Selbstmordserie France Télécom verschiebt Konzernumbau

Weil die Selbstmordserie unter den Mitarbeitern nicht abreißt, hat France Télécom den umstrittenen Konzernumbau gestoppt - zumindest vorerst. Das Unternehmen will nun mit einem Fragebogen mehr über die Stimmung seiner Mitarbeiter erfahren.
Schweigemarsch von France-Télécom-Mitarbeitern: 25 Selbstmorde in 18 Monaten

Schweigemarsch von France-Télécom-Mitarbeitern: 25 Selbstmorde in 18 Monaten

Foto: David Vincent/ AP

Paris - Angesichts einer dramatischen Selbstmordserie bei France Télécom hat das Unternehmen den 2006 eingeleiteten Konzernumbau vorerst gestoppt. Das teilte das Unternehmen am Dienstag nach einem Treffen mit Vertretern der Belegschaft mit. Der Stopp gelte zunächst bis zum Jahresende.

Innerhalb der vergangenen 18 Monate hat es in dem französischen Telekommunikationskonzern 25 Fälle von Selbsttötung gegeben, den bisher letzten am Donnerstag voriger Woche. Die Gewerkschaften sehen den Konzernumbau mit Zehntausenden Entlassungen und Versetzungen als eine Ursache für die Selbstmordserie. Der für das schmerzhafte Umstrukturierungsprogramm verantwortliche Vizechef Louis-Pierre Wenes musste kürzlich seinen Platz räumen.

Der vorübergehende Stopp der Umstrukturierung sei positiv, sagte Xavier Major von der Gewerkschaft CFDT. Davon solle laut dem Leiter der Personalabteilung, Olivier Barberot, nur abgewichen werden, wenn sich das Unternehmen zu größeren Einschnitten wie dem Verkauf von Töchtern entschließe.

Erst auf Druck der Regierung reagierte der Konzern mit rund hunderttausend Beschäftigten kürzlich auf die Selbstmorde. So wurden 500 geplante Versetzungen vorerst auf Eis gelegt und die Angestellten aufgerufen, auf depressive Stimmungen oder Anzeichen auf mögliche Selbstmordabsichten ihrer Kollegen zu achten. Arbeitsminister Xavier Darcos entsandte zudem einen Mitarbeiter zur Kontrolle in das frühere Staatsunternehmen.

Statistiker bestreitet Selbstmord-Häufung

Der Statistiker René Padieu bestritt aber, dass es bei France Télécom überhaupt von einer "Selbstmordwelle" gesprochen werden könne. In der französischen Gesamtbevölkerung nähmen sich jährlich 19,6 von 100.000 Menschen im Alter zwischen 20 und 60 Jahren das Leben, sagte der Vertreter der französischen Gesellschaft für Statistik der Zeitung "La Croix". Bei France Télécom mit 100.000 Mitarbeitern ergebe sich ein Durchschnitt von 15 Selbsttötungen im Jahr. Damit brächten sich bei dem Konzern nicht mehr Menschen um als anderswo.

Der französische Psychiater Christophe Dejours kritisierte unterdessen den Fragebogen, den France Télécom wegen der Selbstmorde an seine Mitarbeiter verschickt hat. "160 Fragen, wozu ist das gut, was macht man damit?", fragte der Fachmann, der ein Buch zum Thema Arbeit und Selbstmord geschrieben hat. Der Fragebogen sei "vor allem ein Zeichen der Kommunikation nach außen".

ore/AP/AFP
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