Kohlemine Siemens-Chef Kaeser hält an umstrittenem Projekt in Australien fest

Trotz heftiger Kritik will Siemens Technik für eine Kohlemine in Australien liefern - der Vertrag verpflichte. Klimaaktivistin Neubauer sagt: "Diese Entscheidung ist aus dem Jahrhundert gefallen."
Joe Kaeser, Vorstandsvorsitzender von Siemens, am Freitag nach dem Gespräch mit der "Fridays for Future"-Aktivistin Luisa Neubauer

Joe Kaeser, Vorstandsvorsitzender von Siemens, am Freitag nach dem Gespräch mit der "Fridays for Future"-Aktivistin Luisa Neubauer

Foto: Soeren Stache/ dpa

Siemens will seinen umstrittenen Kohleminen-Auftrag in Australien trotz Protesten von "Fridays for Future" und anderen Klimaschützern ausführen. "Wir müssen unsere vertraglichen Verpflichtungen erfüllen", schrieb Vorstandschef Joe Kaeser nach einer außerordentlichen Vorstandssitzung auf Twitter.

Nach Abwägung aller Fakten und Gesprächen mit Dritten habe Siemens sich entschieden, wie geplant Signaltechnik für eine Zugverbindung zu liefern, mit der Kohle von der geplanten Mine zum Hafen transportiert werden soll. Der Auftrag bringt Siemens 18 Millionen Euro. Zugleich will der Konzern ein wirksames Nachhaltigkeitsgremium schaffen, um Umweltfragen in Zukunft besser zu managen.

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Kaeser hatte sich am letzten Freitag mit der "Fridays for Future"-Aktivistin Luisa Neubauer getroffen und eine Entscheidung bis Montag angekündigt. Im Nachgang des Gesprächs hatte Kaeser Neubauer einen Sitz in einem Aufsichtsgremium des künftigen Unternehmens Siemens Energy angeboten. Ob es der Aufsichtsrat oder ein anderes Gremium sei, könne Neubauer selbst entscheiden, sagte Kaeser in Berlin - doch Neubauer lehnte ab. Die Gefahr sei zu groß, dass sie ihre Unabhängigkeit verliere.

Stattdessen machte Neubauer den Vorschlag, den Posten einen Wissenschaftler zu überlassen. Darauf wiederum wollte sich Kaeser nicht einlassen.

Die Entscheidung von Siemens, an dem Projekt festzuhalten, kritisierte Neubauer scharf. "Joe Kaeser macht einen unentschuldbaren Fehler", sagte sie der Nachrichtenagentur dpa. "Diese Entscheidung ist aus dem Jahrhundert gefallen." Sie warf Siemens vor, Profit aus dem Projekt zu schlagen und damit das Ziel zu gefährden, die Erderwärmung auf unter zwei Grad einzudämmen.

Vorschlag sei "gut gemeint"

Der Siemens-Chef wiederum bedauerte Neubauers Entscheidung, den Aufsichtsjob abzulehnen. Er wolle den Posten aber keinem Experten geben. Der Vorschlag sei "gut gemeint", teilte Kaeser am Sonntag mit. "Aber Experten und Wissenschaftler haben wir schon genug."

Um Umweltprobleme zu lösen, brauche es Führungspersönlichkeiten, die zusammen zielkonfliktäre Systeme verstehen und auflösen, fügte er hinzu. Beim Klimagipfel in Madrid etwa habe es genügend Experten gegeben, "aber viel zu wenig von diesem Leadership. Das Ergebnis spricht für sich selbst".

Pläne in Australien: Eines der größten Kohlebergwerke der Welt

Anlass des Gesprächs zwischen der Umweltaktivistin und dem Firmenchef waren Pläne des Unternehmens, eine Zugsignalanlage für ein umstrittenes Kohlebergwerk in Australien zu liefern. Die Adani Group plant in Australien eines der größten Kohlebergwerke der Welt. Aus fünf Untertageminen und sechs Tagebaustätten sollen jährlich bis zu 60 Millionen Tonnen Kohle gefördert werden. Umweltschützer kämpfen seit Jahren gegen das Projekt.

Dabei geht es neben dem Klimaschutz auch um den Verbrauch von Wasser, die Zerstörung von Lebensraum und den Transport der Kohle über das Great Barrier Reef, das größte Korallenriff der Welt.

"Ein CEO wie Kaeser revidiert den Fehler"

"Ich kann bestätigen, dass Joe Kaeser über die desaströsen Konsequenzen der Kohleförderung durch die Adani Mine Bescheid weiß", sagte Neubauer nach dem Gespräch. Er wisse, dass die Emissionen durch die Kohle aus der Mine im schlimmsten Fall das Ziel gefährdeten, die Klimaerwärmung auf zwei Grad zu begrenzen, und dass die direkten Auswirkungen der Adani Mine für die Umwelt zerstörerisch seien.

"Er hat im Gespräch zugegeben, dass es ein Fehler war, den Vertrag mit Adani zu unterschreiben", sagte die 23-Jährige. "Ein CEO wie Kaeser macht dann nicht den zweiten Fehler und hält an einem so katastrophalen Handel fest - sondern revidiert den Fehler."

Kaeser hatte am Freitag erklärt, die Entscheidung sei nicht einfach. Es gebe unterschiedliche Interessenlagen - von Aktionären, Kunden und auch der Gesellschaft. Er zeigte sich dem eigenen Unternehmen gegenüber auch kritisch: "Wir sehen, dass wir auch indirekte Beteiligungen bei kritischen Projekten besser verstehen und frühzeitig erkennen müssen."

Besondere Brisanz hatte das Thema zuletzt durch die riesigen Buschbrände in Australien bekommen.

irb/kko/dpa/Reuters