Zwei Euro pro Stunde Wie Billiglöhner das selbstfahrende Auto mitentwickeln

Bilddateien so bearbeiten, dass künstliche Intelligenz sie auswerten kann - das ist eine der Aufgaben von sogenannten Klick-Arbeitern. Die meisten von ihnen stammen einer Studie zufolge aus dem krisengeplagten Venezuela.

Auch VW forscht an selbstfahrenden Autos (Symbolbild)
Christian Charisius / DPA

Auch VW forscht an selbstfahrenden Autos (Symbolbild)


Weltweit forschen Firmen, um autonom fahrende Autos zu entwickeln. Neue Fahrzeuge müssen lernen: Wo endet die Fahrspur? Fliegt eine Plastiktüte über die Straße oder läuft da ein Mensch? Dafür generieren sogenannte Klick-Arbeiter Datensätze - in der Regel für ein bis zwei Euro Stundenlohn, heißt es in einer von der Hans-Böckler-Stiftung geförderten Studie. Die Internetarbeiter sitzen derzeit vor allem in Venezuela.

Venezuela sei "ein Land mit gut ausgebildeter und gut vernetzter, jedoch von Hyperinflation völlig ausgezehrter Bevölkerung", schreibt Alexander Schmidt von der Hochschule für Technik und Wirtschaft Dresden, der den neuen Trend in der Crowdsourcing-Branche für seine Studie durchleuchtet hat. Für viele Venezolaner sei die Crowdarbeit "zur devisenbringenden Lebensader" geworden. Sie seien Teil eines Heers von digitalen Wanderarbeitern, die wie Erntehelfer zwischen den neuen Plattformen hin und her ziehen.

Die Klick-Arbeiter bereiten Millionen Bilddateien mit Verkehrssituationen so präzise auf, dass sie für die Künstliche Intelligenz zu verarbeiten sind. Die Arbeiter beschriften dazu auf den Bildern Pixel für Pixel, wo Fahrbahnmarkierungen, Fahrzeuge oder Fußgänger sind. Diese müssen trennscharf voneinander abgegrenzt und mit Zusatzinformationen versehen werden, damit im Zuge des maschinellen Lernens daraus Regeln abgeleitet und Software-Modelle entwickelt werden können.

Harter Wettbewerb bedrohe bessere Arbeitsbedingungen

Venezuela steckt in einer tiefen Wirtschaftskrise, viele Menschen suchen Arbeit. "Die Wirtschaftsleistung hat sich halbiert, der Konsum ist um 55 Prozent geschrumpft, die Investitionen sind um 68 Prozent gefallen", sagte Sari Levy, Wirtschaftsprofessorin an der Zentraluniversität in Caracas. Mehr als 80 Prozent der Bevölkerung würden in Armut leben. In dem Land tobt außerdem seit Monaten ein Machtkampf zwischen Präsident Nicolás Maduro und dem selbsternannten Interimspräsidenten Juan Guaidó.

Arbeiten noch manuell: Baustellen-Arbeiter in Venezuela während einer Pause (Archiv)
Edilzon Gamez/Getty Images

Arbeiten noch manuell: Baustellen-Arbeiter in Venezuela während einer Pause (Archiv)

Viele Menschen suchen daher einen Job. Die Qualitätsanforderungen an Klick-Arbeit seien hoch, daher hätten sich spezialisierte Plattformen in Venezuela und anderen Ländern etabliert, heißt es in der Studie. Sie böten den Online-Arbeitskräften teils eine höhere Bezahlung und bessere Arbeitsbedingungen als der Großteil der etablierten Crowdworking-Plattformen. Durch den weltweiten harten Wettbewerb unter den Crowdworkern gerate dieses Niveau aber bereits wieder unter Druck, stellte Studienautor Schmidt fest.

Kunden für die Trainingsdaten sind laut Studie Dutzende gut finanzierte Firmen, die auf den Markt für autonomes Fahren drängen. Es handle sich um die großen Autohersteller und ihre Zulieferer sowie um große Hardware- und Softwarefirmen wie Intel, Nvidia, Google und Apple. In Deutschland hatte zuletzt Volkswagen einen Testbetrieb für autonom fahrende Autos in Hamburg gestartet.

kko/AFP



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