Shanghai Autoshow Bling statt Bauhaus

Jedes dritte Auto von Audi, BMW und Co. wird inzwischen in China verkauft. Das schafft Abhängigkeiten - und verändert auch die Autos selbst: Asiatischer Geschmack bestimmt das Design.

Tom Grünweg

Von Jürgen Pander


Duftspender, üppiger Chromzierrat sowie Langversionen von Mittelklasseautos mit mehr Beinfreiheit im Fond - an solchen Beispielen lässt sich erkennen, wie der chinesische Geschmack zunehmend die Modellgestaltung der Autohersteller beeinflusst. "Chinesische Einflüsse lassen sich auch beim Karosseriedesign feststellen, etwa wenn die Autos wieder etwas eckiger und kantiger werden", sagt Peter Fuß, Automarkt- und China-Experte des Wirtschaftsprüfungsunternehmens EY (ehemals Ernst & Young).

So stehen sie derzeit im Rampenlicht der Autoshow in Shanghai, rund 1350 piekfein herausgeputzte Neuwagen, chromglänzend, mit zackigen Blechfalzen und scharfkantig modellierten Scheinwerfern. Auch groß und selbstbewusst wie etwa die VW-Studie C Coupé GTE oder das bullige SUV-Modell Mercedes GLC Coupé. Mit solchen Typen machen vor allem die deutschen Autohersteller glänzende Geschäfte in China. Von den 13,8 Millionen Pkw, die BMW, Daimler und der Volkswagen-Konzern im vergangenen Jahr weltweit absetzten, wurden 4,4 Millionen in China ausgeliefert - also rund ein Drittel.

"Ohne China ginge es der deutschen Autobranche heute längst nicht so gut", sagt Fuß. Das ist das eine. Das andere ist die inzwischen massive Abhängigkeit der hiesigen Autobauer von chinesischen Kaufentscheidungen. Bei VW liegt der Anteil des Chinageschäfts am Gesamtabsatz bereits bei 45 Prozent. Bei Audi sind es 33 Prozent, bei BMW 22 Prozent und bei Mercedes 17 Prozent. Noch ist die Tendenz steigend, doch lange wird es wohl nicht mehr so weitergehen.

"Das Wachstum in China wird sich von den Metropolen im Osten mehr und mehr in den Westen Chinas verlagern, also von den Küsten ins Inland hinein. Und dort dürften andere Fahrzeuge gefragt sein als in den hoch entwickelten Zentren", sagt EY-Analyst Fuß. Zum Beispiel geräumige Minivans sowie kompakte SUVs in der Preisklasse um etwa 60.000 Yuan (umgerechnet rund 9000 Euro). In beiden Segmenten haben deutsche Hersteller nichts zu bieten.

Gefördert wird nur, was in China produziert wurde

Überhaupt dürfte es für deutsche Hersteller in Zukunft schwieriger werden in China. Weil der sogenannte Premiummarkt in China generell schwächelt und weil es nach Ansicht von Experten nur noch eine Frage der Zeit ist, bis die chinesischen Behörden den Schalter in Richtung Elektromobilität so richtig umlegen. Im vergangenen Jahr wurden in China rund 75.000 Pkw mit Elektro- oder Plug-in-Hybridantrieb neu zugelassen. Das ist angesichts von insgesamt 19,7 Millionen Neuzulassungen gewiss marginal, doch es war ein Zuwachs im Vergleich zum Vorjahr von mehr als 400 Prozent.

Diese Beschleunigung werde sich fortsetzen, sagt Mirjam Meissner vom Mercator Institut für China Studien (MERICS) aus Berlin: "Mit der Elektromobilität verfolgt die chinesische Regierung das industriepolitische Ziel, die Dominanz der ausländischen Autohersteller zu beschneiden." Das funktioniert ganz einfach dadurch, dass beispielsweise importierte Elektroautos wie der BMW i3 oder der VW E-Up in China um ein Vielfaches teurer sind als heimische Elektrofahrzeuge - weil sie von sämtlichen Förderungen ausgeschlossen sind. Meissner: "Nicht die Unterscheidung, ob ein Hersteller aus China stammt oder nicht, ist dabei ausschlaggebend, sondern die, ob das Fahrzeug in China gefertigt wird oder nicht."

China hält unbeirrt an dem Ziel fest, bis zum Jahr 2020 fünf Millionen Autos mit Elektro- und Plug-in-Hybridantrieb auf den Straßen zu haben. Parallel dazu soll, wie Chinas Regierungschef Li Keqiang beim Volkskongress Anfang März erklärte, eine "Internet-Plus-Strategie" umgesetzt werden. Dahinter steht die politisch gewünschte Digitalisierung ganzer Industriezweige - vor allem der Autoindustrie.

Inzwischen suchen Internet- und Kommunikationskonzerne wie Alibaba, Huawei und Leshi TV Kooperationen mit chinesischen Autoherstellern mit dem Ziel, das Auto in die digitale Infrastruktur einzubetten. "Über die Frage, wem die Daten des Autos gehören, gibt es in China keine große Diskussion. Denn es ist klar, dass diese Daten auch dem Staat gehören", sagt Meissner. So gebe es seit Februar einige Pilotprojekte, bei denen Privatautos mit speziellen Sendegeräten ausgestattet wurden, um relevante Fahrdaten für die Pkw-Versicherung zu erfassen; und zwar unabhängig davon, ob die Autofahrer damit einverstanden sind oder nicht.

Für die Autohersteller, insbesondere für die Importmarken, könnte die Vernetzung zu einem weiteren Problem werden. "So, wie Apple einige Quellcodes preisgeben musste, um weiterhin auf dem chinesischen Markt agieren zu können, so könnten künftig auch einige Autohersteller dazu aufgefordert werden, bestimmte Fahrzeugprogrammierungen offenzulegen", sagt Meissner.

Aus dem ganz großen Geschäft in China ist eine ziemlich große Abhängigkeit von China geworden. Hersteller, die dort keine Marktanteile verlieren möchten, dürften die bald zu spüren bekommen.



insgesamt 2 Beiträge
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echnaton12 23.04.2015
1. als ich meinen Führerschein machte
wusste in China noch kein Mensch, was ein Mercedes überhaupt ist. Da gab es ab und zu ein paar Fernsehbilder von radfahrenden Horden in blauen Arbeitsanzügen. Was ich nicht verstehe ist, wieso es dort, genauso wie in der Ex- Udssr, soviele reiche Eliten gibt? Womit haben die derart viel Geld verdient in knapp 20 Jahren???
aurichter 23.04.2015
2. @ echnaton
Schauen Sie auf ihr Smartphone oder begutachten ihre Elektroartikel im Haushalt, ebenso ihre sämtlichen Textilien nebst Schuhwerk - das Meiste Made in China. Mit dem Sonderstatus Hongkong und der langsamen Öffnung im Wirtschaftsektor, bei dem eben gerade Insider in der Politkaste profitiert haben, kommen bei einem 1,3 Mia Volk dann schnell genug Käufer im gehobenen Automobilsektor zusammen. Wenn diese rasante Entwicklung fortschreitet, dann ist Europa bald das Armenhaus auf dem Planeten neben Afrika. Gottseidank bin ich aus dem Alter heraus um mir noch ernsthaft Gedanken dazu zu machen, hoffe jedoch, das meine Kinder und evtll Enkelkinder darunter nicht all zu heftig leiden müssen. Rosige wirtschaftliche Aussichten sehen aber weisgott anders aus. Hier wurde zufiel verschlafen. Schade eigentlich.
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