Auftritt von Siemens-Chef Kaeser Der Team-Chef

Es soll Schluss sein mit den allzu ambitionierten Zielen: Beim ersten großen Auftritt als Siemens-Chef setzt Joe Kaeser auf Beruhigung, sowohl nach außen als auch nach innen. Die Aktionäre sollen beruhigt werden, die Mitarbeiter wieder stolz auf ihr Unternehmen sein.

Siemens-Chef Kaeser auf Bilanz-PK: Vorsichtige Prognosen
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Siemens-Chef Kaeser auf Bilanz-PK: Vorsichtige Prognosen

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Als die erste wirklich freche Frage gestellt wird, lächelt Joe Kaeser. Als freue er sich bereits darauf, aus seiner bisher gezeigten Zurückhaltung ausbrechen zu können. Die Prognose für das noch junge Geschäftsjahr sei ja schon sehr vorsichtig und werde auch von den Analysten so bewertet. Ob denn der Hintergedanke dabei gewesen sei, sie nicht korrigieren zu müssen, will ein Journalist wissen. Es ist eine Spitze gegen Kaesers Vorgänger Peter Löscher, der in sechs Geschäftsjahren die Gewinnprognose sechsmal kappen musste. Aber sie zielt auch auf Kaeser, der die nicht einlösbaren Versprechen in all den Jahren als starker Finanzvorstand an Löschers Seite mitgetragen hatte.

Doch Kaeser, der bei seiner ersten Bilanzvorstellung als oberster Konzernlenker bislang deutlich zurückgenommener aufgetreten war als in den Vorjahren als Finanzchef, lässt sich davon nicht provozieren. Er rechtfertigt sich nicht, wirbt nicht lange um Verständnis, sondern beantwortet die Frage so kurz und klar wie überhaupt möglich: "Ja." Und fügt zum Vergnügen der Journalisten hinzu, er meine damit, dass es sich um eine erreichbare Prognose handele. So habe er die Frage zumindest verstanden. Es ist eine souveräne, selbstbewusste Reaktion, und sie lässt deutlich erkennen, dass Kaeser weiterhin im Modus "Beruhigen und Befrieden" agiert, den er Anfang August bei seinem Antritt als Chef des in Turbulenzen geratenen Siemens-Konzern ausgegeben hat. Allzu ambitionierte Ziele würden da nur stören.

Dass die Zahlen des abgelaufenen Geschäftsjahrs - ein Umsatzrückgang von einem Prozent auf 75,9 Milliarden Euro, ein um 400 Millionen im Vergleich zum Vorjahr geschrumpfter Gewinn von 4,2 Milliarden Euro - nicht begeistern würden, stand ohnehin schon lange fest. Auch für das kommende Jahr erwartet Siemens kein Wachstum beim Umsatz. Dafür soll die Rendite von vergleichsweise mageren 7,5 Prozent auf 9,5 bis 10,5 Prozent steigen. Weil mit 1,3 Milliarden Euro der allergrößte Teil der Umbau-Kosten im Rahmen des Sparprogramms "Siemens 2014" bereits im vergangenen Geschäftsjahr verbucht wurde, ist das ein durchaus erreichbares Ziel.

Stellenabbau hätte Siemens "klüger kommunizieren" können

Die Botschaft nach außen ist klar: Siemens will das, was es macht, erst einmal effizient machen, bevor das Unternehmen wieder wachsen soll. Angesichts zahlreicher Pannen bei Großprojekten, die den Konzern allein im vergangenen Jahr 900 Millionen Euro gekostet haben, kommt diese Botschaft bei den meisten Investoren gut an. Für die hat Kaeser noch ein besonderes Schmankerl parat: Für vier Milliarden Euro will der Konzern in den kommenden zwei Jahren eigene Aktien zurückkaufen. Den Kurs der Siemens Chart zeigen-Papiere, die seit Kaesers Amtsantritt ohnehin um mehr als 15 Prozent zugelegt hatten, trieb die Ankündigung um weitere fünf Prozent nach oben.

Doch mindestens ebenso wichtig scheinen Kaeser auch bei diesem Bilanztermin die Signale in den Konzern hinein zu sein, an die Mitarbeiter. Sie sollen wieder stolz sein auf Siemens, ein eingeschworenes und erfolgshungriges Team bilden, so schwebt es Fußballfan Kaeser vor. Das wird vor allem an zahlreichen Stellen deutlich, an denen der eloquente Siemens-Chef vom vorbereiteten Redetext abweicht. Etwa als er offen eingesteht, dass man den mit dem "Siemens 2014"-Programm verbundenen Abbau von 15.000 Stellen hätte "klüger kommunizieren" können.

"Mitarbeiter haben darauf gewartet, dass man mit ihnen redet"

Oder wenn er die Aussage, schlecht laufende Geschäfte nicht einfach verkaufen zu wollen, sondern selbst wieder zu sanieren, mit dem Zusatz bekräftigt: "Das ist ein Mantra, das wir nicht verändern werden." Gerade in den Löscher-Jahren waren Unternehmensteile bisweilen überstürzt abgestoßen worden, was nicht eben zur Identifikation der Beschäftigten mit dem Konzern beigetragen hatte. An anderer Stelle spricht Kaeser davon, die Mitarbeiter würden den "Schweiß der Edlen" vergießen. Und davon, dass sie das Recht darauf hätten, zu wissen, wo es langgeht.

Rund 80 von ihnen sind sogar persönlich anwesend - ein Novum bei einer Siemens-Bilanzpressekonferenz. Jeder der mehr als 10.000 Mitarbeiter in Berlin, wo Siemens seine Zahlen präsentierte, habe eine Einladung bekommen, beteuert der Konzern, mehrere hundert hätten dabei sein wollen, am Ende habe das Los entschieden. Das sei Kaesers persönlicher Wunsch gewesen, weniger strategisch geplant als erst kurzfristig spontan entschieden. "Die Mitarbeiter haben darauf gewartet, dass man mit ihnen redet", erklärt der Siemens-Chef seine Idee nach seinem Auftritt.

Auf ganzer Linie funktioniert diese Transparenz gegenüber der Belegschaft offenbar noch nicht. Mehrfach antwortet Kaeser ausweichend auf Journalisten-Fragen nach einem weiteren Stellenabbau. Es ist schließlich sein Nachfolger als Finanzvorstand, Ralf Thomas, der verkündet: Es sei noch nichts festgelegt oder gar entschieden - doch wenn das neue Geschäftsjahr wie geplant verlaufe, habe Siemens weltweit am Ende 5000 Beschäftigte weniger an Bord.

insgesamt 6 Beiträge
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ks82 07.11.2013
1. Erst Mitarbeiter auf die Straße setzen und dann vorm Weihnachtsbaum Lieder singen
Und wer von den Mitarbeitern nicht stolz genug ist, der wird beim nächsten mal "Ausatmen" einfach auch entlassen, das beruhigt die Aktionäre. Ein Unternehmen bei dem ich nie arbeiten würde, selbst wenn H4 die Alternative wäre.
Tzaduk 07.11.2013
2. @ks82
Würden oder könnten Sie bei Siemens nicht arbeiten? Ich würde sagen, da gibt es haufenweise mieserer Varianten. Sie können ja alternativ mal Gymnasiallehrer (angestellt, nicht verbeamtet) oder Kindergärtner probieren. Pflegekraft soll ja auch wahnsinnig attraktiv sein, so im Vergleich. Kostenfreie Weiterbildung, Urlaubsgeld, sozial abgesichert... Stimmt, da ist H4 sicher attraktiver, wenn SIE die Wahl haben...
joG 07.11.2013
3. Es ist halt ein Unternehmen, das nach der Zeit des Monopols....
....und der Koruption sein neues Geschäftsmodel sucht. Da die gesamte Unternehmenskultur durchseucht wird von solchen Umständen, dauert es i,,er lange, bis man sich findet. Manche Unternehmen schaffen es nie.
kandary 07.11.2013
4. Siemens!
Mich muss man nicht von diesem Unternehmen überzeugen, ich bin bereits unumstößlich von dieser Firma angetan. Es gibt keine bessere Firma, auch dieses negative Tal wird man hier überstehen. Ich würde nie für eine andere Firma arbeiten wollen, mir egal ob das naiv klingt ich würde Siemens niemals verlassen, da müsste ich schon zum Übel für mein Unternehmen werden, da würd ich freiwillig gehen. Seid lieber stolz auf euer wertvoll traditionell erfolgreiches Siemens!
experience87 07.11.2013
5. Siemens...
als ehemaliger Mitarbeiter, der dort u.a. die Ausbildung absolviert hat kenne ich das Unternehmen ein wenig. Ich finde es grauenhaft und zutiefst erschütternd, dass Medien, Politiker und etliche Naive einen Konzern feiern, der trotz RekordGEWINNE tausende Menschen auf die Straße gejagt hat! Nur um eine perverse Sucht der völlig abstrusen shareholder-Beglückung gerecht zu werden. Denn wenn Menschen ihre Jobs verlieren steigt ja bekanntlich der Aktienkurs. Als ehemaliger MA würde ich dort nie wieder arbeiten wollen. Sicherlich gibt es in anderen Firmen auch Missstände und Probleme. Aber einen solch abscheulichen Kapitalismus wie bei Siemens findet man ansonsten nur in der Bankenwelt. @ kandary: wie stehen Sie zu Siemens wenn es Ihr Arbeitsplatz ist der in einem "Interessensausgleich" wegrationalisiert wird? Icu bin sicher Sie werden unumstößlich begeistert sein und den Verlust Ihres Arbeitsplatzes in Kauf nehmen. Denn Siemens ist ja über allem erhaben...
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