Janina Kugel Warum Siemens' Starmanagerin vor dem Absprung steht

Janina Kugel zählt zu den prominentesten Frauen in der deutschen Wirtschaft. Nun steht die Siemens-Personalchefin vor dem Abgang. Ihr Verhältnis zu Konzernchef Kaeser ist offenbar zerrüttet.
Janina Kugel: Entfremdung vom Chef

Janina Kugel: Entfremdung vom Chef

Foto: Jörg Carstensen/ DPA

Der Beginn der Entfremdung zwischen Siemens-Chef Joe Kaeser und Personalchefin Janina Kugel lässt sich ziemlich genau datieren: auf den 31. Januar 2018. An diesem Tag hielt der Konzern seine Hauptversammlung ab - in heikler Lage. Denn wenige Monate zuvor hatte das Unternehmen bekannt gegeben, dass es wegen Auftragsmangels in der Kraftwerkssparte unter anderem sein Werk im sächsischen Görlitz mit 700 Mitarbeitern dichtmachen will. Ein Proteststurm war losgebrochen. Der SPD-Politiker Martin Schulz hatte Siemens damals sogar "asoziales" Verhalten vorgeworfen.

Und so kam es, dass Janina Kugel als verantwortliche Personalvorständin am frühen Morgen vor der Hauptversammlung einem Heer von Journalisten gegenübersaß. Allein: Sie konnte oder durfte nichts sagen, alles Nachfragen half nichts. Eine unangenehme Situation. Kaeser, der neben ihr saß, machte keinerlei Anstalten, ihr beizuspringen.

Die nächste Möglichkeit dazu hätte sich wenig später in der Olympiahalle ergeben, als sich eine Delegation von Siemens-Mitarbeitern aus Görlitz zu den Vorständen gesellt hatte. Die Gruppe war bei eiserner Kälte mit dem Fahrrad angereist, um gegen die geplante Schließung ihres Werks zu protestieren. Kaeser posierte leutselig zusammen mit den sportlichen Aktivisten für Selfies. Janina Kugel hätte er leicht dazubitten können. Sie stand nur wenige Meter entfernt und unterhielt sich mit seiner Ehefrau. Doch er tat: nichts.

Stattdessen verpasste er seiner Personalfachfrau kurz darauf den dritten Tiefschlag an diesem Morgen. Aufsichtsratschef Gerhard Cromme hatte schon zur Eile gemahnt und begann, Kontrolleure und Vorstände auf die Tribüne zu scheuchen, da drehte Kaeser sich noch einmal um - und verkündete eine mittlere Sensation. Der Standort Görlitz werde nicht geschlossen, verkündete er einer kleinen Traube von Journalisten. Stattdessen solle zusammen mit der Bundes- und Landesregierung das "Industriekonzept Oberlausitz" entwickelt und eine Brücke für Zukunftstechnologien entwickelt werden. Janina Kugel war baff, ähnlich wie Betriebsratschefin Birgit Steinborn. Sie hatte nach eigenen Aussagen von dem Plan bis dahin noch nie etwas gehört.

Für die Beschäftigten in Görlitz nahm die Geschichte ein gutes Ende. Vor zwei Wochen weihte Kaeser zusammen mit der Kanzlerin und dem sächsischen Ministerpräsidenten Michael Kretschmer (CDU) den neuen Innovationscampus rund um die Wasserstoff-Technologie ein. Kugel wurde nicht gesichtet. Und seit dem Wochenende ist auch klar, warum: Die 49-Jährige verlässt Siemens. Ihren Ende Januar 2020 auslaufenden Vertrag will sie nicht verlängern. Das "Handelsblatt" hatte am Wochenende als erstes darüber berichtet.

Kugel dürfte zurückkommen

Der Abgang deutet auf ein tieferes Zerwürfnis zwischen Kaeser und Kugel hin. Was genau vorgefallen ist, bleibt allerdings unklar. Einen offiziellen Kommentar wollte am Montag weder Siemens noch die Gewerkschaft IG Metall abgeben. Am Mittwoch tagt der Aufsichtsrat des Konzerns. Dann wird eine offizielle Entscheidung erwartet.

Kugel war bisher ein Aushängeschild für Siemens - und eine der prominentesten deutschen Managerinnen. Sie setzte sich nicht nur dafür ein, die vorherrschende Einförmigkeit in den Führungsetagen der Konzerne zu durchbrechen, sondern hatte auch einen der schwersten Jobs zu erledigen: den möglichst geräuschlosen Abbau von 6900 Arbeitsplätzen in der Siemens-Kraftwerkssparte, 2900 davon in Deutschland. Kugel hat dabei den Stellenabbau und die zugehörigen Sozialpläne mit den Arbeitnehmervertretern ausgehandelt.

Kugel ist, abgesehen von einer kurzen Unterbrechung, seit 2001 im Konzern. Sie gilt als ehrgeizig - schon bei ihrem Amtsantritt als Personalchefin im Jahr 2015 sollen einige in ihr eine mögliche Nachfolgerin für Konzernchef Kaeser gesehen haben.

Doch dazu dürfte es nun erst einmal nicht kommen. Was Kugel vorhat, ist noch unklar. Eines dürfte aber sicher sein: Man wird noch von ihr hören.

Mit Material von dpa