SPIEGEL ONLINE

SPIEGEL ONLINE

18. Januar 2015, 14:07 Uhr

Franken-Freigabe

Schweizer Arbeitgeber wollen Löhne senken

Die Schweizer Wirtschaft steht nach der überraschenden Franken-Freigabe unter Schock - hat jedoch schon eine Idee, um die Währungsstärke auszugleichen: mit niedrigeren Löhnen und längeren Arbeitszeiten ihrer Mitarbeiter.

Hamburg - Mehr arbeiten und weniger verdienen: Nach der Freigabe des Franken durch die Nationalbank in Bern sollen nach dem Willen der Schweizer Unternehmen die Löhne gesenkt und die Arbeitszeiten erhöht werden. Das fordert Roland Müller, Direktor des schweizerischen Arbeitgeberverbandes, in der "Sonntagszeitung".

Die eidgenössische Wirtschaft fürchtet durch den starken Franken enorme Einbußen bei den Exporten. "Die Unternehmen brauchen in der jetzigen Ausnahmesituation Spielraum für Maßnahmen wie Arbeitszeitverlängerungen oder Lohnsenkungen", sagte Müller.

Die Forderungen der Unternehmen richten sich auch an den Staat. Der Bund könne die Arbeitslosenversicherung finanziell unterstützen, um Kurzarbeit zur Abfederung der Währungsstärke zu finanzieren, sagte Müller weiter. Wenn der Kurs des Euro bei etwa einem Franken bleibe, "hätten wir einen zusätzlichen relativen Kostennachteil in vielen Branchen, was den Druck auf alle Kosten weiter erhöhen würde", sagte auch Economiesuisse-Präsident Heinz Karrer der Zeitung.

Finanzministerin Eveline Widmer-Schlumpf glaubt dagegen, dass die Unternehmen die Aufhebung des Euro-Mindestkurses langfristig verkraften könnten - und lehnt Konjunkturhilfen ab.

Die Schweizer Nationalbank SNB hatte am vergangenen Donnerstag völlig überraschend die Wechselkursbindung des Franken an den Euro aufgehoben. Die Schweizer Währung sprang darauf zwischenzeitlich um etwa 30 Prozent nach oben. Es geschah also genau das, was die SNB jahrelang verhindern wollte: dass der Franken zu wertvoll wird.

Hintergrund ist, dass die Schweiz rund 60 Prozent ihrer Ausfuhren in die Eurozone exportiert. Je stärker der Franken, desto teurer werden entsprechend Schweizer Produkte im Ausland - und desto schlechter lassen sie sich verkaufen. Der Chef des Uhrenkonzerns Swatch, Nick Hayek, hatte die Franken-Freigabe denn auch als Tsunami bezeichnet. Ebenfalls entsetzt ist die Tourismusindustrie: Urlaub in der Schweiz könne für viele unerschwinglich werden.

Auch auf die rund 270.000 Grenzgänger - also Beschäftigten in der Schweiz, die im Ausland leben - dürfte sich die Währungspolitik auswirken. Ihre Löhne sind durch die Aufhebung der Franken-Euro-Kopplung zwar schlagartig gestiegen. Mehrere Schweizer Unternehmen berichten in der "Sonntagszeitung" nun von ihren Plänen, ihre Angestellten niedriger zu entlohnen oder sie in Euro zu bezahlen - und stützen damit den Kurs des Arbeitgeberverbands. Wie die Unternehmen dies durchsetzen wollen, ist jedoch noch unklar.

Einkaufstourismus nach Baden-Württemberg

In der Grenzregion gibt es auch klare Gewinner: Etwa Schweizer, die günstig im Euro-Ausland einkaufen gehen können - und der Einzelhandel sowie die Gastronomie auf der nicht-schweizerischen Seite.

Zahlreiche Städte in Baden-Württemberg hatten sich daher bereits am Samstag auf einen Kundenansturm gefasst gemacht. Vor einem großem Shoppingcenter im südbadischen Weil am Rhein etwa bildeten sich tatsächlich lange Staus mit Schweizer Autofahrern.

Lange Schlangen gab es in der Grenzregion im Südwesten auch vor Wechselstuben. Laut einem Deutschlandfunk-Bericht haben viele Schweizer Bankfilialen keine Euro-Scheine mehr - der Run auf die Gemeinschaftswährung war nach der Franken-Entkopplung zu groß.

Die wichtigsten Fragen und Antworten zur Franken-Freigabe im Überblick.

yes/dpa

URL:

Verwandte Artikel:

Mehr im Internet


© SPIEGEL ONLINE 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung