Siemens-Campus in Berlin "Ein Labor mitten in der Hauptstadt"

Vor 171 Jahren wurde Siemens in Berlin gegründet - jetzt zieht der Konzern dort einen Innovationscampus auf. Siemens-Vorstand Neike erklärt, warum es dort anders zugehen soll als im Silicon Valley.

Siemens-Turm in Berlin-Spandau
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Siemens-Turm in Berlin-Spandau


Nur wenige Tage nachdem Google seinen Plan aufgegeben hat, in der Hauptstadt einen Campus einzurichten, kündigte Siemens heute im Roten Rathaus ein noch größeres Projekt an. Mit einer Investition von 600 Millionen Euro will der Konzern an seinem historischen Geburtsort Siemensstadt im Bezirk Spandau bis 2030 einen Innovationscampus aufbauen.

Der Bund und das Land Berlin haben dafür unter anderem zugesagt, einen stillgelegten U-Bahnhof wiederzubeleben und für eine schnelle Verbindung zum neuen Flughafen zu sorgen. Der zuständige Siemens-Vorstand Cedrik Neike erklärt im Interview, was das Unternehmen sich von der Investition verspricht.

SPIEGEL ONLINE: Herr Neike, Sie bezeichnen Ihr Vorhaben in der Berliner Siemensstadt gleich als "Zukunftsprojekt für Deutschland". Was genau planen Sie dort? Eine Art smarten Minibezirk inmitten der chaotischen Hauptstadt als Leistungsschau ihres Konzerns?

Neike: Wir wollen zeigen, wie die Zukunft der Arbeit aussehen könnte, das ist der Grundgedanke. Dafür haben wir uns weltweit nach möglichen Standorten umgesehen und uns nun für Berlin entschieden. Hier ist Siemens vor 171 Jahren als kleines Start-up gegründet worden. Und hier wollen wir nun etwas Neues schaffen, einen offenen Campus, auf dem geforscht, gelehrt und produziert werden kann, auf annähernd einer Million Quadratmetern.

Neike (r.) und Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller
REUTERS

Neike (r.) und Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller

SPIEGEL ONLINE: Ähnliche Campus-Vorhaben und Silicon-Valley-Anleihen gibt es auch in anderen Bundesländern. Wie wollen Sie sich abheben?

Neike: Hier geht es um die Entwicklung eines gesamten Stadtquartiers. Wir wollen Forschungseinrichtungen und Start-ups gleichermaßen anziehen, es wird Einzelhandel geben und Hotels. Auch Wohnungen werden wir bauen, mindestens ein Drittel davon als öffentlich geförderter Wohnraum für Studenten und Familien. Es soll in Berlin anders laufen als im Silicon Valley, wo viele verdrängt wurden. Ich persönlich habe das in meiner Zeit im Silicon Valley aus nächster Nähe erlebt, da gab es Gewinner aber auch viele Verlierer. Das wollen wir anders machen und die Bürger mitnehmen - schon in der nun beginnenden Planungsphase wollen wir möglichst viele einbinden. Das fängt schon beim Namen an, den wir gemeinsam noch suchen wollen.

SPIEGEL ONLINE: Noch im Sommer gab es zwischen Siemens und dem Berliner Senat erhebliche Konflikte, eine geplante Konzernrepräsentanz in Mitte scheiterte an Denkmalschutzauflagen. Zudem protestierten Landespolitiker bis zum Regierenden Bürgermeister gegen die Entlassungen in ihren Berliner Fertigungsbetrieben. Wie kam es nun zur Einigung?

Neike: Der Senat hat sich in baurechtlichen Fragen und beim Denkmalschutz sehr pragmatisch und flexibel gezeigt, wir sind in den Verhandlungen überraschend schnell vorangekommen. Die Siemensstadt ist in ihrer vorhandenen Substanz vielerorts mehr als 100 Jahre alt, da dürfen Sie streng genommen nicht mal eine Schraube anfassen. Wenn wir dort die Arbeitsplätze von morgen schaffen wollen, wird das aber notwendig sein, deshalb war das für uns sehr wichtig.

SPIEGEL ONLINE: Der US-Techkonzern Google hat sich aufgrund öffentlicher Proteste gerade dagegen entschieden, einen Start-up-Campus in Berlin zu errichten. Rechnen Sie mit ähnlichen Protesten?

Neike: Wir haben das natürlich genau verfolgt und werden deshalb alle Interessierten von Beginn an einbeziehen. Mir ist da nicht bange: Ich habe vor vielen Jahren selbst meine Ausbildung hier in der Siemensstadt gemacht - damals noch im Ausbildungszentrum des Siemens-Telekommunikationsbereichs. Seither hat sich hier erstaunlich wenig verändert. Nun wird es einen städtebaulichen Wettbewerb geben, um Siemensstadt und auch den Bezirk Spandau voranzubringen. Unser Eindruck ist, dass es dafür großes Interesse und eine große Bereitschaft gibt.

SPIEGEL ONLINE: Wird die geplante Siemensstadt 2.0 auch offen sein für andere Unternehmen?

Neike: Absolut, wir wollen mittelständische Firmen, große Unternehmen, aber auch Start-ups hier auf dem Gelände haben - und haben bereits mit einigen Interessenten gesprochen.

SPIEGEL ONLINE: Berlin ist mit mehr als 11.000 Beschäftigten immer noch der größte Fertigungsstandort für Siemens. Ist die Entscheidung auch eine für den Produktionsstandort?

Neike: Wir stellen in Berlin große Gasturbinen her, für die der Markt extrem schwierig geworden ist. Wir produzieren Vakuumröhren und Hochspannungstechnik, also ein ganz breites Spektrum. Auch die industrielle Fertigung verändert sich durch die Digitalisierung tiefgreifend - und der neue Campus wird auch ein Schaufenster dafür sein, welche Lösungen Siemens dafür anbietet. Ein Beispiel ist der industrielle 3-D-Druck.

SPIEGEL ONLINE: Sie wollen sich mit der Fertigstellung bis zum Jahr 2030 Zeit lassen, im Zeitalter der Digitalisierung mit ihren kurzen Innovationszyklen wirkt das wie eine halbe Ewigkeit. Warum geht es nicht schneller?

Neike: Wir sprechen ja unter anderem von einer Menge Neubauten, da müssen jede Menge Steine bewegt werden, und das dauert erfahrungsgemäß - da wollen wir keine unrealistischen Erwartungen wecken. Aber unsere Devise ist: je schneller, desto besser.

SPIEGEL ONLINE: Es gab Kollegen von Ihnen im Vorstand, die den Innovationscampus lieber in Asien oder den USA ansiedeln wollten. Warum haben Sie das Projekt nicht international ausgeschrieben?

Neike: Wir hatten Anfragen aus aller Welt. Für Berlin sprachen neben der Unterstützung der Politik auch unsere historischen Wurzeln und die Tatsache, dass wir hier schon Flächen und existierende Kooperationen mit Universität und Forschungseinrichtungen haben, die wir ausbauen können.

SPIEGEL ONLINE: Wie genau sieht die Unterstützung der Politik aus, welche Gegenleistungen gibt es für Ihre Investitionszusagen?

Neike: Neben der Flexibilität beim Baurecht hat der Senat zugesagt, bei der Anbindung des Quartiers an ultraschnelles Breitbandinternet zu helfen und den vorhandenen alten U-Bahnhof Siemensstadt sowie dessen Anbindung an den Berliner S-Bahn-Ring wiederzubeleben. Und er hat versprochen, dass wir den neuen Flughafen BER, wenn er in Betrieb geht, in 40 Minuten erreichen können. All das war uns sehr wichtig.

SPIEGEL ONLINE: Hat auch die Bundesregierung Zusagen gemacht?

Neike: Wir haben über das Projekt auch mit dem Bundeskanzleramt und dem Wirtschaftsministerium gesprochen. Wir brauchen beispielsweise Unterstützung, um Forschungsinstitute hier anzusiedeln, das können wir als Unternehmen nicht allein stemmen. Umgekehrt können und wollen wir auf dem Campus auch ein Real-Labor für neue innovative Technologien mitten in der Hauptstadt sein.

SPIEGEL ONLINE: Wenn alles so läuft wie sie es planen: wie kann man sich die Siemensstadt in zehn Jahren vorstellen? Flugtaxen, autonome Autos und Busse, vollvernetzte Gebäude, eine kleine Smartcity innerhalb der Hauptstadt?

Neike: Nehmen wir mal das Beispiel Gebäudetechnik. Wir haben jetzt die aufregende Möglichkeit, einen Stadtteil mit neuen Gebäuden zu planen, in denen die Menschen sich wirklich gern aufhalten. Wir verbringen im Schnitt mehr als 90 Prozent unserer Zeit in Gebäuden. Wir sollten sie also so sicher, angenehm und nachhaltig wie irgend möglich gestalten - auch damit möglichst viele Talente gern dort forschen, lehren und arbeiten wollen.

SPIEGEL ONLINE: Das würde auch jeder Immobilienentwickler sagen. Was kann Siemens konkret dazu beitragen?

Neike: Nehmen Sie nur mal die Klimatechnik. Wir werden für die Gebäude und vielleicht den gesamten Stadtteil einen digitalen Zwilling bauen. Damit können wir dann beispielsweise Räume automatisch individuell klimatisieren - je nachdem ob Sie es etwas wärmer oder kühler mögen. Wir haben ein Start-up in Berkeley gekauft, das sich darauf spezialisiert hat, dessen Technologie wollen wir beispielsweise einsetzen. Das verspricht übrigens nicht nur mehr Komfort: Seit die Stadt Essen moderne Klimatechnik im Rathaus einsetzt, haben sich die Ausfallzeiten der Mitarbeiter durch Krankheiten erheblich reduziert.

SPIEGEL ONLINE: Wenn Sie damit werben, dass ihre Investition nicht nur für Berlin sondern auch für den Wirtschaftsstandort Deutschland bedeutsam sein soll - was meinen Sie damit?

Neike: In der Forschung ist Deutschland schon heute ziemlich stark, wenn man sich viele der Erfolgsgeschichten im Silicon Valley anschaut, gibt es eine starke deutsche Beteiligung oder zumindest eine europäische. Es gibt aber immer noch eine starke magnetische Wirkung des Silicon Valley, viele Talente wandern ab. Für sie werden wir in Berlin eine Umgebung schaffen, in der sie gern forschen und ihre Ideen dann groß machen wollen. Und idealerweise ziehen wir zusätzlich noch viele Talente von anderswo an und sorgen so für einen "Brain Drain" in Richtung Deutschland.

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Spiegelpfau 31.10.2018
1. Es hat sich wenig bewegt
Siemens hat seinen Standort Berlin seit Jahrzehnten zugunsten Münchens und Erlangens konsequent heruntergefahren und darniederliegen lassen. Dies war Unternehmenswille, keine Überraschung. OSRAM quasi ebenfalls in Grund und Boden gewirtschaftet. Super, dass es endlich kleine Lichtblicke für Berlin gibt. Siemens soll auf den großen Industrie-Brachen tun, was es will, Hauptsache, es geht für Berlin endlich mal aufwärts! Gratuliere zum sehr guten Abschluss!
D_v_T 31.10.2018
2.
"Ein Labor mitten in der Hauptstadt" Nun weiß allerdings jeder, der sich in Berlin ein bisschen auskennt, dass Spandau nicht mitten in der Stadt liegt, sondern ziemlich "jwd" liegt, erst 1920 eingemeindet wurde und überdies sich selbst nicht wirklich zu Berlin zugehörig fühlt.
travelflo 31.10.2018
3.
Zitat von D_v_T"Ein Labor mitten in der Hauptstadt" Nun weiß allerdings jeder, der sich in Berlin ein bisschen auskennt, dass Spandau nicht mitten in der Stadt liegt, sondern ziemlich "jwd" liegt, erst 1920 eingemeindet wurde und überdies sich selbst nicht wirklich zu Berlin zugehörig fühlt.
Das dachte ich mir auch.. Spandau mitten in den Hauptstadt, so ein Quatsch.. Trotzdem schön, dass Siemens hier kräftig investiert. Berlin ist nach dem 2WK wirtschaftlich doch stark gebeutelt worden, die ganzen großen Unternehmen gingen nach Westdeutschland (Allianz, Lufthansa, Siemens, Deutsche Bank und viele mehr)
globaluser 31.10.2018
4. Bin kein Berliner,
aber von der Zitadelle Spandau z.B. zur Gedächtniskirche sind es ungefähr 10 km, da ist von Cupertino in das Zentrum von San Francisco, doch schon einiges weiter. Interessant ist viel mehr, ob sich etwas bewegen wird, wenn man eine Fertigstellung bis 2030 anstrebt, kann man in einigen Bereichen, wie der angesprochenen Gebäudetechnik schon wieder von vorne beginnen.
~JB~ 31.10.2018
5.
Zitat von travelfloDas dachte ich mir auch.. Spandau mitten in den Hauptstadt, so ein Quatsch.. Trotzdem schön, dass Siemens hier kräftig investiert. Berlin ist nach dem 2WK wirtschaftlich doch stark gebeutelt worden, die ganzen großen Unternehmen gingen nach Westdeutschland (Allianz, Lufthansa, Siemens, Deutsche Bank und viele mehr)
Von diesem Umzug haben einige Region in Westdeutschland stark profitiert. Man kann auch sagen, die Wirtschaft aus dem Osten hat Bayern aufgebaut.
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