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30. August 2011, 18:33 Uhr

Schuldenkrise

Europa kämpft gegen neuen Banken-Crash

Von und

Böse Erinnerungen an die Finanzkrise 2008 werden wach: Europas Bankenaufseher prophezeien den Instituten Kapitalnot - und fordern neue Staatshilfen. Experten warnen vor Panik, doch in den Bilanzen der Konzerne schlummern tatsächlich gefährliche Risiken.

Hamburg - Es ist ein Tag, den die Finanzbranche wohl am liebsten vergessen würde: Am 15. September jährt sich die Pleite der US-Großbank Lehman Brothers zum dritten Mal. Doch auf Erinnerungsreden oder einen Rückblick auf die turbulenten Tage wird in europäischen Banken kaum jemand Lust haben. Denn die Geldhäuser stecken erneut in Schwierigkeiten. Die Aktienkurse der großen Institute sind eingebrochen. Der Index für europäische Banken verlor in den vergangenen sechs Monaten rund 37 Prozent.

Dieser Negativtrend ruft die Aufpasser auf den Plan. Christine Lagarde, die neue Chefin des Internationalen Währungsfonds (IWF), und die europäische Bankenaufsicht EBA forderten die europäischen Staaten auf, den Banken in substantiellem Umfang frisches Geld zu geben, damit das Vertrauen in die Branche zurückkehrt.

Ist die Kapitalausstattung der Banken wirklich so schlecht, dass sie durch die Schuldenkrise und den Wirtschaftsabschwung in Schieflage geraten könnten?

Manch einer wundert sich: Denn erst Mitte Juli hatten die EBA-Aufseher ihren Stresstest für die europäischen Banken veröffentlicht. Dieser verlief einigermaßen glimpflich. Lediglich acht Institute aus Spanien, Griechenland und Österreich fielen durch. Die große Mehrheit der europäischen Banken sei deutlich stabiler aufgestellt als früher, erklärte die EU-Kommission damals.

Was hat sich also in den vergangenen sechs Wochen geändert, was nun die Aufseher auf den Plan rief?

Schwache Konjunktur und Börsenpanik

Zum einen wurde der Bankrott eines Euro-Landes beim Stresstest ausgeklammert. In den vergangenen Wochen hat sich die Schuldenkrise jedoch verschärft, neben Portugal, Spanien und Irland gilt auch Italien inzwischen als Wackelkandidat. Zum anderen fürchtet Europa nun eine deutliche Abkühlung der Konjunktur. Und außerdem herrschte an den Börsen zeitweise Panik.

Auch in der Finanzbranche selbst gibt es Hinweis auf wachsendes gegenseitiges Misstrauen. Die Banken leihen sich derzeit weniger Geld untereinander und parken es stattdessen gegen einen niedrigen Zins bei der Europäischen Zentralbank (EZB). Die Parallele ist erschreckend: Auch nach der Lehman-Pleite horteten die Geldhäuser Geld bei der EZB, so dass der Kreditfluss austrocknete.

Um das zu verhindern und das Vertrauen wiederherzustellen, wollen Lagarde und die Bankenaufsicht den Instituten nun Kapitalspritzen verpassen. Die EBA fordert sogar direkte Hilfen aus dem Euro-Rettungsschirm EFSF.

"Man hat aus der Krise gelernt, dass eine höhere Eigenkapitalausstattung hilfreich ist", sagt Dieter Hein, Bankenexperte beim unabhängigen Analysehaus Fairesearch. Dafür gibt es genau zwei Möglichkeiten: Entweder besorgen sich die Geldhäuser frisches Kapital selbst am Markt - oder der Staat springt ein. Hein schätzt die Marktvariante derzeit als schwierig ein: "Momentan leihen sich die Banken untereinander selbst kurzfristig nicht so gerne Geld. In einer solchen Phase ist es schwierig, sich neues Kapital auf dem Markt zu besorgen."

Die Institute könnten zwar einen Teil ihrer Gewinne einbehalten, keine Dividenden auszahlen und so frisches Kapital generieren - doch das dürfte den Anlegern gar nicht gefallen. Schon jetzt sind die Aktienkurse der Finanzinstitute besonders stark gefallen.

Um die Kapitalausstattung zu verbessern, haben sich Notenbanken und Bankaufseher weltweit bereits auf das Reformpaket Basel III geeinigt. Dieses sieht vor, dass die Eigenkapitalausstattung der Geldhäuser von 2013 bis 2019 schrittweise steigt. "Einige Banken haben schon damit begonnen, sich frisches Kapital am Aktienmarkt zu besorgen. Aber bis alle soweit sind, dauert es noch eine gewisse Zeit - und die hat man momentan nicht", sagt Hein.

Geht es Lagarde auch um politisches Kalkül?

Klamme Banken könnten in der aktuellen Krise durchaus Risiken bergen. Denn grundsätzlich seien Geldhäuser anfälliger als zum Beispiel Industrieunternehmen, sagt Hein. Letztere decken dem Experten zufolge 30 bis 40 Prozent ihres gesamten Kapitals mit Eigenkapital ab. "Bei Banken sind es nur rund zehn Prozent - und das auch nur auf dem Papier." In Wahrheit seien es sogar noch weniger, weil die Banken nur die Anlageobjekte mit Eigenkapital unterlegen, die für riskant gehalten werden. "Andere, die als sicher gelten - wie etwa Staatsanleihen - werden gar nicht berücksichtigt." In Zeiten, in denen sich viele Staatsanleihen als doch nicht so sicher entpuppen, erhöht das zusätzlich die Instabilität.

Hein kann Lagardes Vorstoß nachvollziehen. "Der IWF muss am Ende einspringen, deshalb ist er daran interessiert, Krisen im Vorfeld zu vermeiden. Das sollte eigentlich auch im Interesse der Staaten sein."

Der Bankenexperte Hans-Peter Burghof kritisiert allerdings, dass durch die öffentliche Warnung von Lagarde und der EBA die gesamte Finanzbranche unter Druck gerät. "Hilfreich sind diese Äußerungen nicht, denn sie erzeugen Unsicherheit", sagt er. "So pauschal ist die Diskussion nicht sinnvoll. Es wäre effizienter, wenn die EBA schauen würde, welche Banken frisches Kapital brauchen und die einzelnen Staaten dieses dann zwangsweise verabreichen."

Parallelen zur Lehman-Krise sind da

Burghof vermutet hinter der Diskussion auch politisches Kalkül. "Die neue IWF-Chefin gibt Gas, und auch die relativ neue europäische Bankenaufsicht muss sich positionieren." Von ungefähr kommen die Warnungen aber nicht. Vor allem Geldhäuser, die viele Anleihen von Krisenstaaten horten, könnten bei einer Verschärfung der Krise in Schieflage geraten.

Beim Stresstest haben alle Institute bestanden, die eine harte Kernkapitalquote von mindestens fünf Prozent vorweisen konnten. Vereinfacht formuliert sagt diese Kennziffer aus, wie viele dauerhafte Eigenmittel die Banken im Vergleich zu vergebenen Krediten haben. Bisher lagen die meisten europäischen Banken deutlich über der Fünf-Prozent-Marke (siehe Flash-Grafik). "Einen Schuldenerlass für Griechenland könnten die Banken verkraften, aber im Falle Spaniens würde es schon eng", sagt Burghof.

Es liege nun in der Hand der europäischen Krisenmanager, dass sich eine Krise wie nach der Lehman-Pleite nicht wiederholt. "Von der Bedrohungssituation her könnte uns Ähnliches passieren", sagt Burghof. "Vieles hängt davon ab, wie weit die Politik die Schuldenkrise laufen lässt."

Mitarbeit: Katharina Pauli

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