Schadensersatzprozess Leo Kirch stellt sich Showdown mit Breuer

Der Streit zwischen Leo Kirch und Ex-Deutsche-Bank-Chef Rolf Breuer tobt seit Jahren - nun trafen die beiden Manager das erste Mal seit der Pleite des Kirch-Konzerns vor Gericht aufeinander. Doch für den greisen Medienunternehmer war der Stress zu viel.

Prozessgegner Kirch (l.) und Breuer (r.): Showdown vor Gericht
dapd

Prozessgegner Kirch (l.) und Breuer (r.): Showdown vor Gericht


München - Er ist fast blind und er kann kaum noch sprechen - doch Leo Kirch will unbedingt seine Fehde gegen den früheren Deutsche-Bank-Chef Rolf Breuer gewinnen. Seit der Pleite von Kirchs Medienkonzern 2002 streiten die beiden vor Gericht über Schadensersatz. Erstmals seit Jahren trafen die Männer nun vor dem Oberlandesgericht München von Angesicht zu Angesicht aufeinander.

Der Auftritt von Kirch ließ erahnen, wie verbittert er über den Untergang seines Lebenswerkes sein muss. Denn trotz seines offensichtlich schlechten Gesundheitszustands schleppte der 84-Jährige sich vor den Richter.

Im Rollstuhl wurde Kirch vor den Richtertisch gefahren. Mit stockender, kaum hörbarer Stimme erklärte er dem Senat, jedes Wort bereite ihm große Mühe. Wie eine Dolmetscherin wiederholte eine langjährige Mitarbeiterin Kirchs jede seiner geflüsterten Antworten laut. Sein Anwalt Wolf-Rüdiger Bub sagte zum Gesundheitszustand des einst mächtigen Unternehmers: "Er sieht auch nicht." Doch Kirch will nicht als senil dastehen. "Ich weiß schon, wo ich bin", sagte er.

Breuer folgte der Befragung Kirchs zunächst ohne größere Regung - meist mit verschränkten Armen. Beide würdigten sich kaum eines Blickes, obwohl sie nur knapp zwei Meter voneinander entfernt saßen.

Kirch lässt Einblicke in sein Geschäftsgebaren zu

Kirch macht die Deutsche Bank und Breuer persönlich für die Pleite des KirchMedia-Konzerns im April 2002 verantwortlich. Breuer hatte zwei Monate zuvor in einem Fernsehinterview bezweifelt, dass die bereits schwer angeschlagene Kirch-Gruppe weitere Bankkredite bekommen werde. Ein Zusammenschluss von 17 ehemaligen Kirch-Unternehmen fordert deshalb zwei Milliarden Euro Schadenersatz. Die Bank und Breuer weisen die Vorwürfe zurück - auch wenn Breuer das Interview mittlerweile bereut.

Der Bundesgerichtshof hatte Breuer bereits Pflichtverletzung vorgeworfen und Kirch grundsätzlich Schadenersatz zugestanden. Dafür muss er jedoch beweisen, welcher konkrete Schaden durch das Interview entstanden ist.

Der Medienunternehmer gab im Prozess Einblicke, wie er sein Geschäft aufbaute und führte. Er habe immer mit geliehenem Geld gearbeitet, berichtete Kirch. Seinen ersten Film "La Strada" habe er 1956 für 25.000 Mark gekauft. "Das ging über meine finanziellen Möglichkeiten hinaus", räumte er ein. Dieses Problem habe er immer gehabt - in wachsenden Größenordnungen bis zu einer Verschuldung von sechs Milliarden Euro im Jahr 2001. Aber so habe das Geschäft funktioniert. Damals habe die Deutsche Bank mit ihm ins Geschäft kommen wollen.

Nach 90 Minuten greift Kirchs Arzt ein

Nach gut eineinhalb Stunden vor Gericht, erklärte Kirchs Arzt den 84-Jährigen für nicht mehr verhandlungsfähig. Daraufhin brach das Gericht die Vernehmung ab. Kirch soll an einem anderen Tag noch einmal vor Gericht erscheinen.

Das Oberlandesgericht will von Kirch und Breuer wissen, ob die Deutsche Bank mit dem Unternehmer 2002 über neue Kredite verhandelt hatte und es damit schon einen Vorvertrag gab, nach dem Breuer nicht mehr öffentlich über den Kunden hätte sprechen dürfen. Der Senat prüft auch, ob Breuer Kirch mit dem Interview gezielt unter Druck setzen wollte, um von ihm ein lukratives Beratungsmandat bei der Sanierung des Konzerns zu erhalten - und in Absprache mit dem damaligen Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) ausländische Medienkonzerne außen vor zu halten.

Eine Schadensersatzklage Kirchs über 1,3 Milliarden Euro in einem anderen Verfahren war im Februar vom Landgericht München abgewiesen worden.

Aufstieg und Niedergang des Kirch-Imperiums
Der Aufbau des Kirch-Imperiums
Mit geliehenem Geld kaufte der Student Leo Kirch 1956 die Rechte für Federico Fellinis Film "La Strada". In den folgenden Jahren baute er eines der größten Medienimperien in Europa auf.

1956: Kirch eröffnet ein Filmhandelsgeschäft. Für ARD und ZDF wird er zum wichtigen Filmlieferanten.

1985: Kirch gründet mit mehreren Verlagen den ersten Privatsender Sat.1.

1997: Kirchs Sender ProSieben geht an die Börse.

1999: Silvio Berlusconi stiegt beim Film- und Sportrechtehandel KirchMedia ein.

2000: Rupert Murdoch steigt bei Kirchs defizitärem Abosender Premiere ein. ProSiebenSat.1 geht an die Börse.

Sommer 2001: Kirch kauft die Formel-1-Rechte.

Der Niedergang des Kirch-Imperiums
Verluste beim Pay-TV trieben den Konzern 2002 in die Pleite.

Dezember 2001: Spekulationen über akute Geldnöte Kirchs; Murdoch bestreitet Pläne für eine feindliche Übernahme.

Januar 2002: Die Dresdner Bank fordert einen 460-Millionen-Euro-Kredit zurück. Springer will ProSiebenSat.1-Anteile für 770 Millionen Euro zurückgeben. Der Kirch-Konzern beziffert seine Schulden auf 6,1 Milliarden Euro.

Februar 2002: Deutsche-Bank-Chef Rolf Breuer bezweifelt Kirchs Kreditwürdigkeit. ProSiebenSat.1 meldet einen Gewinneinbruch. Murdoch kündigt seinen Ausstieg bei Premiere an und fordert 1,6 Milliarden Euro zurück.

8. April 2002: KirchMedia meldet Insolvenz an.

(Quelle: dapd)

mmq/dapd/dpa/Reuters



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