Hauptversammlung bei Siemens Alle gegen Kaeser

Kohlegegner und Künstler wollen in München gegen die Klimapolitik von Siemens protestieren. Im Zentrum der Kritik steht Joe Kaeser. Eine vorzeitige Abberufung des Konzernchefs dürfte es aber kaum geben.
Protestplakat mit dem Bild von Siemens-Chef Joe Kaeser vor dem Siemens-Turbomaschinen-Werk in Leipzig (Archivbild): "Mit seiner Publicityshow hat Kaeser das Thema überhaupt erst so stark ins öffentliche Rampenlicht gerückt"

Protestplakat mit dem Bild von Siemens-Chef Joe Kaeser vor dem Siemens-Turbomaschinen-Werk in Leipzig (Archivbild): "Mit seiner Publicityshow hat Kaeser das Thema überhaupt erst so stark ins öffentliche Rampenlicht gerückt"

Foto: Jan Woitas/ dpa

Das schwarze Brett der Domagk-Ateliers im Münchner Stadtteil Schwabing gilt normalerweise als politikfreie Zone. Neben Einladungsplakaten zu Ausstellungen kommunaler oder privater Galerien finden sich dort Kleinanzeigen der Bewohner oder Tipps, wann und wo einer der begehrten Arbeitsräume frei wird. Doch für die "Fridays for Future"-Bewegung (FFF) macht die Künstler-Community eine Ausnahme. Seit einigen Tagen hängt im Treppenhaus am Haupteingang ein Aufruf, an der geplanten Demo zur Siemens-Hauptversammlung an diesem Mittwoch teilzunehmen.

Der Konzern habe "unsere Zukunft verkauft", wettern die Aktivisten, indem er sich als Zulieferer an der umstrittenen Adani-Kohlemine in Australien beteilige. Dabei gebe sich das Unternehmen unter Firmenchef Joe Kaeser sonst "so grün und zukunftsorientiert", rügen die FFF-Funktionäre. "Kommt, um klar zu zeigen, dass solche Entscheidungen 2020 nicht mehr akzeptabel sind", fordern sie die Kreativen auf.

Kohlegegner, Kapitalismuskritiker und jetzt sogar Künstler? Was sich ab den frühen Morgenstunden rund um das Aktionärstreffen von Deutschlands einstiger Industrieikone Nummer eins vor und in der Münchner Olympiahalle abspielen dürfte, markiert den bisherigen Höhepunkt im Kampf zwischen Managern und Umweltschützern um die Deutungshoheit zur Zukunft des Planeten - und einen Tiefpunkt in der 40-jährigen Karriere des Siemens-Chefs.

Neben Vertretern der FFF-Bewegung haben sich Aktivisten teilweise noch radikalerer Bewegungen wie Extinction Rebellion oder Campact angesagt. Selbst die Hauptorganisatorin der australischen Anti-Adani-Proteste, Varsha Yajman, will eigens aus Sydney einfliegen und an der Veranstaltung teilnehmen. Sie alle kommen vor allem wegen einer Reizfigur: Kaeser. Und das aus gutem Grund: Der Siemens-Chef predigte als erster prominenter Konzernlenker in Deutschland, Geldverdienen allein reiche als Unternehmenszweck nicht mehr aus. Firmen bräuchten vielmehr eine Mission und müssten der Gesellschaft dienen, sonst verwirkten sie ihre Daseinsberechtigung.

Hoffnungslos verheddert

Kaesers Kritiker wollen ihn nun beim Wort nehmen und nachweisen, dass er sich nicht an die selbst gesteckten Vorgaben hält, indem er an dem Bahnausrüstungsauftrag für das australische Projekt festhält. Ausgerechnet am Ende seiner steilen, nicht immer ganz makellosen Karriere hat der Siemens-Chef sich hoffnungslos in den von ihm selbst ausgelegten Fallstricken verheddert und gefährdet so sein Vermächtnis als selbst ernannter Vordenker der Deutschland AG.

Foto: Matthias Balk/dpa

Er habe erst Mitte Dezember von dem geplanten Auftrag zum Abtransport der Kohle aus der Adani-Mine erfahren, beteuert Kaeser. Da sei der Vertrag aber bereits unterschrieben gewesen. Ihm sei schnell klar geworden, dass die Bedeutung des Geschäfts für das Renommee des Konzerns "weit über das Auftragsvolumen von 18 Millionen Euro hinausgeht", bekannte der Siemens-Chef im SPIEGEL-Interview. Deshalb zog er den Vorgang an sich - und düpierte damit indirekt seinen designierten Nachfolger Roland Busch, der eigentlich für das Thema Nachhaltigkeit zuständig ist.

Bilder von dem Treffen mit der FFF-Aktivistin Luisa Neubauer am 10. Januar sollten aller Welt signalisieren, dass Kaeser die Zeichen der Zeit erkannt hat, für seine Überzeugungen einsteht und den Schulterschluss mit der rebellierenden Jugend sucht. Doch die Aktion geriet zum Debakel, auch aus Kaesers eigener Schuld. Nach übereinstimmender Darstellung von Neubauer sowie ihrem Sprecher und damaligen Begleiter Nick Heubeck, einem Bamberger Studenten, bot der Siemens-Chef seiner Mitstreiterin einen Aufsichtsratsposten im Kontrollgremium des neuen, verselbstständigten Energieablegers an.

Kaeser bestreitet das inzwischen. Er habe Neubauer nur für ein neuartiges Gremium zur Prüfung der Umweltverträglichkeit einzelner Vorhaben anheuern wollen, versicherte er im Nachhinein mehreren Zeitungen, allerdings ohne Erfolg. Die seriöse "Börsen-Zeitung" wirft Kaeser aufgrund der Chronologie und bislang bekannten Ereignissen sogar vor, im AfD-Stil "alternative Fakten" zu verbreiten. Sie dürften ihn auf der bevorstehenden Hauptversammlung nun einholen - in Form bohrender Fragen.

Auch im eigenen Aufsichtsrat hagelt es Kritik. "Mit seiner Publicityshow hat Kaeser das Thema überhaupt erst so stark ins öffentliche Rampenlicht gerückt", rügt ein Kontrolleur. "Das selbst verschuldete Desaster muss er nun allein ausbaden."

Schon wird spekuliert, der Siemens-Chef könne womöglich vorzeitig abberufen werden und nicht erst im Sommer, wie es der bisherige Terminplan vorsieht. Wahrscheinlich ist das nicht. Dafür, heißt es im Kontrollgremium, habe sich Kaeser zu große Verdienste um den Konzern erworben.

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