Siemens-Chef Kaeser und der Fall Khashoggi Absage mit Nebenwirkungen

Siemens-Chef Kaeser bleibt der Investorenkonferenz in Riad nach einigem Zögern fern - wie fast alle prominenten Wirtschaftsvertreter. Ein Debakel für Saudi-Arabien: Das Königreich braucht dringend Geld.
Siemens-Chef Kaeser, Erdölminister Falih (Vordergrund), Kanzlerin Merkel, König Salman (Hintergrund) im April 2017

Siemens-Chef Kaeser, Erdölminister Falih (Vordergrund), Kanzlerin Merkel, König Salman (Hintergrund) im April 2017

Foto: Kay Nietfeld/ picture alliance / Kay Nietfeld/

Lange hatte Joe Kaeser die Entscheidung hinausgezögert. An diesem Montagmittag jedoch nutzte der Siemens-Chef die so ziemlich letzte Gelegenheit, den Ruf des Münchner Technologiekonzerns und seinen eigenen nicht noch weiter zu beschädigen: Kaeser wird nicht zur Investorenkonferenz nach Riad reisen, die am Dienstag beginnen soll. Zu groß wurde der öffentliche Druck nach dem gewaltsamen Tod des Journalisten Jamal Khashoggi im Istanbuler Konsulat des Königreichs.

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Wie schwer Kaeser seine Entscheidung gefallen sein muss, lässt sich schon an den schieren Zahlen über die Geschäftsbeziehungen ermessen. Siemens beschäftigt in Saudi-Arabien rund 2000 Mitarbeiter, größtenteils Einheimische. Bereits vor fünf Jahren erhielt der Konzern den Auftrag zum Bau einer fahrerlosen U-Bahn in Riad im Wert von fast zwei Milliarden Euro. Die ist noch in Arbeit, nach Fertigstellung dürften die Deutschen die Wartung übernehmen. Im vergangenen Jahr orderten die Scheichs ein Kraftwerk bei Siemens im Wert von mehr als 400 Millionen Euro. Kernstück ist eine große Gasturbine, für die der Markt in anderen Teilen der Welt regelrecht weggebrochen ist.

Bei der Konferenz sollten nun weitere Großaufträge dazukommen, vermutlich unter anderem für das ehrgeizige Großprojekt Neom, das Kaesers alter Vertrauter Klaus Kleinfeld als Berater des saudischen Kronprinzen und faktischen Herrschers Mohammed bin Salman betreut. Der ehemalige Siemens- und Alcoa-Chef Kleinfeld soll im Auftrag bin Salmans in der Wüste auf einem Gelände von der Größe Hessens eine neue Stadt der Superlative bauen - für rund 500 Milliarden Dollar.

Ein "barbarischer Tod", "kaum glaubhafte" Erklärungen

Kaeser wähnte sich angesichts seiner Freundschaft zu Kleinfeld noch vor Kurzem in der Pole Position für das Projekt. Die Konferenz in Riad sollte die gute Ausgangslage festigen, dafür stellte Kaeser bereitwillig Geld und sein Image bereit. Der Konzern ist Sponsor und einer von acht "strategischen Partnern" der Konferenz, und Kaeser persönlich eines von neun Mitgliedern des hochrangig besetzten Beratergremiums.

Nun könnte es gut sein, dass die Saudis Siemens abstrafen, indem sie zumindest einen Teil des Neom-Auftragsvolumens an Konkurrenten wie den US-Rivalen GE vergeben. Zumal Kaeser in seinem persönlichen Statement ungewöhnlich deutlich wird : Khashoggi sei einen "barbarischen Tod" gestorben, die offizielle Erklärung der Saudis, es handele sich quasi um einen Verhörunfall, "kaum glaubhaft".

Dennoch hat Kaeser durch sein Lavieren dafür gesorgt, dass Siemens' Ruf Schaden nimmt. Andere sind souveräner mit der Situation umgegangen. Auch die Chefs von Mastercard und Credit Suisse gehören dem Beratergremium an, ihre Konzerne sind ebenfalls Sponsoren. Doch sie hatten die Teilnahme schon lange abgesagt, als Kaeser nicht nur daran festhielt, sondern auf eine Weise rechtfertigte, die es erschwert, seine jetzige Entscheidung als moralisch geboten zu begründen: "Wenn ich nirgendwo mehr hin dürfte, wo Menschen verschwinden, könnte ich gleich zu Hause bleiben", hatte Kaeser vergangene Woche in Kanada gesagt.

Prominent ist nur noch die Liste der Absagen

Für das saudische Königshaus und insbesondere für bin Salman vergrößert die Absage eines der letzten prominenten westlichen Wirtschaftsvertreter den immensen Gesichtsverlust. Noch im vergangenen Jahr tummelten sich internationale Konzernmanager, hochrangige Regierungsvertreter und Chefs wichtiger Institutionen wie des Internationalen Währungsfonds (IWF) auf der Konferenz. Wegen des offenkundigen Bestrebens, ein ähnliches Stelldichein der globalen Topeliten zu etablieren, wie es das jährliche Weltwirtschaftsforum in den Schweizer Bergen ist, wurde die Investorenkonferenz von vielen das "Davos in der Wüste" genannt.

IWF-Chefin Lagarde, Kronprinz Salman bei Investorenkonferenz in Riad 2017

IWF-Chefin Lagarde, Kronprinz Salman bei Investorenkonferenz in Riad 2017

Foto: FAISAL AL NASSER/ REUTERS

Wirklich prominent ist in diesem Jahr aber nur noch die Liste der Absagen: Außer den Konzernchefs von Siemens, Mastercard und Credit Suisse bleiben unter anderem auch jene von Airbus, JP Morgan Chase, HSBC, Goldman Sachs, Blackstone und auch Christian Sewing von der Deutschen Bank fern. IWF-Chefin Christine Lagarde hat ihre Teilnahme ebenso zurückgezogen wie Weltbank-Präsident Jim Yong Kim, US-Finanzminister Steven Mnuchin und Regierungsmitglieder der europäischen Schwergewichte Frankreich und Großbritannien.

Arbeitslosigkeit hoch, Wachstum negativ

Für Saudi-Arabien steht aber noch mehr auf dem Spiel als sein Image. Das Königreich ist, anders als in den vergangenen Jahrzehnten, auf Investitionen angewiesen. Der Westen wird nicht mehr nur als Abnehmer von Erdöl und -gas benötigt. Denn Saudi-Arabien bekommt bereits jetzt zu spüren, dass das bisherige Wirtschaftsmodell den sagenhaften Reichtum des Landes nicht mehr lange bewahren kann, weil es auf einer vollständigen Abhängigkeit von der Öl- und Gasförderung beruht.

Seit Jahren klafft durch den niedrigen Ölpreis ein riesiges Loch im Staatshaushalt, das das Königreich mit seinen Reserven stopfen muss. Zahlreiche Subventionen hat die Regierung bereits gestrichen, ebenso wie teure Bauvorhaben, mit weiteren Folgen für die Volkswirtschaft: Die Arbeitslosigkeit ist inzwischen auf knapp 13 Prozent gestiegen, im vergangenen Jahr schrumpfte die Wirtschaft trotz deutlich steigender Ölpreise um 0,7 Prozent.

Hunderte Milliarden Dollar sollen Investoren und Konzerne aus den USA und Europa daher nach dem Willen des Herrscherhauses in Projekte und Infrastruktur stecken. In nur etwas mehr als einem Jahrzehnt will Kronprinz bin Salman eine breit aufgestellte Privatwirtschaft entwickeln, auf erneuerbare Energie setzen und Saudi-Arabien zu einem technologisch führenden Land machen. Das für diese sogenannte "Vision 2030" nötige Kapital ließe sich nicht einmal durch die komplette Privatisierung des staatlichen Ölkonzerns Aramco aufbringen - er wäre laut "Wall Street Journal" mit etwa 500 Milliarden Dollar gerade mal so viel wert, wie allein das Neom-Projekt kosten soll.

Kaesers weitere Botschaft

Verglichen damit sind die Direktinvestitionen aus dem Ausland derzeit ausgesprochen bescheiden - gerade mal 1,7 Milliarden Dollar im Jahr 2017, fünf Jahre zuvor waren es immerhin noch zwölf Milliarden. Das Investitionsklima dürfte sich durch den Fall Khashoggi kaum gebessert haben, wie die vielen Absagen für die Konferenz zeigen.

Dass der mutmaßliche Mord an dem Journalisten Investoren allerdings langfristig abschrecken wird, ist nicht zu erwarten - wenn überhaupt. Larry Fink, Chef des weltgrößten Vermögensverwalters Blackrock etwa, sagte vergangene Woche zwar seine Teilnahme an der Konferenz ab. Seine Firma aber, machte Fink klar, werde sich keinesfalls aus Saudi-Arabien zurückziehen. Der britische Rüstungskonzern BAE will an den Geschäften mit dem Königreich ebenso wenig ändern wie die französischen Konzerne Thales und Total.

Auch Joe Kaeser nutzte die Absage für eine weitere Botschaft an Riad. Nur wenige Sätze nach der Feststellung, dort gebe es die Chance auf bis zu 30 Milliarden Dollar schwere Geschäfte, schreibt er: "Siemens ist seit Jahrzehnten ein zuverlässiger Partner Saudi-Arabiens und unterstützt dessen großartige Vision 2030."

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