Abspaltung der Kraftwerkssparte Siemens kappt seine Wurzeln

Siemens-Chef Joe Kaeser entkernt sein Unternehmen. Ausgerechnet das kriselnde Kraftwerksgeschäft, jahrzehntelang das Herz des Konzerns, soll nun ausgelagert und an die Börse gebracht werden. Die Aktien werden verschenkt.

Gasturbinen von Siemens
Siemens

Gasturbinen von Siemens


Nach einem häufig strapazierten Klischee sind Manager vor allem an einem interessiert: Ihre Macht auszubauen und damit auch ihr Gehalt. Gemessen daran ist Siemens-Chef Joe Kaeser offenbar eine Ausnahme. Zwar zählt der Niederbayer mit Bezügen von rund zehn Millionen Euro zu den Topverdienern im Dax. Sein Unternehmen aber ist seit Längerem auf Schrumpfkurs - was die einzelnen Konzernbestandteile angeht.

Nun hat Kaeser wieder zugeschlagen. Seit einer Aufsichtsratssitzung an diesem Dienstagnachmittag steht fest, dass auch das Kraftwerksgeschäft samt der Energieübertragung die einst so kuschelige Siemens-Familie verlassen wird. Nach dem Vorbild der ehemaligen Lichtsparte Osram soll die Konzerntochter verselbstständigt und separat an den Kapitalmarkt gebracht werden.

Die Aktien sollen allerdings nicht in Form eines klassischen Börsengangs über ein öffentliches Verkaufsangebot (IPO) auf den Markt gelangen, sondern durch einen sogenannten Spin-off. Das heißt, jeder Siemens-Altaktionär erhält nach einem festen Schlüssel Papiere der neuen Energiefirma, und zwar gratis. Später kann er sie nach Gutdünken weiterverkaufen.

Die ungewöhnliche Methode, mit der Siemens Chart zeigen sich von einem seiner einstigen Kerngeschäfte und Hauptgewinnbringer trennt, zeigt, wie groß der Druck ist, unter dem die Sparte steht - und Kaeser selbst. Seit in Teilen der Welt die Wende hin zu alternativen Energieformen eingeläutet wurde und Gasturbinen made by Siemens dort kaum noch verkäuflich sind, schwächelt das Geschäft. Der Problemableger drückt auf den Börsenkurs der Mutter.

Wenn überhaupt, sind die Riesenaggregate vor allem noch in China und Japan gefragt. Kaeser liebäugelte deshalb damit, die konventionelle Kraftwerkstechnik in ein Joint Venture mit asiatischen Partnern einzubringen. Doch dabei spielten die Arbeitnehmervertreter nicht mit. Außerdem hätte US-Präsident Donald Trump die Pläne torpedieren können, weil die Geschäftseinheit noch immer große Teile des einstigen Siemens US-Wettbewerbers Westinghouse umfasst und die US-Behörden ein Vetorecht ausüben können.

Kaeser ist seinem Ziel nähergekommen

Künftig müssen die neuen Eigentümer entscheiden, wie es mit der Energiefirma weitergehen soll und wie viel Geld sie investieren wollen, um die Siemens-Abspaltung umfassend auf alternative Energien umzustellen. Das könnten zum Beispiel große Pensionsfonds sein, die eher an einer moderaten, dafür aber langfristig stabilen Verzinsung ihres Kapitals interessiert sind.

Siemens selbst will sich zunächst mit einer Minderheitsbeteiligung begnügen und könnte sich langfristig sogar komplett aus seiner eigenen Ausgründung zurückziehen - wie bei dem Leuchtmittelhersteller Osram Chart zeigen. Er befand sich bei seiner Abspaltung im Jahr 2013 in einer ähnlichen technologischen Umbruchsituation wie heute das klassische Energiegeschäft.

Eines steht auf jeden Fall schon jetzt fest: mit der heute beschlossenen weiteren Abspaltung ist Kaeser seinem Ziel, Siemens auf hochrentable und schnell wachsende Geschäftsfelder mit hohen Einstiegshürden für Wettbewerber zu konzentrieren, erneut ein großes Stück nähergekommen.

Die Windkraft- und Medizinsparte sind längst abgenabelt und werden von der Zentrale nur noch überwacht, zudem soll die Siemens-Beteiligung an der Windsparte an den frisch abgespaltenen Energieriesen übertragen werden. Nun ist als nächstes die konventionelle Energietechnik dran. Bleibt nur noch die Bahnsparte, die Kaeser eigentlich mit dem Zuggeschäft des französischen Konkurrenten Alstom zusammenlegen wollte. Doch auch für sie dürfte Kaeser nach dem Veto der EU-Kommission bald eine Lösung finden.

Zurück bleibt eine Art Rumpf-Siemens, ein aus zahlreichen Metamorphosen hervorgegangenes Konstrukt, das mit der alten Konzernwelt kaum noch etwas zu tun hat, dafür aber Renditen von bis zu 20 Prozent verspricht. Dazu gehören allerdings nur noch die Gebäudetechnik, das Geschäft mit der Stromverteilung, alles was sich rund um die Digitalisierung von Fabriken abspielt sowie die Automatisierungssparte. Sie sind der neue Kern von Siemens. Fragt sich nur, wie lange.



insgesamt 95 Beiträge
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hausfeen 07.05.2019
1. Na ja, was heißt gratis. Dem Siemensaktionär gehören sie ja.
Ich vermute mal, das Siemensklopapier landet in chinesischer Hand und verwandelt sich in Gold.
olivk 07.05.2019
2.
Als Mitarbeiter von Siemens und auch bei Energy tätig, kann ich nur sagen, selber schuld liebe Politik. Warum läuft denn das Kraftwerksgeschäft nicht? - Weil für die Betreiber in Deutschland keine Investitionssicherheit besteht, was seit der plötzlichen Abschaltung der KKW für alle offensichtlich zu sehen war. Dazu kommen weitere planwirtschaftliche Massnahmen, die am Ende dazu führen, dass heute kein Kraftwerksbetreiber sagen kann, ob sich für ihn ein Kraftwerksbau noch lohnt oder ob nicht in ein paar Jahren alle Gesetze und Richtlinien hinfällig sind. Das ganze ist ein wunderbares Beispiel für Eingriffe der Politik in die Wirtschaft, die nicht nur nichts bringen, nebenbei extrem teuer sind, sondern auch Wirtschaftszweige und damit am Ende Arbeitsplätze zerstören.
drogitobi 07.05.2019
3. Wenn Konzerne anfangen, ihre Sparten anzustoßen...
ist das meist kurz vor dem endgültigen Ende. Irgendwann wird dann der Name an einen chinesischen Investor verscherbelt, um Fernost-Produkte hier teurer verkaufen zu können. Es ist mir ein Rätsel, wieso der Kerl diesen Abverkaufskurs fahren kann und Aufsichtsrat und co machen alle mit...
dieter77 07.05.2019
4. Ignorant
Der Autor sollte seine Hausaufgaben machen oder einen Experten hinzuziehen. Spin-offs sind nicht aussergewoehnlich in diesen Situationen, sondern die Norm. Die Aktien werden auch nicht verschenkt, sondern das Eigenkapital des Unternehmens wird aufgeteilt und die existierenden Aktionaeren halten statt einer eben zwei Aktien -- was es wesentlich leichter macht, die Aktien in die Haende jener zu bringen, die tatsaechlich am Wachstum des respektiven Unternehmens interessiert sind. Mit Verzweiflung hat dies in keinster Weise etwas zu tun: es ist der richtig (und gemeinhin auch der steuerlich effizienteste Schritt), um eine Separation anzustreben.
Nonvaio01 07.05.2019
5. hmmm
was bleibt dann eigentlich noch uebrig bei Simens..
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