Zukunft des Siemens-Chefs Wann zuckt Big Joe?

Joe Kaeser hat Siemens in den vergangenen Jahren radikal umgestaltet - und sich dabei fast überflüssig gemacht. Nun zeichnet sich langsam sein Abschied beim Konzern ab.

Siemens-Chef Joe Kaeser
Hayoung Jeon/ EPA-EFE/ REX

Siemens-Chef Joe Kaeser

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Der Begriff lame duck (lahme Ente) kommt aus den USA und wird benutzt, wenn ein Präsident noch amtiert, aber schon klar ist, dass er nicht zur Wiederwahl antritt. Er kann keine wichtigen Gesetze mehr auf den Weg bringen, auch neue Stellen sollte er tunlichst nicht mehr besetzen. Kein schöner Zustand.

Das muss sich wohl auch Joe Kaeser gedacht haben, schließlich hat er vor seinem Aufstieg zum Siemens-Chef längere Zeit für den Konzern in den USA gearbeitet. Auch er will vor allem eines nicht: vorzeitig zur lame duck werden.

Die Folgen für das Unternehmen, bei dem er nahezu sein gesamtes Berufsleben verbracht und um das er sich enorme Verdienste erworben hat, sind allerdings fatal. Seit Monaten wird auf den Fluren, in der Kantine oder in den Führungskräftebüros am Wittelsbacherplatz in München gerätselt: Was macht er? Bleibt er? Verlängert er gar? Oder verkürzt er seinen noch bis Januar 2021 laufenden Vorstandsvertrag, um nach einer zweijährigen Abkühlphase möglichst bald Aufsichtsratschef Jim Hagemann Snabe ablösen zu können?

In der Siemens-Topetage spielt man Mikado, getreu dem Motto: Wer sich zuerst bewegt, hat verloren. Deshalb halten alle erst einmal schön still. Doch Stillstand bedeutet Rückschritt, das predigt Kaeser seit Jahren.

Neusortierung im Energiegeschäft

Am kommenden Mittwoch könnte es damit vorbei sein, und das wäre gut so, für Kaeser selbst, aber auch für die Firma. Dann tritt der Aufsichtsrat zusammen. Rein formal geht es nicht um Kaesers Zukunft, aber eine andere, wichtige Personalie dürfte beschlossen werden, nämlich wer künftig das Energiegeschäft führt. Es soll im kommenden Jahr abgespalten und an die Börse gebracht werden. Steht der Name erst einmal fest, ergibt sich der Rest quasi von selbst, auch wenn das zunächst noch nicht offiziell verkündet wird.

Die besten Chancen hat wohl der unter anderem für die Windkrafttochter Gamesa und den Medizinableger Healthineers zuständige Vorstand Michael Sen. Er war bereits bei einem Energieversorger tätig, hat Erfahrung mit Börsengängen und ein Auftreten, das manch einer seiner Kollegen bislang noch vergeblich übt. Läuft es auf ihn hinaus, dürfte sein Kollege Roland Busch irgendwann im nächsten Jahr die Nachfolge von Kaeser antreten. Der bliebe vorerst noch Siemens-Chef, allerdings auf Abruf, aber immerhin keine lahme Ente. Busch wiederum hätte zwar nicht mehr die Machtfülle seines Vorgängers, aber einen Job, der für ihn maßgeschneidert ist.

Roland Busch als Nachfolger?

Busch ist zur Zeit noch oberster Cheftechnologe des Unternehmens und hat den nötigen Sachverstand, um den verbliebenen Kern aus digitaler Produktion und intelligenter Infrastruktur so zu stärken, dass Siemens nicht doch noch zu einem Übernahmeopfer werden könnte. Genau das wollte Kaeser mit der Teilung des einstigen Konglomerats ja verhindern: Aus dem trägen Koloss mit Kaeser als Chefverkäufer sollte ein agiler High-Tech-Spezialist mit angeschlossenen Medizin-, Energie- und Mobilitätsgeschäften werden, die sich jeweils eigenständig am Markt behaupten und mit Geld und Aufträgen versorgen können. Das hat er erreicht. Der Preis war allerdings, dass er sich damit quasi selbst überflüssig gemacht hat.

Auch bei Siemens geht eine Ära zu Ende, das ist nicht mehr zu übertünchen. Zeit zu gehen also?

Noch nicht, nicht jetzt und nicht in dieser Form, als einer von mehreren Tagesordnungspunkten bei einer regulären Aufsichtsratssitzung. Wie wäre es zum Beispiel bei der nächsten oder spätestens übernächsten Hauptversammlung? Die Aktionäre in der Münchner Olympiahalle könnten und würden Kaeser wohl feiern. Das würde ihm gefallen - und es wäre ein würdiger Abschied.



insgesamt 22 Beiträge
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charly05061945 11.09.2019
1. Siemens
Siemens ist ein typisches Beispiel für das Verschlafen von Zukunftstechnologien. Beispiel Computertechnik (Nixdorf, Mikroprozessoren z.B. SAB 8080-Familie schon zu Zeiten eines ZILOG Z80, Chiptechnologie z.B. Infineon usw). Immer nur den Focus auf die schnelle Mark gelegt. Dabei waren die finanziellen Mittel durchaus vorhanden - früher bezeichnete man Siemens mal als Bank mit angeschlossener Produktion.
theos001 11.09.2019
2.
Der Herr Kaeser scheint ein guter Chef zu sein, wenn ich das so lese. Tut alles was notwendig ist um seine Firma stabil und zukunftssicher zu machen, auch wenn das heißt, das er sich als letzten Schritt selbst opfert/ weg-optimiert. Es zeugt von Weitsicht und Professionalität, auch den eigenen Posten in die Umstrukturierung einzubeziehen. Wieviele Konzernlenker würden soweit gehen?
Pinon_Fijo 11.09.2019
3.
Zitat von theos001Der Herr Kaeser scheint ein guter Chef zu sein, wenn ich das so lese. Tut alles was notwendig ist um seine Firma stabil und zukunftssicher zu machen, auch wenn das heißt, das er sich als letzten Schritt selbst opfert/ weg-optimiert. Es zeugt von Weitsicht und Professionalität, auch den eigenen Posten in die Umstrukturierung einzubeziehen. Wieviele Konzernlenker würden soweit gehen?
Häää? Also ich bemitleide alle Ingenieurskollegen, daß sie unter einem derart unfähigen Chef arbeiten müssen. Der Mann alleine ist ein Grund, sich niemals bei Siemens bewerben zu wollen.
logisch_konsequent 11.09.2019
4. Kaeser erfolgreich ?
Erst hat er die Telekomsparte mit vernichtet, in dem alle Trends verpasst wurden, dann hat er als CFO alle stillen Reserven und Immobilien ausgegeben, jetzt hat er als CEO 30% Kurseinbruch verursacht weil Siemens nirgendwo stark ist
Kaiserstuhlwinzer 11.09.2019
5. @ Nr. 1: der Spruch war nicht
"Bank mit angeschlossener Produktion", sondern "Bank mit angeschlossener Elektroabteilung", und die Umsatzrendite lag bei 1 % p. a. , bei Sparbuchzinsen von 3 % p.a. Lang, lang ists her!
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