Übernahme von US-Konkurrenten Siemens riskante Milliardenwette

Siemens' Medizinsparte will einen US-Weltmarktführer für 14 Milliarden Euro schlucken - doch der Kurs stürzt ab. Der Kauf zementiert das alte Geschäftsmodell: eine gewagte Strategie in einem sich wandelnden Markt.
Siemens-Zentrale in München: Lang ersehnte Großakquisition

Siemens-Zentrale in München: Lang ersehnte Großakquisition

Foto: DPA

Als der neue Siemens-Chef Roland Busch vor einigen Tagen im kleinen Kreis gefragt wurde, was er von Unternehmensübernahmen hält, gab er eine verblüffende Antwort: Wenn eine Firma richtig gut sei, könne man sie gar nicht überbezahlen, soll der promovierte Physiker erklärt haben, man könne allenfalls die falsche Firma auswählen.

Die Zuhörer reagierten verdutzt. Wollte der Neue damit womöglich Noch-Siemens-Chef Joe Kaeser eins auswischen? Der hatte vor ein paar Jahren - viel zu teuer - den US-Fracking-Zulieferer Dresser Rand gekauft und gibt das heute sogar zu. Doch Busch lag es fern, Scherze auf Kosten Kaesers zu machen. Der Manager hatte offenbar schlicht den bislang spektakulärsten Deal der Siemens-Geschichte bereits im Hinterkopf, den der Konzern am Sonntag dann offiziell bekannt gab: Die Siemens-Tochter Healthineers will den Weltmarktführer in der Krebs-Strahlentherapie übernehmen, die US-Firma Varian, zum Preis von rund 14 Milliarden Euro.

Konzernlenker Kaeser (l.), Busch: "Von der Übernahme profitieren alle" - der Kapitalmarkt sah das zunächst anders

Konzernlenker Kaeser (l.), Busch: "Von der Übernahme profitieren alle" - der Kapitalmarkt sah das zunächst anders

Foto: REUTERS/Andreas Gebert

"Von der Übernahme profitieren alle - allen voran die Patientinnen und Patienten, aber auch die Aktionäre beider Unternehmen", sagte Busch. Der Kapitalmarkt schien das allerdings zunächst etwas anders zu sehen: Am Montag verloren die im M-Dax notierten Aktien von Healthineers zeitweise über sieben Prozent.

Aber immerhin: da war sie endlich, die lang ersehnte Großakquisition. Seit der Börseneinführung des Siemens-Ablegers im Frühjahr 2018 wurde gerätselt, in welchen Bereichen sich der noch immer zu 85 Prozent im Siemens-Besitz befindliche Medizintechnik-Spezialist verstärken würde.

Bislang eher kleine Fische geschluckt

Schließlich gehörten Übernahmespekulationen damals zur Börsenstory von Healthineers. Monat für Monat verging und es passierte: nichts. Nun ja, so gut wie nichts. Immerhin schluckten die Bayern vor einem Jahr den US-Medizinroboterhersteller Corindus Vascular Robotics für rund eine Milliarde Euro.

Branchenkenner hatten erwartet, dass Firmenchef Bernd Montag als Nächstes in einem Bereich zuschlagen würde, in dem Healthineers wenig oder noch gar nicht vertreten ist, wie der Molekulardiagnostik, also etwa der Analyse von Tumor- oder Biomarkern. Einer der Marktführer steht gerade zum Verkauf, das deutsch-niederländische Biotech-Unternehmen Qiagen.

Tomograf von Siemens Healthineers

Tomograf von Siemens Healthineers

Foto: Krisztian Bocsi/ Bloomberg via Getty Images

Doch Montag hat an dem Spezialisten für Genom-Sequenzierung nach eigenen Aussagen null Interesse. Auch im wachsenden Markt für digitale Gesundheits-Apps spielt Healthineers bislang eher eine untergeordnete Rolle. Stattdessen knüpfen der Firmenchef und seine Vorstandskollegen mit ihrem Zukauf an Bekanntes und Bewährtes an: ihre bildgebenden Geräte wie Computer- oder Magnetresonanztomografen (CTs und MRTs). 

Denn das jüngste Übernahmeziel Varian gilt als einer der Weltmarktführer bei Bestrahlungssystemen, die in der Krebsbehandlung eingesetzt werden. Die Bestrahlung zählt zu den festen Säulen in der Behandlung von Krebs – vor allem die Planung mittels Software ist heute präziser als je zuvor.

Varian passt prima ins heutige Geschäftsmodell

Dadurch hat sie an Stellenwert zuletzt eher noch gewonnen, auch und vor allem in der Kombination mit anderen Behandlungsstrategien wie einer Chemotherapie oder Operation. Siemens Healthineers könnte seine CTs und MRTs enger mit den Geräten von Varian verknüpfen, vor allem im Bereich der Software. Daten über die genaue Lage des Tumors, aber auch seine Abflussgebiete, könnten dann direkt in die Bestrahlungssoftware übertragen werden. Gegenüber Krankenhäusern würde man das wohl als Verkaufsargument für Großgeräte aus dem Hause Siemens ausschlachten. 

Kommt der Deal wie geplant zustande, hätten andere Medizintechnikfirmen das Nachsehen, vor allem die Siemens-Hauptkonkurrenten Philips (Niederlande) und GE Healthcare (USA). In der Branche wird angenommen, dass dann die Schlacht um die schwedische Firma Elekta losgehen wird. Sie teilt sich mit Varian einen großen Teil des Marktes für Bestrahlungsmedizin. Siemens hat mit der irrwitzigen Bewertung für Varian die Preise verdorben – eine Übernahme von Elekta würde deshalb wohl ebenfalls entsprechend hochpreisig werden. 

Sosehr die Akquisition im Moment für Siemens ins Portfolio passt, so sehr ist sie trotzdem eine Wette auf die Zukunft. Bleibt es dabei, dass die Medizin zumeist erst dann einspringt, wenn ein Mensch bereits erkrankt ist und seine Genesung unterstützt oder sein allzu frühes Ableben vermieden werden soll, sind die 14 Milliarden Euro für Varian wohl gut angelegt.

Wandelt sich die Branche dagegen mehr und mehr zu einem Vorsorgebetrieb, der mittels Blut- oder Erbgutanalysen Risikogruppen früh erkennen und so verhindern soll, dass  Krankheiten überhaupt entstehen, könnten Montag und seine Kollegen ihre Entscheidung eines Tages womöglich noch bereuen.

Um mitzuhalten, dürfte dann erneut ein zweistelliger Milliardenbetrag fällig werden.

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