Schuldenkrise "Die Banken gehen den bequemen Weg"

Die Commerzbank will ohne weitere Staatshilfe auskommen. Was positiv klingt, ist aber längst nicht das Ende der Bankenkrise, sagt Finanzexperte Gerke im SPIEGEL-ONLINE-Interview. Schuld daran sei die Niedrigzinspolitik der EZB - denn die befördere die riskanten Geschäfte der Banken.

Commerzbank-Zentrale (Mitte) in Frankfurt am Main: Billiges Geld von der EZB
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Commerzbank-Zentrale (Mitte) in Frankfurt am Main: Billiges Geld von der EZB


SPIEGEL ONLINE: Das größte Sorgenkind unter den deutschen Banken gibt sich optimistisch. Die Commerzbank hofft, ihre milliardenschwere Finanzlücke ohne Staatshilfe stopfen zu können. Halten Sie das für realistisch?

Gerke: Ich kann mir gut vorstellen, dass die das hinkriegen. An der Seite der Commerzbank steht ja die Allianz, Europas größter Versicherer. Die hat absolut kein Interesse daran, dass der Staat seinen Einfluss bei der Commerzbank ausweitet. Dazu kommt: Das Institut profitiert - wie alle deutschen Banken - von der starken Entwicklung der deutschen Wirtschaft.

SPIEGEL ONLINE: Vor Weihnachten geriet die Commerzbank aber unter Druck und stand kurz vor der zweiten Teilverstaatlichung. Warum sind Sie so optimistisch, dass die Bank ohne Geld vom Bund auskommt?

Gerke: Die Commerzbank hat eine ordentliche Strategie. Sie muss jetzt durch diese Krise durch, aber dann kann sie als zweitstärkste Privatbank durchaus wieder an Stärke gewinnen. Vorstandschef Martin Blessing muss nur aufpassen, dass das Kreditgeschäft im Rahmen des Schrumpfkurses nicht zu sehr leidet.

SPIEGEL ONLINE: Die Lage beim größten Sorgenkind unter den deutschen Geldhäusern scheint sich also zu entspannen. Ist das ein Zeichen dafür, dass die Bankenkrise insgesamt abflaut?

Gerke: Das würde ich so nicht sagen. Die Verhältnisse in den einzelnen Ländern sind sehr unterschiedlich. Italien zum Beispiel: Die ursprünglich sehr erfolgreiche Unicredit tut sich sehr schwer, ist an der Börse massiv abgestraft worden und hat deshalb größere Probleme, sich ein ausreichendes Kapitalpolster zu besorgen. Auch die Aktienkurse der deutschen Banken sind noch sehr niedrig.

SPIEGEL ONLINE: Um das europäische Finanzsystem zu stabilisieren, hilft die Europäische Zentralbank (EZB) den Instituten mit Krediten zu Minizinsen. Halten Sie das für den richtigen Weg?

Gerke: Da bin ich sehr skeptisch. Die EZB hilft den Banken ja nicht nur mit Tagesgeld, sondern versorgt sie in den nächsten drei Jahren mit extrem billigem Geld. Die EZB flutet die Märkte mit Geld - ähnlich wie die Fed es in den USA macht. Wohin das führt, hat man bei der Finanzkrise nach der Lehman-Pleite gesehen. Die Kosten tragen am Ende die Bürger.

SPIEGEL ONLINE: Die EZB lindert also kurzfristig die Not der Banken, verschärft aber das Risiko, dass es zu einer noch gefährlicheren Finanzkrise kommt?

Gerke: Ja. Die Notenbank stellt das Geld ja nicht zu Marktkonditionen zur Verfügung, sondern der Zins liegt unter der Inflationsrate, ist also viel zu billig. Die Folge ist, dass der Markt mit diesem Geld nicht effizient arbeitet. Die Banken haben keine Veranlassung, ihr riskantes Geschäftsmodell zu ändern. Dazu kommen inflationäre Risiken und das Problem, dass sich die Staaten weiterhin viel zu billig verschulden können.

SPIEGEL ONLINE: Aber das war doch ein Ziel der EZB: Die Banken sollen wieder Staatsanleihen von kriselnden Ländern wie Italien kaufen. Das Land muss Anlegern in dieser Woche deutlich niedrigere Zinsen zahlen als noch vor Weihnachten. Und auch die Banken profitieren. Was ist daran falsch?

Gerke: Den Banken hilft das Geld von der EZB natürlich kurzfristig. Sie können leichte Gewinne erzielen. Viel mühsamer ist es, mittelständischen Unternehmen Geld zu leihen. Das Problem ist aber: Die Institute gehen den bequemen Weg, der ist allerdings nicht nachhaltig. Wenn es blöd läuft und sich die Schuldenkrise verschärft, verkaufen die Banken die Staatsanleihen wieder an die Zentralbank. Damit steigen die Risiken für die EZB und letztlich die europäischen Bürger. Das ist nicht die Art Notenbank-Politik, die ich mir wünsche.

Das Interview führte Christian Teevs

insgesamt 8 Beiträge
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Seite 1
tylerdurdenvolland 14.01.2012
1. ...
Zitat von sysopDie Commerzbank will ohne weitere Staatshilfe auskommen. Was positiv klingt, ist aber längst nicht das Ende der Bankenkrise, sagt Finanz-Experte Gerke im SPIEGEL-ONLINE-Interview. Schuld daran sei die*Niedrigzinspolitik der EZB*- denn*die befördere die*riskanten Geschäfte der Banken. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,808957,00.html
"Schuld daran sei die Niedrigzinspolitik der EZB - denn die befördere die riskanten Geschäfte der Banken." Das ist schlicht und einfach eine Lüge! Der Grund ist der fehlende Wille der Politiker dies zu ändern. Denn es gibt nicht den geringsten Grund dafür, die bewilligten 500 Milliarden Euro nicht direkt an die Regierungen zu geben, statt die Banken zwischendrin mal auf die schnelle mit-abzocken zu lassen! Genau betrachtet sind natürlich die Bürger die Verursacher, die solche Politiker in den europäischen Staaten an die Regierung gewählt haben. Das natürlich lässt den UMstand, dass diese Bürger mit ihren Steuern nun für die entstehenden Folgen aufkommen müssen, in einem ganz anderen Licht erscheint!
CitizenTM 14.01.2012
2. Die Banken...
... betteln quasi darum enteignet zu werden. Unglaublich.
Wakon 14.01.2012
3. Banker: "Krise? Welche Krise?"
---Zitat--- ... Die EZB hilft den Banken ja nicht nur mit Tagesgeld, sondern versorgt sie in den nächsten drei Jahren mit extrem billigem Geld. Die EZB flutet die Märkte mit Geld - ähnlich wie die Fed es in den USA macht. Wohin das führt, hat man bei der Finanzkrise nach der Lehman-Pleite gesehen. Die Kosten tragen am Ende die Bürger ... ---Zitatende--- Wenn es doch so offensichtlich Mist ist, was da gemacht wird, warum dann immer wieder das gleiche Spiel? Solange bis das dumme Wahlvieh soweit gemolken wurde, dass es nix mehr hergibt, wie die Melkkuh vom Acker? Welches Gruselwerkzeug haben sich da einige wenige nur ausgedacht: S&P, Moody's, EZB, WTO, FED, IMF und so weiter und so fort. Man möchte aus lauter Verzweiflung fast wieder zurück zum Gütertausch ...
flower power 14.01.2012
4. Wie wird man das Krebsgeschwür
Zitat von sysopDie Commerzbank will ohne weitere Staatshilfe auskommen. Was positiv klingt, ist aber längst nicht das Ende der Bankenkrise, sagt Finanz-Experte Gerke im SPIEGEL-ONLINE-Interview. Schuld daran sei die*Niedrigzinspolitik der EZB*- denn*die befördere die*riskanten Geschäfte der Banken. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,808957,00.html
EU wieder los? Da gibt es keine Möglichkeit. Doe Beamten und Politiker haben eine neue Einkommensmöglichkeit und werden diese nie opfern. Also haben wir den Moloch ohne ihn je wieder loswerden zu können. Wann kommt mal endlich eine Partei mit der Aussage die EU abzuschaffen - die würde ich glatt wählen - und ich denke ich wäre nicht allein.
HighFrequency 14.01.2012
5.
Zitat von tylerdurdenvolland"Schuld daran sei die Niedrigzinspolitik der EZB - denn die befördere die riskanten Geschäfte der Banken." Das ist schlicht und einfach eine Lüge! Der Grund ist der fehlende Wille der Politiker dies zu ändern. Denn es gibt nicht den geringsten Grund dafür, die bewilligten 500 Milliarden Euro nicht direkt an die Regierungen zu geben, statt die Banken zwischendrin mal auf die schnelle mit-abzocken zu lassen! Genau betrachtet sind natürlich die Bürger die Verursacher, die solche Politiker in den europäischen Staaten an die Regierung gewählt haben. Das natürlich lässt den UMstand, dass diese Bürger mit ihren Steuern nun für die entstehenden Folgen aufkommen müssen, in einem ganz anderen Licht erscheint!
Sie haben recht. Oberflächlich betrachtet wirkt es so, als ob der Bürger von außen kujoniert würde. In Wirklichkeit aber bekommt der Bürger nur die Auswirkungen seiner eigenen "Verblendung" (Adorno) zu spüren.
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