Turbulente Märkte Schwellenländer leiden unter Kapitalflucht

Aus den Schwellenländern fließt derzeit viel Geld ab. Währungen werten ab, Aktienkurse fallen, und für die Staaten, die ohnehin mit Wachstumsproblemen kämpfen, verschärft sich die Lage. Zuletzt gerieten vor allem Indien, Thailand und Indonesien in den Strudel.

Währungshandel: Die indische Rupie fiel am Dienstag auf ein Rekordtief
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Währungshandel: Die indische Rupie fiel am Dienstag auf ein Rekordtief

Von Alex Frangos, Daniel Inman und Patrick McGroarty, Wall Street Journal Deutschland


Hamburg - Politiker in Schwellenländern haben nicht nur mit aktuellen Wachstumsproblemen ihrer Volkswirtschaften zu kämpfen, sie leiden auch unter den Turbulenzen an den Aktienmärkten. Zuletzt gerieten die hoch bewerteten Aktienmärkte in Asien in den Strudel, vor allem in Indien, Thailand und Indonesien litten die Wechselkurse massiv unter der Aufwertung des amerikanischen Dollar.

Der Rückzug der Investoren aus den Wachstumsmärkten bedroht Wachstum und Finanzierung der Entwicklungsländer. Sie hatten sich mit dem Zustrom des Kapitals gut eingerichtet, der der globalen Finanzkrise von 2008 gefolgt war.

In den USA sind die Renditen der Staatsanleihen gestiegen, weil sich die Anleger auf die Möglichkeit vorbereiten, dass die US-Notenbank Federal Reserve ihre monatlichen Anleiherückkäufe zurückfährt, die im Rahmen der Geldpolitik des Quantitative Easing eingeführt worden waren, um die Konjunktur anzukurbeln. Überdies setzt sich die Einschätzung durch, dass die US-Wirtschaft sich stärker entwickelt als der Rest der Welt, womit US-Vermögenswerte und der Dollar attraktiver erscheinen als die vergleichsweise risikoreichen Aktien und Währungen aus den Schwellenländern.

Dieser Artikel ist im Wall Street Journal Deutschland erschienen.

Verschärft hat sich die Nervosität der Investoren zuletzt durch schwache Wirtschaftsdaten aus Schwellenländern. Die Philippinen etwa meldeten einen Rückgang der Exporte um 7 Prozent im April verglichen mit dem Vorjahr, wodurch sich die Sicht verstärkte, dass sich der globale Handel abschwächt.

Indien will Restriktionen bei Auslandsinvestitionen kappen

Als Erstes traf es die asiatischen Märkte. Die Börsenbarometer in Thailand und den Philippinen fielen um 5 und 4,6 Prozent und bescherten den Anlegern den schwärzesten Tag seit Ende 2011. In Indonesien verlor der Markt 3,6 Prozent. "Es fühlt sich an, als ob die Party langsam endet", sagte Howard Wong, leitender Direktor bei Doric Capital in Hongkong.

Angesichts der Kapitalabflüsse versuchen Zentralbanken in den Schwellenländern, ihre Wechselkurse zu stabilisieren. Indiens Zentralbank schritt massiv ein, um den Wertverfall der Rupie zu stoppen. Um zu verhindern, dass der Kapitalfluss aus dem Ausland versiegt, will die indische Regierung weitere Restriktionen bei Auslandsinvestitionen in die indischen Wirtschaftssektoren kappen, wie ein hochrangiger Regierungsvertreter sagte.

Die türkische Zentralbank ergriff am Dienstag ebenfalls Maßnahmen gegen die Kapitalflucht, nachdem sie in den vergangenen vier Jahren vornehmlich damit beschäftigt war, zu große Mittelzuflüsse zu verhindern. Mit Devisenmarktinterventionen gelang es kurzfristig den Verfall der Lira der zu stoppen, die am Dienstag bis nahe auf ein Mehrjahrestief verglichen mit dem Dollar abrutschte, sich dann aber wieder erholte.

Auch Südafrika ist betroffen

Betroffen etwa ist Südafrika. Dort fiel der Rand am Dienstag zunächst um fast 2 Prozent auf 10,38 Dollar, womit die Währung seit Jahresbeginn 23 Prozent ihres Wertes verloren hat. Im Laufe des Tages holte sie aber schließlich wieder auf und zeigte sich am Ende sogar befestigt gegenüber dem Wochenbeginn.

Ebenfalls mit sinkenden Notierungen zeigte sich zunächst der brasilianische Real, weil Investoren sich seit geraumer Zeit aus der größten Volkswirtschaft des Landes zurückziehen. Auch hier erholte sich der Wechselkurs allerdings bis zum Abend wieder und lag am Ende verglichen mit dem Dollar leicht im Plus.

Vor gerade zwei Monaten sorgten Investoren auf der Suche nach etwas Rendite noch dafür, dass weltweit viel Kapital an den Märkten unterwegs war. Die massiven geldpolitischen Maßnahmen, die die Bank of Japan am 4. April verkündete, trafen zeitlich mit einer Zinssenkung der Europäischen Zentralbank zusammen. Außerdem gingen Investoren damals noch fest davon aus, dass die Fed ihr monatliches Anleihekaufprogramm im Umfang von 85 Milliarden Dollar auf absehbare Zeit fortsetzen würde.

In Indien und Brasilien geht das Wachstum zurück

Seither hat sich jedoch einiges geändert. Fed-Chef Ben Bernanke deutete im Mai an, dass die Notenbank Ende des Jahres damit beginnen könnte, ihr Kaufprogramm herunterzufahren. Die Geldspritzen der Bank of Japan führten nach anfänglicher Euphorie zu Unruhe auf den Finanzmärkten. Die Rendite japanischer Staatsanleihen ging nach oben, und am Aktienmarkt ging es bergab.

Überdies verstärkt sich der Eindruck, dass die Schwellenländer einfach nicht so schnell wachsen wie die Mehrheit der Anleger das unterstellt hatte.

Die Kapitalabschlüsse der jüngsten Zeit liefen meist geordnet ab. Mancherorts wurde die Währungsabwertung auch positiv gewertet, weil dies langfristig dafür sorgen kann, dass betroffene Länder bei ihren Exporten international wettbewerbsfähiger werden. Doch am Dienstag beschleunigte sich das Tempo, plötzlich wollten Investoren ihr Geld so schnell wie möglich abziehen.

"Bis vor kurzem ging es immer um die Sorge, dass die Geldzuflüsse zu einer Spekulationsblase bei Vermögenswerten führen könnten", sagte Gareth Leader, Volkswirt bei Capital Economics in London. "Das hat sich sehr schnell geändert."

Originalartikel auf Wall Street Journal Deutschland

Mitarbeit: Khushita Vasant und Tom Murphy



insgesamt 6 Beiträge
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Seite 1
forumgehts? 12.06.2013
1. Nur
Zitat von sysopREUTERSAus den Schwellenländern fließt derzeit viel Geld ab. Währungen werten ab, Aktienkurse fallen und für die Staaten, die ohnehin mit Wachstumsproblemen kämpfen, verschärft sich die Lage. Zuletzt gerieten die vor allem Indien, Thailand und Indonesien in den Strudel. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/schwellenlaender-kaempfen-mit-kapitalflucht-a-905296.html
eine Eintagsfliege oä erinnert sich nicht, dass die wirtschaftlichen Aussichten der Schwellenländer von zahlreichen "Experten" geradezu euphorisch bejubelt wurden. Na watt denn nu? OK, es soll ja auch eine Euphorie vor dem Tode geben, da kann das bei Eintagsfliegen-Experten schon mal vorkommen ;)
muellerthomas 12.06.2013
2.
Zitat von forumgehts?eine Eintagsfliege oä erinnert sich nicht, dass die wirtschaftlichen Aussichten der Schwellenländer von zahlreichen "Experten" geradezu euphorisch bejubelt wurden. Na watt denn nu? OK, es soll ja auch eine Euphorie vor dem Tode geben, da kann das bei Eintagsfliegen-Experten schon mal vorkommen ;)
Die Entwicklung dieser Länder über die letzten 10-20 Jahre ist ja auch durchaus beeindruckend.
HeisseLuft 12.06.2013
3. Geklautes Zitat
Zitat von sysopREUTERSAus den Schwellenländern fließt derzeit viel Geld ab. Währungen werten ab, Aktienkurse fallen und für die Staaten, die ohnehin mit Wachstumsproblemen kämpfen, verschärft sich die Lage. Zuletzt gerieten die vor allem Indien, Thailand und Indonesien in den Strudel. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/schwellenlaender-kaempfen-mit-kapitalflucht-a-905296.html
Sicher ist, dass nichts sicher ist. Selbst das nicht.
carahyba 12.06.2013
4.
Zitat von muellerthomasDie Entwicklung dieser Länder über die letzten 10-20 Jahre ist ja auch durchaus beeindruckend.
In Brasilien, speziell in RJ und SP, aber nicht nur dort, fand eine Überhitzung des Immobilienmarktes statt. Der Real hat in den letzten zwei Wochen stark abgewertet, weil die Nachfrage nach US$ und EURO immens ansteigt. Die Hedgefonds orientieren sich um, scheinen Geld zu verlieren und wer kann wechselt den Markt. Mich beunruhigt diese Entwicklung in keinster Weise, ganz im Gegenteil. Dieses Kapital suchte eine schnelle Rendite. Hat nur den Preis der Bestandsimmobilien in die höhe getrieben, eine signifikante Bautätigkeit fand nicht statt. Kapitaleinfuhren nach Brasilien rentieren sich nicht, die Transferkosten einschliesslich Banken-Courtagen können bis zu 8% betragen. Zur Zeit existiert kein Immobilienmarkt, kam zum Stillstand, erst müssen die Immobilienpreise fallen und zwar erheblich. Dann wird wieder gekauft und verkauft. Bin gespannt wer da wieder einiges in den Sand gesetzt hat.
forumgehts? 12.06.2013
5. Ja,
Zitat von muellerthomasDie Entwicklung dieser Länder über die letzten 10-20 Jahre ist ja auch durchaus beeindruckend.
aber in den meisten Fällen in %-Zahlen. Wenn die absoluten Zahlen nichts hergeben, so hilft immer noch der %-Trick. Beobachten Sie das mal :)
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