Job-Kahlschlag in Ostdeutschland Siemens versteht die Energiewelt nicht mehr

Siemens baut Tausende Arbeitsplätze ab und schließt zwei Werke in Sachsen - auch, um einen westdeutschen Standort zu retten. Der Schritt zeigt, wie orientierungslos eine ganze Branche derzeit agiert.
Produktion im Siemens-Werk Görlitz

Produktion im Siemens-Werk Görlitz

Foto: Matthias Rietschel/ ASSOCIATED PRESS

Über der Lausitz braut sich derzeit ein perfekter Sturm zusammen. Die Braunkohle steht früher oder später vor dem Aus. Das traditionsreiche Bombardier-Waggonwerk in Görlitz wackelt. Und nun will Siemens-Chef Joe Kaeser auch die dortige Dampfturbinenfabrik dichtmachen. Dem Landstrich ganz im Osten Deutschlands, wo schon jetzt Wut und Rechtpopulismus dominieren, droht der industrielle Absturz.

Am Beispiel Siemens zeigt sich besonders drastisch: Das Wohl einer Region hängt mitunter extrem von weltweiten Wirtschaftsumbrüchen, aber auch strategischen (Fehl-) Entscheidungen in den Konzernzentralen ab. Da mögen die Mitarbeiter noch so gut entwickeln, montieren oder verkaufen. Am Ende geht die Rechnung nicht mehr auf, zumindest nicht mehr gut genug für die Aktionäre. Dann ist Schluss.

Für die 720 Siemensianer in Görlitz kommen mehrere Dinge auf einmal zusammen. Da ist zunächst der beinharte Preiskampf um das Kernprodukt des örtlichen Werks: kleine bis mittelgroße Industrie-Dampfturbinen. Diese Maschinen made in Sachsen erzeugen Prozessdampf, beispielsweise in Zucker-, Chemie- und Papierfabriken. Mangelnde Nachfrage nach diesen Geräten ist nicht das Problem - die brummt angesichts einer boomenden Konjunktur sogar.

Hohe Nachfrage nach Industrie-Dampfturbinen - doch diese sind (zu) teuer

Doch die Billig-Konkurrenz aus Osteuropa und China ist im Kommen, um ein Drittel günstiger soll sie produzieren. Und so sieht Siemens keine andere Möglichkeit, als die Jobs nach Mülheim an der Ruhr zu verlegen. Der Konzern will das dortige Werk besser auslasten und so insgesamt die Rendite steigern. Pech für Görlitz, Glück im Unglück für Mülheim.

Dort ist Siemens' eigentliches, deutlich größeres Problem zu besichtigen. Der wichtige Standort in Nordrhein-Westfalen leidet unter der extremen Flaute im Geschäft mit großen Dampfturbinen für Kraftwerke. Auch an der Ruhr fallen deshalb 640 Stellen weg.

Kaum jemand baut noch Großkraftwerke

Weltweit werden weit weniger Großkraftwerke gebaut als noch vor wenigen Jahren angenommen: In Europa lassen Energieversorger angesichts niedriger Börsenstrompreise lieber alte Meiler weiterlaufen. In den USA hat Präsident Donald Trumps Pro-Kohle-Politik die Lage noch verworrener gemacht, als sie es ohnehin schon war. In China und Indien werfen Regierungen ihre ehemals bombastischen Neubaupläne für Großkraftwerke auch angesichts massiver Umweltprobleme über den Haufen.

So unterschiedlich und schwer vorhersehbar die Entwicklung auf all diesen Märkten jedoch auch sein mag - einen verbindenden Faktor gibt es, und diesen hat auch Siemens massiv unterschätzt: In den vergangenen Jahren sind die Kosten für erneuerbare Energien extrem gesunken, vor allem für die Solarenergie.

Solarschock erwischt Kaeser auf dem falschen Fuß

Um etwa 70 Prozent billiger sind Sonnenkraftwerke seit 2009 laut der Nachrichtenagentur Bloomberg  geworden. In Mexiko erzeugen Solaranlagen demnächst Elektrizität für unter zwei US-Cent pro Kilowattstunde . Da können konventionelle Kraftwerke nicht mehr mithalten. Und so ist die Photovoltaik inzwischen zur am stärksten wachsenden Stromquelle überhaupt geworden.

Zwar lassen sich Kohle- oder Gaskraftwerke nicht ohne Weiteres durch Solaranlagen ersetzen. Letztere erzeugen bekanntlich nur tagsüber Strom.

Die Entwicklung sendet dennoch Schockwellen in die gesamte Industrie. Es reicht schon, dass die Fachwelt verunsichert ist, wie das Energiesystem der Zukunft aussehen wird.

Unklar ist beispielsweise, wie schnell auch Batterie- und andere Speicher billiger werden. Angesichts solcher offenen Fragen nimmt kaum jemand mehr gern Milliarden für Großkraftwerke in die Hand, die über viele Jahrzehnte ihr Geld verdienen müssen.

Krise der Kohlekraftwerke trifft auch Siemens

Besonders ärgerlich für Siemens: Der Konzern stützt sein Turbinengeschäft keineswegs nur auf effiziente und vergleichsweise saubere Gaskraftwerke, wie der Konzern gern suggeriert. Diese ergänzen eine schwankende Stromproduktion aus erneuerbaren Energien theoretisch recht passabel.

Tatsächlich sind Kohle- und Atomkraftwerke für Siemens ebenfalls immer noch wichtig - in ihnen kommen große Dampfturbinen wie aus Mülheim zum Einsatz. Halbwegs wirtschaftlich sind solche Anlagen allerdings nur zu betreiben, wenn sie möglichst rund um die Uhr Strom produzieren. In einer Welt, in der erneuerbare Energien zunehmend dominieren, ist das eine wenig realistische Perspektive.

"Bei den großen Dampfturbinen zeigt sich der generelle Rückgang des Marktniveaus für fossile Energieerzeugung noch weit drastischer als bei den großen Gasturbinen", sagte ein Siemens-Sprecher manager-magazin.de. Im abgelaufenen Geschäftsjahr sei der Markt für große Dampfturbinen um mehr als 60 Prozent eingebrochen, vor allem wegen sinkender Bestellungen aus China und Indien. "Durch ein wachsendes Umweltbewusstsein in der Bevölkerung und einer daraus resultierenden Energiepolitik der Regierungen werden neu benötigte Kapazitäten nun verstärkt aus emissionsärmeren und erneuerbaren Energiequellen bedient."

Auch deshalb kann es Kaeser mit dem Umbau der Energiesparte gar nicht schnell genug gehen. Die Probleme beim Konkurrenten GE liefern ihm Argumentationshilfe für einen dramatischen Umbau.

Die Siemensianer in Görlitz und Mülheim baden auch aus, dass Siemens zu lange fest an die alte Energiewelt mit großen Kraftwerken gesetzt hat. Lange drängten sie auf tragfähige Lösungen für eine sich wandelnde Energiewelt. Dass diese extrem schwer zu finden sind, zeigen das wenig erfolgreiche Engagement von Siemens im Solarbereich sowie die Mühen im Windbereich.

Kaeser selbst machte noch vor zwei Jahren in den USA Witze  über Solarenergie und die deutsche Energiewende. Die Musik spiele in der Öl- und Gasindustrie. Doch auch diese schwächelt inzwischen, weshalb Mitarbeiter gehen müssen. Das Lachen wird inzwischen wohl nicht nur den Menschen in der Lausitz, sondern auch Kaeser selbst vergangen sein.

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