellen und setzt sich für die gleiche Bezahlung von Männern und Frauen im Unternehmen ein.

"Natürlich müssen Frauen in den Vorstand, wenn sie die Besten sind", sagte sie am Rande der SAP-Messe Saphire im Jahr 2017. "Weil sie dann die Besten sind."

Nun wurde Morgan, die das US-Magazin "Forbes" zu den 100 einflussreichsten Frauen der Welt zählt, zusammen mit dem Deutschen Christian Klein als eine der beiden Besten ausgewählt um den nach Börsenwert größten Konzern Deutschlands zu führen.

Das Duo muss nicht fürchten, dass der alte Chef, der noch bis Ende des Jahres beraten soll, ihm im Weg steht. "Meiner Erfahrung nach brauchen Führer eine freie Startbahn, um Fliegen zu können", schreibt McDermott in seinem Abschiedsbrief an die Mitarbeiter. "Ich bin zwar noch da, aber ihr werdet weniger von mir hören." Einer Sache aber könne SAP und das neue Führungsteam sich sicher sein: "Ich bin immer in eurer Ecke."



insgesamt 34 Beiträge
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Seite 1
Kasob 11.10.2019
1. Oben eine Frau
Unten alles Männer. So ist viel für die Gleichberechtigung getan. Aber mal im Ernst, gleicher Lohn für gleiche Arbeit für alle Frauen, dass ist Gleichberechtigung. Sie ist nichts anderes als ein Feigenblatt.
heidebock 11.10.2019
2. Stark und richtig
.....ganz ohne das die Frauenquote greifen musste. So geht echte Emanzipation.....Die/der Beste möge den Job machen
plainchampagne 11.10.2019
3.
Also statistisch sind in den USA kaum mehr Frauen in Führungspositionen als in Deutschland. Und in beiden Ländern studieren auch ähnlich wenige Mädels vorstandsrelevante Fächer. Vorbildlich sind hier eher Thailand oder Russland, wo Frauen tatsächlich fast die Hälfte der Führungspositionen besetzen.
tillw 11.10.2019
4. Macht keine Sensation draus
Weshalb machen Sie es nicht wie die Amerikaner? Keinen Hehl daraus machen! Ich bin Jahrgang 1984, männlich und mir ist völlig egal ob ich eine Frau oder einen Mann als Chef habe. Bei beiden Geschlechtern habe ich positive wie negative Erfahrungen gemacht. Die Amerikaner gehen auf die "Neuigkeit" nicht weiter ein, würde uns auch gut tun. Für mich ist eine Frau an solch einer Stelle ebenso selbstverständlich wie es ein Mann ist.
tryanon 11.10.2019
5. Warum nicht
Ich finde das gut, als deutsche Frau, im Ausland lebend. Maenner haben keine Ahnung, wie anders Frauen denken, und wie wertvoll das (eventuell) sein kann. Worst case scenario: she's selfish and short-term thinking like a man. Best case scenario: she makes a difference - in a positive way.
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