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Siemens-Chef Joe Kaeser nach Treffen mit Luisa Neubauer "Sie ist eine sehr angenehme Persönlichkeit"

"Fridays for Future" fordert von Siemens, einen Auftrag für eine australische Kohlemine abzusagen. Nach einem Treffen mit Luisa Neubauer zeigt sich der Konzernchef reumütig - und bot ihr einen Job.
Ein Interview von Dinah Deckstein
Treffen mit dem Wirtschaftsboss: Klimaaktivistin Luisa Neubauer

Treffen mit dem Wirtschaftsboss: Klimaaktivistin Luisa Neubauer

Foto:

ODD ANDERSEN/ AFP

SPIEGEL: Herr Kaeser, Sie haben heute die Umweltaktivistin Luisa Neubauer von der Umweltschutzbewegung "Fridays for Future" getroffen. Sie geht Ihren Konzern hart an wegen seiner Beteiligung an einem heftig umstrittenen Kohleabbauprojekt in Australien. Wie ist das Gespräch verlaufen?

Kaeser: Sehr gut. Wir haben uns anderthalb Stunden lang über Nachhaltigkeit, die "Fridays for Future"-Bewegung und natürlich auch über das konkrete Projekt unterhalten, bei dem wir die Signaltechnik für eine Bahnstrecke zum Abtransport der Kohle liefern. Sie ist eine sehr angenehme Persönlichkeit. Ich hätte gerne mit ihr gemeinsam eine gemeinsame Erklärung abgegeben. Aber ihre Mitstreiter von der "Fridays for-Future"-Bewegung waren dagegen.

SPIEGEL: Haben Sie sie zum ersten Mal getroffen?

Kaeser: Im Prinzip ja, ich habe sie zuvor nur mal bei einer größeren Veranstaltung gesehen. Ich habe ihr versichert, dass ich ihre Bewegung gut finde und viele ihrer Forderungen unterstütze. Ich habe ihr aber auch gesagt, dass ich es problematisch finde, Alt und Jung gegeneinander auszugrenzen und die Älteren als Klimasünder anzuprangern. Der Generationenkonflikt muss entschärft und nicht zugespitzt werden. Gleichzeitig habe ich ihr angeboten, in einem Aufsichtsratsgremium der Siemens Energy mitzuarbeiten, die im kommenden September an die Börse gehen soll. Sie hat gesagt, dass sie darüber nachdenken wird.

SPIEGEL: Dürfen Sie das überhaupt? Siemens Energy soll doch größtmögliche Unabhängigkeit erhalten. Und nun entscheidet der scheidende Siemens-Chef mit, wer dort im Aufsichtsrat sitzen soll?

Kaeser: Es ist doch klar, dass die Erstbesetzung der Kontrollgremien der Siemens Energy durch die Siemens AG erfolgt. Erst im nächsten Turnus in fünf Jahren werden die Aufsichtsräte dann von den künftigen Anteilseignern bestimmt.

Joe Kaeser ist seit 2013 Siemens-Chef

Joe Kaeser ist seit 2013 Siemens-Chef

Foto: ODD ANDERSEN/ AFP

SPIEGEL: Die Kritik von "Fridays for Future" entzündet sich an einem Projekt in Australien, wo Ihr Unternehmen Technik für eine Kohlemine liefern soll. Angesichts des Klimawandels und der aktuellen Großfeuer ist das ein höchst problematischer Auftrag. Warum haben Sie Frau Neubauer nicht einfach versprochen, den zu stornieren?

Kaeser: Ich habe im Dezember das erste Mal davon erfahren. Mir war sofort klar, was sich da anbahnt und dass die Bedeutung weit über das Auftragsvolumen von 18 Millionen Euro hinausgeht. Recherchen ergaben dann, dass der Vertrag bereits unterschrieben war und es also auch um die Zuverlässigkeit von Siemens als Lieferant seiner Kunden geht. Und damit um Aktionärsinteressen. Denn ich bin als Vorstand beim Konzern auch nur angestellt und habe die Verpflichtung, sorgfältig mit dem mir anvertrauten Vermögen der Aktionäre umzugehen. Wir haben es also mit massiv konkurrierenden Interessenlagen zu tun.

SPIEGEL: Was ist konkret schiefgelaufen?

Kaeser: Das Thema wurde von den Managern in der Region pflichtgemäß dem sogenannten Sustainability Board vorgelegt, also dem Gremium für die Einschätzung von politisch, ökologisch oder ethisch potenziell problematischen Geschäften. Dort wurden zwar Bedenken geäußert, die führten allerdings nicht dazu, dass das Projekt abgelehnt wurde, offenbar, weil es ja „nur“ um die Signaltechnik der Transportstrecke und nicht um die Mine selbst ging. Ich habe inzwischen dafür gesorgt, dass dieses Gremium auch derartige nachgelagerte oder indirekte Beteiligungen an kritischen Vorhaben aufhalten oder stoppen kann, also ein Vetorecht hat. Diese Anordnung trat sofort in Kraft.

SPIEGEL: Und wie geht es jetzt weiter?

Kaeser: Ich werde mit den zuständigen Kollegen gemeinsam spätestens Anfang der Woche final entscheiden, wie wir verfahren. Dann werden wir auch über mögliche weitere Schritte in der Kommunikation mit unseren Kunden befinden. Aber eines ist schon jetzt klar: Wäre der Auftrag nicht bereits unterschrieben gewesen, wäre ich sicher schwer davon zu überzeugen gewesen, ihn anzunehmen.