Schlaue Netze Cisco startet Machtkampf ums Strom-Internet

Mit Schaltkästen fürs Internet verdient Cisco Milliarden, jetzt überträgt der IT-Gigant sein Geschäftsmodell auf den Energiemarkt: Er präsentiert die erste Hardware, mit der sich Stromnetze einst ähnlich steuern lassen sollen wie das World Wide Web.
Cisco-Chef Chambers: Attacke auf dem Energiemarkt

Cisco-Chef Chambers: Attacke auf dem Energiemarkt

Foto: Paul Sakuma/ ASSOCIATED PRESS

Hamburg - Cisco gehört zu den Pionieren des Dotcom-Booms. Groß geworden ist der Konzern mit einer recht simplen Geschäftsidee: dem Multiprotokoll-Router. Ein kleiner, oft grauer Kasten, gefüllt mit schlauer Software, die die Vernetzung von Computern stark vereinfacht. Später kam ein Switch hinzu, ein Gerät, das einzelne Netzwerk-Segmente miteinander verbindet. Diese beiden Kästen haben das Internet nachhaltig geprägt - und Cisco zu einem Megakonzern gemacht: 6,1 Milliarden Dollar nahm das Unternehmen 2009 ein, bei einem Umsatz von 36,1 Milliarden.

Smart Grid

Jetzt drängt Cisco in den nächsten möglichen Milliardenmarkt: das sogenannte , ein schlaues Stromnetz, durch das nicht nur Elektrizität, sondern auch Daten fließen - und das wesentlich effizienter und flexibler arbeitet als unsere aktuelle Energie-Infrastruktur.

Im Oktober hat Cisco eine eigene Smart-Grid-Abteilung gegründet, am Dienstag nun hat der Konzern die ersten Router und Switches präsentiert, die speziell für die Steuerung von schlauen Stromnetzen konzipiert sind. "Bislang sind die Netze dumm", sagt Rolf Adam, der Ciscos Smart-Grid-Aktivitäten in Europa leitet. In der EU seien derzeit nur fünf bis acht Prozent der örtlichen Stromnetze mit schlauen Schaltstellen ausgestattet. "Das bedeutet: Die Netzbetreiber wissen meist nicht, wo wie viel Energie verbraucht oder eingespeist wird. Entsprechend ineffizient ist die Regulierung der Netze."

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In den kommenden Jahren soll sich das rasch ändern. "Wir gehen davon aus, dass bis 2020 gut 80 Prozent der örtlichen Netze mit intelligenten Routern und Switches ausgestattet sein werden", sagt Adam. Insgesamt gebe es in Europa bis zu fünf Millionen Ortsnetzstationen.

Erste Pilotprojekte laufen an

Der Konzern prescht also in einem potentiellen Milliardenmarkt vor. Und es besteht kaum ein Zweifel daran, dass er diesen ähnlich dominieren will wie das Internet. "Wir rechnen mit einem zukünftigen jährlichen Marktpotential von 20 Milliarden Dollar", sagte Christian Feißt, Ciscos Leiter Geschäftsentwicklung Smart Grid, schon im September 2009 zu SPIEGEL ONLINE. Die größten Wachstumschancen sieht der Konzern nach eigenen Angaben beim Ausbau der Infrastruktur. Tatsächlich ist diese für die Stromversorger äußerst wichtig - ohne moderne Architektur wird die Regulierung des Energieflusses zusehends chaotischer:

  • Erstens soll das Stromnetz der Zukunft nach Willen der Regierung zu einer Plattform werden, auf der jeder mit jedem kommuniziert; die Waschmaschine mit dem Wäschetrockner, der Energiezähler mit der Solaranlage auf dem Dach. Die Geräte sollen ständig wissen, wie viel Strom in den Netzen verfügbar ist - und immer dann arbeiten, wenn die Auslastung möglichst gering ist.
  • Zweitens wird die Energieerzeugung zusehends dezentraler. Neben Solardachanlagen stellen sich immer mehr Verbraucher Mini-Windräder in den Garten oder Blockheizkraftwerke in den Keller. Je mehr Energie dezentral in die Netze eingespeist wird, desto stärker schwanken allerdings auch Stromangebot und -nachfrage. Entsprechend wächst der Bedarf an Koordination.

Entsprechend zeigen erste Stromversorger bereits Interesse an Routern und Switches fürs Strom-Internet. Als erster Netzbetreiber testet E.on Westfalen Weser Ciscos Schaltstellen. Und Adam zufolge laufen bereits zahlreiche weitere Pilotprojekte in ganz Europa.

Der Konzern tut viel, um sich eine ähnliche Vormachtstellung im Smart Grid zu erarbeiten wie im Internet. Bis dahin aber ist es noch ein langer Weg. Denn ähnlich wie bei Smartphones oder modernen PCs generiert Hardware allein noch keine Marktmacht. Die Geräte für die Energie-Zukunft mag Cisco präsentiert haben; die Software, mit der sich irgendwann einmal die dezentralen Stromnetze ganzer Ortschaften weitgehend automatisch steuern lassen, muss in den kommenden Jahren erst noch entwickelt werden.

Und tatsächlich bemüht sich Cisco darum, ein entsprechendes Ökosystem um seine Smart-Grid-Aktivitäten herumzubauen. "Wir versuchen, möglichst viele Partner ins Boot zu holen", sagt Adam. "Und wir setzen uns dafür ein, dass das Strom-Internet wie das World Wide Web auf einer offenen IP-basierten Infrastruktur basiert." Nur diese gewährleiste, dass das Smart Grid zu einer Kommunikationsplattform werde, auf der alle möglichen Anbieter neue Geschäftsmodelle entwickeln können - und damit, dass das schlaue Stromnetz zum Massenmarkt wird.

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