Ex-Zentrale des Drogeriekonzerns Neustart im Schleckerland

Die ehemalige Konzernzentrale Anton Schleckers in Ehingen ist ein Sinnbild für Großmannssucht. Nun hat die Stadt den Klotz gekauft - und will Gründer in den Komplex locken. Die könnten schnell auf den alten Hausherren treffen.

SPIEGEL ONLINE

Von , Ehingen


"Aussteigen, bitte. Sonderfahrt", erklingt eine blecherne Frauenstimme im Aufzug. Jahrelang war dies in der Schlecker-Konzernzentrale ein wichtiges Signal. Mitarbeiter mussten den mit dunklem Holz und Spiegeln verkleideten Fahrstuhl räumen. Denn die Durchsage kündigte an, dass nun Anton oder Christa Schlecker gedachten, Lift zu fahren - und zwar alleine.

Das Ehepaar Schlecker hat die Macht über seinen Drogeriekonzern und die riesige Zentrale vor drei Jahren verloren. Aber die Stimme im Aufzug funktioniert noch immer, wenn jemand aus dem siebten Stock den Lift ruft. Immer noch sind es die Schleckers, die auf der früheren Chefetage residieren. Über eine Immobilienfirma, die ihnen geblieben ist, haben sie die Büros angemietet. Den Schlüssel für den Lift konnten sie behalten.

Ehingen ist eine gemütliche 25.000-Einwohner-Stadt mit hübsch sanierten historischen Gebäuden. Ehingen, das war bis zur Konzernpleite 2012 aber auch immer: Schlecker. Diesen Anspruch macht die Architektur der ehemaligen Unternehmenszentrale am Ortsrand deutlich: Eine bläulich schimmernde Glasfassade umgibt den gigantischen Büroklotz. Der mehr als 20.000 Quadratmeter große Komplex besteht aus vier massigen zusammenhängenden Gebäuden.

Die mannshohen "Schlecker"-Buchstaben stehen - inzwischen etwas zugewachsen - vor dem Haupteingang. Der Insolvenzverwalter geht im Gebäude noch seinen Geschäften nach, einige ehemalige Schlecker-Leute arbeiten weiterhin für ihn. Ein Pförtner bewacht die marmorverkleidete Lobby.

Dort empfangen jetzt die neuen Hausherren Besuch: Alexander Baumann und Michael Gaßner. Der Ehinger Oberbürgermeister und der Unternehmensberater wollen aus dem Pleitebau einen Businesspark machen.

Oberbürgermeister Baumann (l.) und Projektmanager Gaßner
SPIEGEL ONLINE

Oberbürgermeister Baumann (l.) und Projektmanager Gaßner

CDU-Politiker Baumann kann für Ehingen eine gute Bilanz vorweisen. Die Stadt ist schuldenfrei und hat eine Arbeitslosenquote von nur 3,7 Prozent. "Das Schlecker-Areal ist eigentlich das einzige Sorgenkind", sagt Baumann.

Die Stadt Ehingen hat das Gebäude vom Insolvenzverwalter gekauft, über den Preis schweigen beide Seiten. Kein anderer Investor hatte Interesse. Der Flughafen Stuttgart ist gut eine Autostunde von Ehingen entfernt, zur A7 und A8 sind es zwischen 20 und 30 Kilometer. Wäre die Immobilie verfallen, wäre sie ein Abwicklungsfall für die Stadt geworden. Darum hat Oberbürgermeister Baumann einen Plan gefasst: Dort, wo Anton Schlecker sein Lebenswerk letztlich an die Wand fuhr, sollen künftig junge und aufstrebende Unternehmen ihren Platz finden. Aus dem Schlecker-Glaspalast soll der Businesspark Ehingen Donau werden - kurz BED.

Baumann - kurzgeschorene Haare, akkurat getrimmter Bart und dezente Brille - verkörpert mit seinem dunklen Anzug und Krawatte das Musterbild des seriösen Stadtverwalters. Der Politiker zieht im Hintergrund die Strippen, der Vermarkter für den Businesspark ist Michael Gaßner.

"Je länger wir überlegt haben, desto optimistischer wurden wir", sagt Baumann über das Projekt. Gaßner will es zum Laufen bringen, immerhin ist er selbst mit einem Zehn-Prozent-Anteil daran beteiligt. Der Berater geht in der Rolle des Verkäufers voll auf. Er hat ein provisorisches Büro eingeräumt, Broschüren zum Businesspark liegen aufgefächert auf dem Tisch. Ein Besprechungssofa steht bereit. Gaßner lobt die gute Substanz des Gebäudes und den Oberbürgermeister. Der wiederum lobt die schnelle Internetverbindung, die es im Gebäude gibt. "Die Mieter können morgen rein, den Laptop anstecken und anfangen", sagt Baumann.

Er und Gaßner wollen das Pleite-Image aus dem Gebäude herausbekommen.

Die beiden gehen in einen großen Konferenzraum im Erdgeschoss mit Blick auf den riesigen Parkplatz vor der Zentrale. Gaßner deutet auf die Fensterfront des Raumes. "Hier kommen zwei große Fensterscheiben raus und stattdessen eine große Schiebetür rein. Eine, die sich von selbst öffnet", sagt er. Baumann nickt zufrieden.

Bauarbeiten für die zusätzlichen Eingänge ins Gebäude
SPIEGEL ONLINE

Bauarbeiten für die zusätzlichen Eingänge ins Gebäude

Anton Schlecker schleuste seine zuletzt etwa 500 Mitarbeiter am Firmensitz durch einen zentralen Eingang. Kontrolle war ihm wichtig. Wenn Schlecker nun aus dem Fenster seiner bislang so verschlossenen Zentrale blickt, sieht er, wie die Arbeiter bereits die Pflastersteine für zwei zusätzliche Zugänge im hinteren Teil des Baus verlegen.

Denn am 19. Juni passiert etwas, was es unter Schlecker nie gab: Es ist Tag der offenen Tür. Mehr als tausend potenzielle Mietinteressenten wurden eingeladen, sich den künftigen Businesspark anzuschauen. Nur wer angemeldet ist, kommt rein.

Als Gaßner das erste Mal vor dem riesigen Büroklotz mit der blau spiegelnden Fassade stand, ging es ihm wie den meisten Betrachtern. "Das Gebäude erdrückt dich", beschreibt er seine ersten Eindrücke. Doch recht schnell kam ihm ein weiterer Gedanke. "Wir müssen das Gebäude in Scheiben schneiden."

Der Komplex wurde in vier Abschnitte aufgeteilt. Im ersten Teil können Firmen Einzimmer-Büros bis hin zur 500-Quadratmeter-Etage anmieten. Gaßner und Baumann schlendern durch einen langen Flur, rechts gehen die Bürotüren ab. Keine ist abgeschlossen. Gaßner öffnet immer wieder mal eine. "199 Euro zuzüglich Umsatzsteuer und Nebenkosten. Für 22 Quadratmeter", er klingt jetzt wie ein Verkäufer auf dem Wochenmarkt.

88 kleine Büros gibt es, Besprechungsräume und Empfangszimmer können sich die Mieter teilen. Das Mobiliar stammt noch von Schlecker. Graue Wandschränke, graue Schreibtische, graue Rollcontainer mit Schubladengriffen in Schlecker-blau. Schwarze Bürostühle. Dazwischen vertrocknete Zimmerpflanzen und immer mal wieder erstaunlich grüne Stauden. In manchen Büros stehen Gießkannen. Die Räume könnten als Kulisse für die Büro-Satire "Stromberg" dienen.

Fotostrecke

7  Bilder
Alte Konzernzentrale: Früher Schlecker, künftig Business
Der Bürgermeister und der Projektmanager laufen weiter in den zweiten Abschnitt. Ganze Etagen mit rund 650 Quadratmetern. Überall in den Fluren hängen gerahmte Tierbilder. Löwen, Äffchen, Giraffen. Die Schleckers sollen die Bilder während einer Safari geschossen haben. Gaßner läuft in die Büros, reißt die Fenster auf. Warme Sommerluft vermischt sich mit abgestandenem Bürogeruch. Draußen ist zwischen Bäumen und Büschen ein Teich mit Bänkchen zu sehen, zwischen dem Grün schimmert die Donau.

Ausblick aus dem Bürokomplex auf einen Teich
SPIEGEL ONLINE

Ausblick aus dem Bürokomplex auf einen Teich

Gaßner beugt sich aus dem Fenster und betrachtet die Fassade. Spinnweben hängen daran. "Da muss wieder geputzt werden", sagt er. Baumann nickt. An einer Ecke im Flur fehlt eine Bodenleiste. "Kleinigkeiten", murmelt Gaßner. Das Gebäude sei gut in Schuss. Der Insolvenzverwalter ließ regelmäßig lüften und auf die Toilettenspülungen drücken. "Diese Immobilie wurde gebaut, als Schlecker noch richtig Geld hatte", sagt Gaßner. Die mobilen Bürowände lassen sich ausbauen oder verschieben. Die beige gefliesten Toilettenräume wirken moderner als in vielen Kaufhäusern. Die Küchen auf den Etagen sind gepflegt.

Gaßner führt in den dritten Teil des Gebäudes. Hier sind die ehemaligen Schlecker-Konferenzräume. Im Flur hängt noch ein Plakat. "SCHLECKER. FOR YOU. VOR ORT." steht darauf. Mit diesem Slogan wollte Schlecker ab 2011 Kunden anlocken, die Wende schaffen. Nicht einmal ein Jahr später verkündete Schlecker-Tochter Meike in einem der Konferenzräume vor Journalisten, dass ihr Vater "kein signifikantes Vermögen mehr" habe.

Vorbei. Künftig sollen hier Hochschulen und Firmen Fortbildungsveranstaltungen abhalten, haben sich die Businesspark-Planer überlegt. Oberbürgermeister Baumann denkt schon langfristig. Er kann sich sogar vorstellen, dass die ehemalige Schlecker-Zentrale Anlaufpunkt für baden-württembergische Mittelständler wird, die sich in Sachen Digitalisierung und Industrie 4.0 weiterbilden sollen. Damit sie nicht auch wie Schlecker die Moderne verschlafen.

Der vierte Abschnitt ist wohl der ambitionierteste: Hier schweben Baumann und Gaßner Appartements vor, in denen Seminarteilnehmer oder Geschäftsleute übernachten sollen.

1,5 Millionen Euro Investitionen sind bis zum Erreichen der Gewinnschwelle eingeplant - das Appartement-Projekt ist dabei nicht einbezogen. Mittelfristiges Ziel ist, dass in zwei Jahren 60 Prozent der Gesamtfläche ausgelastet sind. Bis zu 25 Interessenten hätten sich schon gemeldet, sagt Gaßner. Darunter Arztpraxen, Steuerberater, expandierende Mittelständler und Gründer. Würden sie alle zusagen, wären schon etwa 12.000 Quadratmeter vermietet.

Mieter Dierk Proppe unterschreibt den Vertrag
SPIEGEL ONLINE

Mieter Dierk Proppe unterschreibt den Vertrag

Gaßner und Oberbürgermeister Baumann eilen in die Lobby. Dort wartet schon Dierk Proppe. Er ist Geschäftsführer eines Sicherheits- und Kommunikationsunternehmens. Gaßner führt ihn in seinen Besprechungsraum. Proppe kennt das Gebäude schon. Er hat eine neue Geschäftsidee. Dafür braucht er Platz. Zwei Büros mit insgesamt 44 Quadratmetern bekommt er für 299 Euro plus Nebenkosten in der alten Schlecker-Zentrale. "Ein super Preis! Ich bin flexibel und könnte sogar expandieren", sagt Proppe. Doch lastet nicht das alte Schlecker-Image zu sehr auf dem Gebäude? "Die Schleckers sind für mich ehrbare Leute", sagt der Unternehmer. "Die haben doch auch was aufgebaut. Und die Außenfassade macht was her." Er setzt sich an einen Besprechungstisch und unterschreibt den Mietvertrag.

Auf solche Unternehmer setzen Gaßner und Baumann: Leute, die ein günstiges Büro zum Arbeiten wollen. Die ein Durchschnittsbüro und keine Kreativinsel mit Designermöbeln suchen. Die in der gigantischen Glasfassade einen repräsentativen Standort sehen und kein Symbol des Untergangs.

"Ab 2016 kommt hier der Name Schlecker nicht mehr vor. Dann ist hier nur noch Businesspark und Zukunft angesagt", sagt Gaßner. Anton Schlecker müsse sich aber keine Sorgen um sein altes Büro machen. Die Firma der Familie hat einen Mietvertrag und zahlt verlässlich. Jeder Mieter sei willkommen.



insgesamt 43 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
karlsiegfried 16.06.2015
1. Prima und viel Glück
Frage: Was passiert eigentlich, wenn das Projekt in die Hose geht?
BeratungsconsultingWirkes 16.06.2015
2.
Das wäre doch super geeignet als zentrale Erstaufnahmeeinrichtung.
hapebo 16.06.2015
3. Bum Bum!
Vielleicht kann man Bomben testen wens schief geht.Allerdings rechtzeitig den Schleckers bescheid geben,damit sie rausgehen bevor es bum macht.
tutnet 16.06.2015
4. Bei dem Mietzins geht nichts in die Hose
Ich würde sofort unterschreiben. Leider bin ich im Raum Darmstadt gebunden.
rudisresterampe 16.06.2015
5. @karlsiegfried
Was ist denn die Alternative? Die sichere, die nix kostet oder nur Geld bringt? Lassen Sie mich raten: Sie sind kein Unternehmer, oder?
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.