"Goldener Windbeutel" von Foodwatch Schmähpreis für Käse von "Freilaufkühen"

Der Negativpreis "Goldener Windbeutel" für Verbrauchertäuschung geht an den "Grünländer Käse" von Hochland. Dieser wirbt mit "Milch von Freilaufkühen" - obwohl das Vieh im Stall steht.
Der Hersteller Hochland verspricht Käse aus Milch von "Freilaufkühen" - doch statt auf der suggerierten grünen Wiese stehen die Tiere im Stall, wo sie allerdings herumlaufen können. Eine Verbrauchertäuschung, findet Foodwatch.

Der Hersteller Hochland verspricht Käse aus Milch von "Freilaufkühen" - doch statt auf der suggerierten grünen Wiese stehen die Tiere im Stall, wo sie allerdings herumlaufen können. Eine Verbrauchertäuschung, findet Foodwatch.

Foto: Foodwatch

"Milch von Freilaufkühen" - wer denkt da nicht an Kühe, die auf saftig-grünen Weiden grasen? Noch dazu, wenn aus dieser Milch "Grünländer" Käse entsteht, der mit einer "grünen Seele" wirbt und in einer grünen Verpackung verkauft wird? 78 Prozent der Verbraucher in Deutschland denken so, wie eine repräsentative Umfrage der Verbraucherorganisation Foodwatch ergab. Doch damit haben sie sich in die Irre führen lassen: Tatsächlich werden die Kühe für diesen Käse ausschließlich im Stall gehalten, wie im Kleingedruckten auf der Verpackungsrückseite steht. Dort sind sie allerdings nicht angebunden, daher die "Freilauf"-Vermarktung.

Aus diesem Grund vergibt Foodwatch den Schmähpreis "Goldener Windbeutel" dieses Jahr an den "Grünländer" Käse von der Firma Hochland. Mehr als 65.000 Menschen haben über die "dreisteste Werbelüge" des Jahres online abgestimmt - und mit 43 Prozent wählte die Mehrheit diesen Käse. Foodwatch versucht, den Negativpreis am Firmensitz von Hochland im bayerischen Heimenkirch (Landkreis Lindau) an die Konzernführung zu überreichen, doch das Unternehmen lehnt den Preis ab.

"Gaukelt ein Weide-Idyll vor"

"'Freilaufkühe' ist ein reiner Fantasiebegriff - Hochland gaukelt seiner Kundschaft ein Weide-Idyll vor und täuscht ausgerechnet jene Verbraucherinnen und Verbraucher, die bewusst Produkte auswählen, von denen sie sich eine bessere Tierhaltung versprechen", sagt Manuel Wiemann von Foodwatch, Wahlleiter beim Goldenen Windbeutel 2020.

Der Begriff sei aber frei erfunden und nicht rechtlich definiert, kritisiert Foodwatch. Hochland verstoße damit gegen Artikel 16 der EU-Basisverordnung für Lebensmittelrecht, nach dem "Werbung und Aufmachung von Lebensmitteln (…) die Verbraucher nicht irreführen" dürfen.

Das Unternehmen wehrt sich gegen die Vorwürfe: "Die Kritik von Foodwatch bezieht sich auf die Verwendung des Begriffs Freilaufkühe, der auf der Verpackung klar erläutert wird: Für unsere Marke verwenden wir ausschließlich Milch von Kühen, die sich jederzeit frei im Stall bewegen können und nicht angebunden sind. Deshalb hält Hochland die Kritik für nicht angemessen und nimmt den 'Preis' nicht an", schreibt eine Sprecherin auf SPIEGEL-Anfrage. Hochland rechtfertigt die Verwendung des selbst erfundenen Begriffs "Freilaufkühe" mit Verweis auf eine eigene repräsentative Umfrage vom Marktforschungsinstitut GfK, der zufolge diese den Erwartungen eines Großteils der Befragten entsprochen habe. Details gab das Unternehmen mit Verweis auf "wettbewerbsrelevante Informationen" allerdings nicht preis. 

Foodwatch weist selbst darauf hin, dass der Verzicht auf Anbindehaltung keine Besonderheit ist, sondern der Normalfall: Bereits im Jahr 2010 standen 72 Prozent aller deutschen Milchkühe im sogenannten Laufstall, so die Verbraucherorganisation. 

Schwimmen auf der Gesundheits- und Nachhaltigkeitswelle

Den zweiten Platz in der Abstimmung um den "Goldenen Windbeutel" belegt der "Volvic Bio Rooibos Tee" von Danone Waters, auf Platz drei landet die haltbare "Weidemilch" von Arla, der Fruchtaufstrich "50 % weniger Zucker" von Zentis folgt an vierter Stelle. Die wenigsten Stimmen erhielt der "Be-Kind Proteinriegel" von Mars.

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Der Gewinner des Goldenen Windbeutels und die vier anderen Kandidaten

Foto: Foodwatch

Allen Produkten ist gemein, dass sie sich als besonders tierfreundlich, zuckerarm oder klimaschonend vermarkten - und damit auf die großen Gesundheits- oder Nachhaltigkeitstrends in der Ernährungsindustrie aufspringen.

Doch das ist oft nur schöner Schein, wie die fünf Windbeutel-Kandidaten auch dieses Jahr zeigen:

  • Der Grünländer-Käse ist nur grün verpackt,

  • der Rooibos-Tee erhält seine charakteristisch braune Farbe überwiegend von der eingefärbten Plastikflasche.

  • Die Arla-Weidemilch gelobt 71 Prozent CO2 einzusparen, doch dies bezieht sich nicht auf die Milch, sondern nur auf die Verpackung - die aber nur 2,5 Prozent der CO2-Emissionen ausmacht.

  • Und das Gesundheitsversprechen des Proteinriegels von Mars schrumpft zusammen, wenn man im Kleingedruckten liest, dass dieser zur Hälfte aus Fett und Zucker besteht. Das würde ein orangefarbenes "D" auf der Lebensmittelampel ergeben, die zweitschlechteste Kategorie.

  • Beim Fruchtaufstrich sind zwar wirklich 50 Prozent weniger Zucker drin, doch das Produkt fällt Foodwatch zufolge aber in die Kategorie Preisschummel: Es kostet doppelt so viel, obwohl der Zucker durch Wasser ersetzt wurde.

Solch irreführende Werbung sei nach dem Täuschungsverbot klar verboten, sagt Foodwatch. Artikel 16 der EU-Basisverordnung für Lebensmittelrecht etwa besagt, dass "Werbung und Aufmachung von Lebensmitteln (…) die Verbraucher nicht irreführen" dürfen. Auch nach Artikel 7 der EU-Lebensmittelinformations-Verordnung dürfen Informationen über Lebensmittel "nicht irreführend" sein, beispielsweise in Bezug auf die "Eigenschaften". Doch weil die Lebensmittelüberwachung seit Jahren nichts oder viel zu wenig gegen derartig täuschende Produkte unternehme, hat die Verbraucherorganisation in diesem Jahr bereits vergangene Woche die für Hochland zuständige Lebensmittelbehörde in Kulmbach aufgefordert, die Vermarktung von Grünländer zu untersagen. "Das Lebensmittelrecht verbietet Täuschung, die Behörden sind zum Einschreiten verpflichtet", schreibt Foodwatch. "Wir wollen, dass das Produkt vom Markt genommen wird oder richtig gekennzeichnet wird", sagte ein Sprecher dem SPIEGEL.

Die Verbraucherorganisation setzte dem Amt eine Frist bis zum 22. September, um das Unternehmen zur Beendigung der Verbrauchertäuschung zu bewegen. Sollte sie nicht gegen Hochland tätig werden, will Foodwatch gegen die Behörde klagen.