Anton Schleckers Bewährungsstrafe Gnade für den Patriarchen

Als die Pleite seines Drogerie-Imperiums längst feststand, schaffte Anton Schlecker noch Millionen zur Seite. Dennoch kommt er mit einer Bewährungsstrafe davon, seine Kinder müssen in Haft. Die Begründung des Gerichts ist bemerkenswert.
Anton Schleckers Bewährungsstrafe: Gnade für den Patriarchen

Anton Schleckers Bewährungsstrafe: Gnade für den Patriarchen

Foto: KOPATSC/ EPA-EFE/ REX/ Shutterstock

Als Anton Schlecker vom Landgericht Stuttgart wegen Bankrotts zu einer zweijährigen Bewährungsstrafe verurteilt wird, ertönt von den Besucherbänken ungläubiges Gemurmel. Viele sogenannte Schlecker-Frauen, die in den hinteren Reihen im Gerichtssaal Platz genommen haben, rechneten offenbar mit einer härteren Strafe.

Als dann aber Schleckers Kinder Lars und Meike zu zwei Jahren und neun beziehungsweise acht Monaten Haft verurteilt werden, rufen einige Besucher deutlich hörbar "Yes" und "Jawoll". Für sie ist es offenbar eine Genugtuung, dass zumindest Schleckers Kinder hinter Gittern landen.

Nach acht Monaten Verhandlung endet mit dem Urteil von Montag einer der aufsehenerregendsten Prozesse der deutschen Wirtschaftsgeschichte. Mehr als 20.000 Menschen verloren durch die Insolvenz der Drogeriekette im Jahr 2012 ihren Job.

Anton Schlecker zeigt während der dreistündigen Urteilsverkündung keine Regung. Ab und zu legt der ehemalige Drogeriekönig seine Hände auf den Tisch, faltet sie zusammen und blickt zur Decke. Man sieht Schlecker an, dass ihn der acht Monate lange Prozess mitgenommen hat. Nichts an seiner zermürbten Erscheinung erinnert noch daran, dass dieser Mann einmal der Alleinherrscher eines Milliardenunternehmens war.

Dass die einst größte Drogeriemarktkette Europas 2012 in die Pleite schlitterte und Zehntausende Menschen ihren Job verloren, wird Schlecker und seinen Kindern aber nicht vorgeworfen. "Dass Anton Schlecker eine Insolvenz verursacht hat, ist nicht strafbar", erklärte der Vorsitzende Richter Roderich Martis. Genau das hatten auch die Verteidigung und die Anklage mehrmals im Verlauf des Prozesses betont.

Vor der Insolvenz aber hat Schlecker Geld zur Seite geschafft und so dem Zugriff der Gläubiger entzogen. Vorsätzlicher Bankrott in mehreren Fällen, lautet der Straftatbestand. Millionen brachte Schlecker vor seinen Gläubigern in Sicherheit und verschob sie an seine Familie, als seinem Unternehmen längst die Zahlungsunfähigkeit drohte.

Wann war die Pleite absehbar?

In der Urteilsverkündung ging es um die alles entscheidende Frage, wann dem alten Patriarchen die drohende Zahlungsunfähigkeit klar gewesen sein musste. Richter Martis nannte eine Zahlenkolonne nach der anderen. Spätestens Anfang 2011 habe Anton Schlecker als erfahrener Kaufmann und quasi alleinherrschender Firmenchef die drohende Zahlungsunfähigkeit seines Unternehmens erkannt, sagte Martis.

Von da an hätte er kein Geld mehr aus der Firma abziehen dürfen. Da Schlecker sein Milliardenreich bis zuletzt als eingetragener Kaufmann geführt hatte, haftete er mit seinem privaten Vermögen. Eine Konstruktion, die eher für eine Currywurstbude taugt als für ein riesiges Drogerie-Imperium. Denn wenn das Unternehmen den Bach heruntergeht, muss der Chef dafür bis zu seinem letzten Cent geradestehen.

Im Prozess ging es unter anderem um Geldgeschenke an Schleckers Nachkommen - vor allem aber um völlig überzogene Stundensätze, die er an die Logistikfirma seiner Kinder zahlte. Mehrere Millionen Euro flossen in die Firma der Kinder, die sich nur drei Tage vor der Insolvenz des Vaters "vorläufige Gewinnausschüttungen" in Höhe von mehreren Millionen Euro auf ihre Privatkonten gestatteten.

Außerdem bezahlte Schlecker der Familie eine Luxusreise nach Antigua im Wert von 58.000 Euro. Und Sohn Lars ließ seine Wohnung in Berlin-Mitte für eine stattliche Summe sanieren - auch diese Rechnung beglich sein Vater.

Die Gläubiger warten noch immer

"Man hat versucht, vor der drohenden Insolvenz alles beiseite zu schaffen", sagte Richter Martis. Auch als die Pleite feststand, sei keiner auf die Idee gekommen, das entnommene Geld zu verwenden, um Rechnungen zu bezahlen und Löhne zu bezahlen. Noch immer warten unzählige Gläubiger auf die Begleichung ihrer Rechnungen.

Warum aber müssen Anton Schleckers Kinder ins Gefängnis, er dagegen nicht?

Das begründet das Gericht damit, dass der ihm zuzurechnende Schaden viel kleiner ausfällt als in der Anklageschrift der Staatsanwälte. Seine Kinder hätten durch die Entgegennahme der überhöhten Stundensätze einen viel höheren Schaden angerichtet. Sie waren die großen Nutznießer, als kurz vor der Insolvenz Millionen auf ihre Privatkonten flossen. Angesichts dieser Schadenssumme ist nach Ansicht des Gerichts keine Bewährungsstrafe mehr möglich.

Außerdem habe der inzwischen 73-jährige Schlecker sein Leben lang gearbeitet und sich nie etwas zuschulden kommen lassen. Und selbst habe er sich nicht bereichert. Tatsächlich hat Schlecker keine Ferraris gekauft, und auch kein Geld ins Ausland transferiert. "Anton Schlecker hat für seine Familie Geld beiseite geschafft. Besonders verwerflich ist das nicht", sagte Richter Martis. Eine Gewinnsucht könne er deswegen nicht erkennen.

Hinzu kommt: Die Schleckers haben mittlerweile 14 Millionen Euro an den Insolvenzverwalter zurückgezahlt, davon zehn Millionen im Rahmen eines Vergleichs. Vier weitere Millionen überwiesen sie freiwillig kurz vor dem Ende des Prozesses als "Schadenswiedergutmachung". Den strafrechtlich relevanten Schaden haben sie damit nach Ansicht des Gerichts "überzahlt".

Gefängnis hin oder her: Seine größte Strafe hat Schlecker womöglich längst bekommen: Der scheue Familienpatriarch wurde zum Prozessbeginn Anfang März ins Rampenlicht gezerrt. Jeden Montag saß Schlecker gemeinsam mit seiner Familie auf der Anklagebank und musste sich der Öffentlichkeit stellen. Monatelang wühlten sich Staatsanwälte durch unzählige Dokumente und Zeugenaussagen, zogen akribisch und in aller Öffentlichkeit eine Bilanz seines unternehmerischen Scheiterns. Das ist für Schlecker vielleicht die größte Schmach.

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