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23. November 2011, 13:38 Uhr

Schwache Nachfrage

Deutschland verpatzt Anleihenverkauf

Deutschland gilt in der Euro-Zone als Hort der Stabilität - doch jetzt wird das wachsende Misstrauen von Investoren auch für die Bundesrepublik zum Problem: Bei einer Auktion von Bundesanleihen konnten nur zwei Drittel der Papiere abgesetzt werden. Analysten sprechen von einem Desaster.

Berlin - Investoren vergeht die Lust auf die bisher heißbegehrten Bundesanleihen. Bei einer Auktion neuer Papiere mit zehn Jahren Laufzeit fand der Bund für gut ein Drittel der angebotenen Summe keinen Abnehmer. Das teilte die Bundesfinanzagentur mit, die das deutsche Schuldenmanagement verwaltet. Der Bund wollte Anleihen im Wert von sechs Milliarden Euro verkaufen, die Gebote lagen aber bei lediglich 3,89 Milliarden Euro.

Das verbleibende Emissionsvolumen von 2,356 Milliarden Euro wird der Bund nun am sogenannten Sekundärmarkt anbieten, wo bereits laufende Anleihen gehandelt werden. Die Finanzagentur begründete die schlechte Nachfrage mit der Unruhe auf den Märkten. "Das Ergebnis der heutigen Auktion spiegelt das äußerst nervöse Marktumfeld wider", sagte ein Sprecher. Deutschland drohe beim Bundeshaushalt aber kein finanzieller Engpass.

Analysten reagierten weniger gelassen. "Das ist ein völliges Desaster", sagte Analyst Marc Ostwald von Monument Strategies. Ralf Umlauf von der Landesbank Hessen-Thüringen (Helaba) nannte die Versteigerung "ein Misstrauensvotum gegen die gesamte Euro-Zone". Er sprach von einem Warnsignal, das man nicht kleinreden dürfe. Einen dramatischen Anstieg der deutschen Zinsen werde es aber auch in den kommenden Wochen nicht geben. "Es hat ein Stimmungsumschwung stattgefunden", sagte Umlauf SPIEGEL ONLINE. Vor allem die außereuropäischen Investoren seien misstrauisch geworden. "Sie verbinden das Investment in Bundesanleihen mit dem Risiko der Euro-Zone."

"Es hat ein Stimmungsumschwung stattgefunden"

Bisher konnte Deutschland zu extrem niedrigen Zinsen Kredite aufnehmen. Bei der aktuellen Versteigerung lag die Rendite für Bundesanleihen mit 1,98 Prozent erstmals bei einer Erstemission einer zehnjährigen Bundesanleihe unter der Zweiprozentmarke.

Deutschland müsse sich jetzt überlegen, seine Auktionen mehr zu strecken, sagte Johannes Rudolph von HSBC Trinkaus. Der Bund könne in einem nervösen Umfeld kaum noch große Summen am Markt unterbringen. Deutschland muss sich allein in diesem Jahr 275 Milliarden Euro von Investoren leihen, um Defizite zu decken und Altschulden zu bedienen.

"Immer mehr große institutionelle Anleger haben Vorbehalte gegenüber deutschen Staatsanleihen", sagt Eugen Keller vom Bankhaus Metzler SPIEGEL ONLINE. Angesichts der relativ hohen Inflationsrate seien die gebotenen Zinsen auf Bundespapiere zuletzt ohnehin zu gering gewesen. Nun komme die Unsicherheit hinzu: "Wenn Deutschlands Haftung für den europäischen Rettungsfonds EFSF steigen sollte, erhöht sich auch das Risiko der deutschen Staatsanleihen."

Auch er sieht einen Stimmungsumschwung bei den Investoren: "Angesichts der niedrigen Rendite in Deutschland wenden sich einige Anleger wieder vorsichtig den Ländern zu, die sie zuletzt gemieden haben", sagt Keller. "In Frankreich etwa oder auch in Irland winken durchaus Renditechancen."

Der SPD-Haushälter Carsten Schneider erklärte: "Die heutige misslungene Platzierung ist der erste konkrete Beleg dafür, dass diese Krise an Deutschland nicht spurlos vorübergeht." Es sei deshalb an der Zeit, dass die Bundeskanzlerin und der Finanzminister der deutschen Öffentlichkeit endlich reinen Wein einschenken. "Über die Kosten und die Risiken, die auf unser Land zu kommen. Und zwar die Kosten, die entstehen, wenn wir nichts tun und die Kosten und Risiken, die möglicherweise notwendig sind, um die Krise wirksam einzudämmen",. so der Bundestagsabgeordnete. Deutschland werde sich nicht dauerhaft zu niedrigen Zinsen finanzieren können. " Schließlich drohen auch wir als Anker der Eurozone bei zunehmenden Ausfallrisiken, wie durch die Hebelung, in den Fokus der Märkte zu geraten", befürchtet der haushaltspolitische Sprecher der SPD-Fraktion.

Belgien und Frankreich müssen mehr Zinsen zahlen

Die Versteigerungen von Staatsanleihen mit einer Laufzeit von zehn Jahren gelten als richtungsweisend für die Entwicklung von Renditen. Deutschland profitierte bislang in der Schuldenkrise von seinem Status als sicherer Hafen. Die Kreditwürdigkeit der Bundesrepublik wird wegen vergleichsweise solider Staatsfinanzen von allen großen Ratingagenturen mit der Bestnote AAA bewertet, womit ein Zahlungsausfall als höchst unwahrscheinlich gilt. Investoren waren deshalb lange Zeit bereit, niedrige Zinsen zu akzeptieren.

Im Gegensatz zu Deutschland müssen andere europäische Staaten hohe Zinsen an Investoren zahlen. Am Mittwoch stiegen die Renditen für Staatsanleihen bestimmter Länder weiter. Das heißt: Diese müssen immer höhere Zinsen zahlen, wenn sie alte Schulden durch neue ablösen. So stieg die Rendite französischer Papiere mit einer Laufzeit von zehn Jahren um 0,13 Prozentpunkte auf 3,6 Prozent. Der Zinssatz steht damit nur noch knapp unter dem Jahreshoch von 3,8 Prozent. Die Rendite für zehnjährige Staatsanleihen aus Belgien stieg zwischenzeitlich auf 5,16 Prozent und damit den höchsten Wert seit 2002.

Die gefloppte Auktion der Bundesanleihen schlug sich auch am Aktienmarkt nieder. Der deutsche Leitindex Dax verlor am Mittag 0,53 Prozent auf 5508 Punkte. Der Euro fiel auf ein Sechs-Wochen-Tief von 1,34 Dollar.

mmq/stk/sev/Reuters/dpa-AFX

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