Komplettübernahme Siemens Energy will Windkrafttochter Gamesa von der Börse nehmen

Rund vier Milliarden Euro bietet Siemens Energy für die restlichen Aktien seiner spanischen Tochter Gamesa. Trotz der angestrebten Energiewende steckt die Windkraftfirma in einer Krise.
Ende der Eigenständigkeit: Windkraftanlage vor der Gamesa-Zentrale im baskischen Zamudio

Ende der Eigenständigkeit: Windkraftanlage vor der Gamesa-Zentrale im baskischen Zamudio

Foto: Vincent West/ REUTERS

Der Energietechnikhersteller Siemens Energy will seine verlustreiche Windkrafttochter Siemens Gamesa komplett übernehmen. Der Dax-Konzern, der bereits rund zwei Drittel (67 Prozent) der Gamesa-Anteile besitzt, erklärte am Samstag, er biete 18,05 Euro pro Aktie für den Rest. Das entspricht rund vier Milliarden Euro. Nach der Übernahme soll Gamesa demnach von der Börse genommen werden.

Die vollständige Integration des Windkraftunternehmens sei »ein wichtiger Meilenstein für die Ausrichtung der Siemens Energy als Gestalter der Energiewende von fossilen zu nachhaltigen Energien«, erklärte der Aufsichtsratsvorsitzende des Unternehmens, Joe Kaeser.

Siemens Gamesa Renewable Energy (SGRE) hat seinen Sitz im spanischen Baskenland. Das Unternehmen stellt Windkraftanlagen für Land und See her und gehört zu den größten Anbietern weltweit. 2017 hatte Siemens seine eigene Windkraftsparte mit Gamesa fusioniert, den Spaniern damals aber den Hauptsitz des gemeinsamen Unternehmens und die Führung über das Onshore-Geschäft überlassen.

Siemens Energy hatte vergangene Woche bei der Vorlage der Quartalszahlen wegen des »enttäuschenden Ergebnisses« von Gamesa die Prognose gesenkt. Umsatz und operatives Ergebnis dürften daher am unteren Ende der bisher angegebenen Prognosespannen ausfallen. Konzernchef Christian Bruch erklärte, die Ergebnisse von Gamesa seien »zum wiederholten Male« enttäuschend und belasteten Siemens Energy »erheblich«. Bei einer Komplettübernahme von Gamesa könnte Siemens Energy stärker durchgreifen. Zudem erhofft sich das Unternehmen Synergieeffekte, also Kosten zu sparen, aber auch mehr Umsatz zu erzielen.

Zuletzt hatte die Tochter dem Mutterkonzern viermal hintereinander die Quartalszahlen verhagelt. Vor allem das Geschäft mit Windkraft an Land ringt mit Kosten und Schwierigkeiten in der Produktion. Der Bau neuer Windkraftanlagen in Europa bleibe weit hinter den Prognosen und den politischen Zielen der EU zurück, beklagt der Branchenverband WindEurope. Zugleich schafft es die chinesische Konkurrenz, ihre Anlagen deutlich günstiger anzubieten. Aufgrund der operativen Probleme und den Herausforderungen der Branche befinde sich Gamesa »derzeit in einer finanziell schwierigen Lage«, hieß es von Siemens Energy.

Die Münchener bemühen sich schon seit Längerem, die Lage bei Gamesa in den Griff zu bekommen. Unter anderem wechselten Manager von Siemens Energy in Spitzenpositionen in Spanien. So auch Jochen Eickholt, der seit Anfang März Chef bei Gamesa ist.

Abschluss noch in diesem Jahr geplant

Schon 2020 kaufte Siemens Energy dem spanischen Großaktionär Iberdrola seinen Anteil ab. Immer wieder wurde spekuliert, ob Siemens Energy die Probleme bei Gamesa nicht leichter beheben könnte, wenn die Tochter komplett gekauft und von der Börse genommen würde. Am 18. Mai hatte Energy dann mitgeteilt, ein solches Angebot zu erwägen, nun ist die Entscheidung gefallen.

Neben dem direkteren Durchgriff könnten auch wegfallende Berichtspflichten eine Rolle gespielt haben. Zudem hatten die Gamesa-Aktien angesichts der Probleme im Unternehmen zuletzt kräftig an Wert verloren. Dementsprechend billiger würde eine Komplettübernahme.

In einer von Siemens Energy veröffentlichten Präsentation nennt der Konzern den September als angestrebten Termin für den Start des Angebots. Es könnte dann im Oktober enden und im Erfolgsfall bis Ende des Jahres abgeschlossen werden.

Aufsichtsratschef Joe Kaeser betonte, es sei »kritisch, dass der Abwärtstrend bei SGRE schnell gestoppt und die wertschaffende Neuausrichtung zügig begonnen wird«. Daher unterstütze der Aufsichtsrat »ausdrücklich die Pläne des Vorstands zur Integration« von Gamesa.

ak/AFP/dpa