Siegel für Schokolade Echt fair?

Schokolade in allen Formen türmt sich derzeit wieder in den Geschäften – darunter auch zunehmend Produkte mit dem Fairtrade-Zeichen. Ein Kauf mit gutem Gewissen? Nicht ganz, sagen Kritiker und kleine Hersteller.
Kakaobohnen sind wertvoll, aber bei vielen Kakaobauern kommt vom Gewinn wenig an

Kakaobohnen sind wertvoll, aber bei vielen Kakaobauern kommt vom Gewinn wenig an

Foto: Meybol Estendorfer-Moran

Eigentlich würde Meybol Estendorfer-Moran um diese Jahreszeit in Peru durch den Regenwald laufen und nach ihren Kakaobäumen sehen. Sie würde die Bauern treffen, die ihr den Kakao für ihre Schokolade verkaufen. Die produziert Estendorfer-Moran seit 2018. Den Kakao bezieht sie aus neun verschiedenen Regionen in Peru, weil jede Sorte anders schmeckt.

Die Reise hat sie wegen der Pandemie in diesem Jahr abgesagt. Dabei ist ihr der direkte Kontakt wichtig: Ihre Schokolade soll bio sein und fair gehandelt, und das will sie selbst kontrollieren, erzählt sie. Deshalb gehört ihr eine Plantage sogar, sie verhandelt mit den Bauern und einer Fabrik in Lima, die ihre Schokolade produziert.

Meybol Estendorfer-Moran weiß, wo ihre Kakaobäume stehen

Meybol Estendorfer-Moran weiß, wo ihre Kakaobäume stehen

Foto: Meybol Estendorfer-Moran

Ein Fairtrade-Siegel hat ihr Produkt nicht. Sie könne es sich nicht leisten, jeden Kakaobauern zertifizieren zu lassen, sagt die Unternehmerin. Denn sie arbeite mit kleinen Betrieben zusammen, teilweise seien die aus größeren Fairtrade-Kooperativen ausgetreten. Sie wolle ihren Zulieferern jedoch mehr zahlen als den Minimalpreis, den Fairtrade festlegt, sagt Estendorfer-Moran. Der liegt für Bio-Kakaobohnen aktuell bei etwa 2700 Dollar pro Tonne, sie zahlt nach eigenen Angaben im Schnitt 5000 Dollar pro Tonne. Die günstigste Schokolade in ihrem Onlineshop kostet entsprechend knapp fünf Euro.

Estendorfer-Moran ist nicht die Einzige, die Fairtrade für nicht fair genug hält. Unternehmen wie Original Beans, Fairafric und Lovechock werben damit, dass sie ihren Kakao direkt bei den Bauern und Bäuerinnen kaufen. Einige von ihnen erhält man im Supermarkt.

Dort liegen aber auch immer mehr Fairtrade-Produkte in den Regalen. Das blau-grüne Siegel gibt es längst nicht mehr nur im Reformhaus, inzwischen werben damit sogar die Eigenmarken großer Supermarktketten. "Das ist ein riesiger Glücksfall für die Produzierenden", sagt Claudia Brück. Sie ist im Vorstand von Fairtrade Deutschland , der Organisation hinter dem Siegel.

2019 gaben Verbraucherinnen weltweit etwas mehr als zwei Milliarden Euro  dafür aus – eine Steigerung um 26 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Um wettbewerbsfähig zu sein, habe Fairtrade seine Standards herunterschrauben müssen, sagt Ndongo Samba Sylla. Der Entwicklungsökonom hat 2014 das Buch "The Fair Trade Scandal" veröffentlicht und kritisiert das System immer wieder. Fairtrade legt einen Mindestpreis fest, den die Produzierenden bekommen. "Die Organisation steckt in einem Dilemma", sagt Sylla: "Wenn der Mindestpreis hoch ist, kauft niemand die fairen Kakaobohnen. Ist er niedrig, ist der Effekt für die Produzierenden klein." Er kritisiert, dass Fairtrade mit großen Handelsunternehmen zusammenarbeitet, die ansonsten wenig fair seien.

"Genau das ist unsere Aufgabe", hält Fairtrade-Vorständin Claudia Brück dagegen, "den fairen Handel in den Massenmarkt zu bringen." Für Supermarktketten gelten dabei die gleichen Standards wie für Weltläden.

Fairtrade-Schokolade ohne fairen Kakao

Kritik gibt es unter anderem am sogenannten Mengenausgleich  für Kakao, Zucker und Tee. Der regelt, dass während der Produktion fair gehandelte und konventionelle Ware miteinander vermischt werden darf. Am Ende kann es also sein, dass in der Schokolade mit dem Siegel kein Fairtrade-Kakao drin ist. Die Organisation stellt nur sicher, dass die gleiche Menge an fairem Kakao eingekauft wurde. "Das wurde schon immer so gemacht, es stand nur vor 2014 nicht in unseren Standards", sagt Brück. Kakao sei physisch praktisch nicht zurückzuverfolgen, argumentiert Fairtrade. Setze man das voraus, könnten viele Bauern ihre Bohnen nicht mehr verkaufen.

Wegen dieses Mengenausgleichs arbeitet Josef Zotter  seit 2018 nicht mehr mit der Fairtrade-Organisation zusammen. Er wolle zeigen, dass seine Schokolade weiter direkt zurückzuverfolgen sei. Mittlerweile ist das Unternehmen aus Österreich Mitglied in der WFTO, der Weltorganisation für fairen Handel. Ihre Mitglieder müssen als gesamtes Unternehmen fair handeln, die Organisation zertifiziert keine einzelnen Produkte. "Es kann ja nicht sein, dass ein Unternehmen eine faire Linie herausbringt, sonst aber konventionell arbeitet", sagt Zotter. Die Mitglieder der WFTO kontrollieren sich unter anderem gegenseitig nach den festgelegten Standards .

Trotz aller Kritik: Fairtrade noch besser als eigens von Firmen entworfene Siegel

Wer sich nicht kontrollieren lässt, muss die eigene Glaubwürdigkeit aufbauen. Bei kleinen Produktionen wie der von Meybol Estendorfer-Moran funktioniert das. Auch, weil sie im Jahr höchstens sieben Tonnen Kakao verarbeitet. Bei Josef Zotter sind es etwa 250 Tonnen, bei einer weltweit erwarteten Ernte  von fast fünf Millionen Tonnen Kakaobohnen gehört auch er zu den kleinen.

Trotzdem geht es auch für ihn nicht ohne Zertifizierung. Denn ohne Siegel gibt es keine unabhängigen Kontrollen, und ohne unabhängige Kontrollen keine Transparenz für die Kunden. Die müssen sich so oder so schon mit unzähligen verschiedenen Kennzeichnungen herumschlagen: UTZ, Rainforest Alliance, Pro Planet und unzählige Bio-Siegel. "Fairtrade hat immer noch höhere Standards als die meisten anderen Siegel", sagt Ndongo Sylla, trotz aller Kritik: "Wenn ihnen der faire Handel nicht mehr passt, dann entwerfen große Unternehmen einfach ein eigenes Siegel oder wechseln zu einer Organisation, die niedrigere Standards hat."

Für den Ökonomen ist es eine logische Entwicklung, dass immer mehr Unternehmen ihren Kakao direkt einkaufen wollen, nicht am Weltmarkt: So haben sie eine bessere Kontrolle über ihre Lieferkette. Unter anderem baut Ritter Sport seit einigen Jahren eine eigene Kakaoplantage in Nicaragua  auf und beschäftigt die Mitarbeiter dort, nebenher gibt es Unterstützung für unabhängige Kooperativen.

Die Entwicklung kann Produzenten helfen, ihren Kakao international zu verkaufen. Aber das sei gar nicht das Problem, sagt Sylla. Solange sie nur die Rohstoffe liefern, könne sich die Situation der Menschen in Afrika und Südamerika nicht verbessern. "Für mich ist das eine Logik aus der Kolonialzeit", sagt Sylla. Denn die Wertschöpfung passiert nicht bei der Kakaoernte, sondern erst bei der Verarbeitung. Und die behalten die meisten Unternehmen in Europa oder anderen Ländern im globalen Norden. Für Schokolade ist Deutschland weltweit der größte Exporteur .

Kakaobohnen trocknen in Peru

Kakaobohnen trocknen in Peru

Foto: Meybol Estendorfer-Moran

Dass es funktionieren kann, zeigt Meybol Estendorfer-Moran: Sie lässt ihre Kakaobohnen in einer Fabrik in der peruanischen Hauptstadt Lima rösten, mahlen und conchieren – bis zur fertigen Schokolade.

"Es ist eine politische Frage", sagt Sylla. In Deutschland blockiert Wirtschaftsminister Peter Altmaier ein Lieferkettengesetz , das Unternehmen wenigstens für die Einhaltung der Menschenrechte in ihrer Produktion verantwortlich machen würde. Auch die EU-Kommission hat ein solches Gesetz bereits angekündigt.

Fairtrade-Vorständin Brück und Ökonom Sylla sind sich einig, dass das nur ein Teil der Lösung ist. Denn die EU erhebt auf Rohkakao beim Import kaum Zölle , auf Kakaobutter oder Pulver aber bis knapp zehn Prozent, für verarbeitete Produkte sind die Abgaben noch höher. Schokoladenhersteller haben also kaum einen Anreiz, einen größeren Teil ihrer Produktion in die Anbauländer zu verlagern. "Solange es diese Politik gibt, nützt es auch nichts, dass die Konsumierenden mehr für Fairtrade zahlen wollen", sagt Sylla.

Meybol Estendorfer-Moran will nicht warten, bis sich an den Gesetzen oder in großen Unternehmen etwas ändert. "Dazu habe ich keine Geduld", sagt die Unternehmerin. Sie will nicht nur, dass es den Bauern besser geht, sondern auch den Kakaobäumen. Eigentlich können die mehr als 100 Jahre alt werden. Doch meist ersetzen die Bauern die Bäume nach etwa 25 Jahren, weil sie nicht mehr so viele Früchte tragen – obwohl aus ihren Bohnen die beste Schokolade würde, so Estendorfer-Moran: "Die alten Bäume sind ein Goldschatz." Ein paar dieser Goldschätze kann sie mit ihrer Schokoladenproduktion retten. Auch, wenn die zu klein ist, um auf dem Welthandel wirklich etwas zu verändern.