Siemens-Umbau Kaeser tilgt Löschers Spuren

Siemens muss profitabler und flexibler werden - mit diesem Mantra schwört Konzernchef Joe Kaeser seine Mitarbeiter auf den Umbau ein. Von der Ära seines Vorgängers Peter Löscher lässt er kaum etwas übrig.

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Hamburg/Berlin - Joe Kaeser ist ein Meister im charmanten Wegplaudern kritischer Journalistenfragen. Aber nun ist sein Tonfall genervt. Schon wieder diese Fragen nach Lisa Davis. Wie soll denn die Zusammenarbeit mit der neuen Vorstandsfrau funktionieren, wenn sie in den USA sitzt? Und wird es diese Frau länger im Siemens-Vorstand aushalten, als ihre beiden Vorgängerinnen? "Ich bringe sie beim nächsten Mal einfach mit", blafft er in die Journalistenrunde. "Dann können Sie sie fragen, wo sie wohnt und was sie isst."

So ist das als Siemens-Chef: Nach mühevoller Suche findet man eine Frau für den Vorstand, man entwirft ein Umbauprogramm mit dem verheißungsvollen Titel "Vision 2020" - und dann muss man sich mit nickeligen Fragen herumschlagen, wie der nach dem Arbeitsplatz der neuen Chefin der Siemens-Energiesparte.

Kaeser setzt lieber auf Pathos. Er ist ein alteingesessener Siemensianer. 1980 fing er bei dem Konzern an. Seit neun Monaten steht er nun an dessen Spitze. "Siemens muss bei Siemens wieder über allem stehen", verkündete der 56-Jährige bei seinem Amtsantritt. Kaesers "Vision 2020" passt zu diesem Motto. Der Umbauplan, den er an diesem Mittwoch in Berlin vorstellte, ist der Marschbefehl zurück zu alten Siemens-Strukturen. Vom Grundriss, den Kaesers Vorgänger Peter Löscher 2007 entwarf, bleibt nicht mehr viel. Löscher war der erste externe Manager, der an die Siemens-Spitze kam. Kaeser diente ihm von Anfang an als Finanzvorstand und trug Löschers Entscheidungen mit, doch nun wirkt es, als wolle Kaeser die Löscher-Ära aus der Siemens-Historie tilgen.

Löschers Sektoren werden abgeschafft

Die von je einem Vorstand geführten vier Sektoren, in die Löscher die Geschäfte unterteilte, schafft Kaeser wieder ab. Stattdessen dürfen ab 1. Oktober wieder die darunterliegenden Divisionen den Großteil der Verantwortung übernehmen - so wie früher. Löscher kritisierte bei seinem Amtsantritt die Kleinstaaterei im Konzern und wollte mit den Sektoren Ordnung schaffen. "Insgesamt wird Siemens stärker wachsen als je zuvor", versprach Löscher damals. Daraus wurde nichts.

Zwar macht der Konzern Milliardengewinne, doch bei den Gewinnmargen hinkt Siemens Chart zeigen dem größten Konkurrenten General Electric Chart zeigen hinterher. Und wie bereits in den Vorjahren drücken Sonderkosten für schlecht gemanagte Projekte auf das Ergebnis.

Kaeser hat also durchaus Argumente für seinen Umbau. Er will die Verwaltung schlanker machen und die Kosten bis zum Herbst 2016 um eine Milliarde Euro senken. Unterhalb der vier Sektoren gab es bisher 16 Divisionen. Diese sollen nun zu neun Divisionen zusammengelegt werden.

Der bisherige Gesundheitssektor wird künftig als zehnte Einheit weitgehend eigenständig geführt. Damit schafft Kaeser die Voraussetzungen, die profitable Sparte zu verkaufen oder an die Börse zu bringen. Zumindest ausschließen wollte er das nicht. Im zurückliegenden zweiten Quartal hat die Medizintechniksparte den höchsten Gewinn eingefahren. Das Geschäft mit Hörgeräten wird aus der Sparte herausgelöst und soll schon jetzt an die Börse gehen.

Siemens solle sich künftig auf die Wachstumsfelder entlang der Elektrifizierung, Automatisierung und Digitalisierung konzentrieren, kündigte Kaeser an. Er nimmt zwar viele Entscheidungen seines Vorgängers Löscher zurück - doch die Versprechungen bleiben dieselben: Siemens werde die Komplexität und Bürokratie im Unternehmen verringern und man werde die Hierarchiestufen vom Management zum operativen Geschäft reduzieren.

All das hatte sich schon Löscher auf die Fahnen geschrieben. So sehr sich Kaeser also nun von seinem Vorgänger abzusetzen versucht - die Probleme bleiben dieselben: Siemens erscheint noch immer als schwerfälliger Konzern, in dem sich Veränderungen nur schwer durchsetzen lassen.

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Joe Kaeser: Der Siemens-Chef im Bieterkampf

Neue Struktur, alte Gesichter

Auch an der Spitze ist von Neuanfang nicht viel zu sehen. Wie in früheren Zeiten haben Siemens-Eigengewächse die Posten unter sich verteilt. Vorstandschef Kaeser, Finanzvorstand Ralf Thomas sowie die Vorstände Roland Busch, Klaus Helmrich und Siegfried Russwurm sind allesamt Siemens-Urgesteine. Der Frischling unter ihnen ist Thomas - er ist seit 1995 bei Siemens. Einzig die US-Managerin Lisa Davis, derzeit Strategiechefin beim Ölkonzern Shell, kommt als neues Gesicht hinzu. Doch die Männerriege wird in München meist unter sich bleiben. Davis soll sich von den USA aus um das Energiegeschäft kümmern.

An der Aufsichtsratsspitze sitzt noch immer Gerhard Cromme. Er hatte 2007 den bis dahin völlig unbekannten Löscher nach München geholt und seinen Konzernumbau mitgetragen. Nun hat Cromme auch Kaesers Kehrtwende abgenickt.

Kaeser hat in seine Rede zum Konzernumbau einige Spitzen gegen Löscher eingebaut. "Viele Aktionen waren auf Kurzfristigkeit ausgelegt und taktisch in ihrer Natur. Es fehlte die längerfristige Perspektive", fasste er die Strategie seines vorherigen Chefs zusammen. Nun will also Kaeser Siemens Perspektiven aufzeigen.

Dazu appellierte er an den Korpsgeist der weltweit mehr als 360.000 Mitarbeiter. "Meine Botschaft an jeden lautet: Handele stets so, als wäre es Deine eigene Firma!", verkündete er. Zu Schätzungen, wonach durch den erneuten Umbau bis zu 10.000 Stellen bedroht sind, hielt Kaeser sich bedeckt. "Mit Besonnenheit und Respekt" werde man dieses Thema angehen, versprach er. Bei Siemens gelte: "You never walk alone."

Doch der neue Siemens-Chef ließ auch durchblicken, dass seine Empathie Grenzen hat. Führung habe nichts mit einem basisdemokratischen Ansatz zu tun, erklärte er zu seinem Programm "Vision 2020". Auch nach außen hat Kaeser mit dem Gebot für Alstom seinen Machtanspruch bereits demonstriert. "Wir wollen die Entscheider sein und nicht von anderen herumgeschubst werden", begründete er das Interesse an dem französischen Konzern.

Am Ende seiner Rede wurde Kaeser noch einmal pathetisch. "Ich persönlich stehe Ihnen dafür gerade, dass die nachfolgende Generation ein besseres Unternehmen weiterführen kann." Besser als jenes, das mir Peter Löscher hinterlassen hat, lautet hier wohl der unausgesprochene Subtext.

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Seite 1
derweise 07.05.2014
1. Siemens
Zitat von sysopAPSiemens muss profitabler und flexibler werden - mit diesem Mantra schwört Konzernchef Joe Kaeser seine Mitarbeiter auf den Umbau ein. Von der Ära seines Vorgängers Peter Löscher lässt er kaum etwas übrig. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/siemens-umbau-kaeser-schafft-sektoren-ab-a-968123.html
Siemens hat in Deutschland (Fürth) ein Kraftwerk gebaut, was vom Prinzip her nicht funjktioniert! Diese Firma muss weg!
allessuper 07.05.2014
2. Was müssen wir eigentlich noch tun, damit diese ausgestorbenen Ego-Dinos verschwinden
Was müssen wir eigentlich noch tun, damit diese ausgestorbenen Ego-Dinos mit ihren sinnlosen Grabenkämpfen endlich von der Bildfläche verschwinden? Damit sie aufhören, unsere Zukunft zu gefährden?
dunnhaupt 07.05.2014
3. Ist ein neuer Besen ein besserer Besen?
... oder nur ein anderer? Kaeser sprach "Ruhe" bei seinem Antitt. Statt dessen herrscht wilde Unruhe und Unsicherheit von der Chefetage bis in sämtliche Fabriken. Tausende werden gefeuert oder versetzt, und die Geschäftsergebnisse sind nicht weniger beunruhigend.
mirdochwurscht 07.05.2014
4. Keine Änderung
"Joe Kaeser ist ein Meister im charmanten Wegplaudern kritischer Journalistenfragen." Das ist auch das einzige was die Vorstände bei Siemens konnten und können, labern. Ansonsten wird er Siemens keinen Deut zukunftsfähiger machen. Siemens muss wieder innovativer werden und auch die Qualität muss wieder besser werden. Ansonsten gilt der alte Spruch " kaufst du was von Siemens oder etwas das funktioniert"
gbtate 07.05.2014
5.
Zitat von sysopAPSiemens muss profitabler und flexibler werden - mit diesem Mantra schwört Konzernchef Joe Kaeser seine Mitarbeiter auf den Umbau ein. Von der Ära seines Vorgängers Peter Löscher lässt er kaum etwas übrig. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/siemens-umbau-kaeser-schafft-sektoren-ab-a-968123.html
Nun hat der Aufsichtsrat erneut einen Zahlenakrobaten zum Vorstandsvorsitzenden gewählt. Nun ja, man spricht ja eine Sprache, die der Börse. Zwar ist Siemens ja eigentlich ein Technologieunternehmen, aber bekanntlich verstehen die BWLer, Volkswirte und ähnliche Spezialisten auf dem Gebiet des "Kaputtmachens" von Technik eine Menge Nichts. Sie erzeugen weder Kreativität, Innvovation, Forschung, vielmehr beharren sie auf das, was gerade da ist, um da ein Maximum an Gewinn und, wenn der Zeitpunkt gekommen erscheint, ein Maximum an Verkaufserlös zu erreichen. Wenn das Unternehmen dann letztlich mit dem Wettbewerb nicht mehr mithalten kann, dann geht der Rest eben den Bach runter. Das sind zusammengefasst die Fähigkeiten solcher Vorstände. Dabei ist es egal, ob es Firmen sind wie Thyssen, Krupp (da war genau das auch zu beobachten), VW, oder etwa die optische Industrie in diesem Lande, der Kraftwerksbau usw. Da wird gerühmt, aus Deutschland kämen die meisten Erfindungen und Patente. Ja, eine Menge, nur welche Qualität haben diese "Erfindungen" und Patente? Da zählen dann auch Brillenscheibenwischer dazu und eine Unmenge ähnlich überflüssigen Zeugs. Echte Innovation findet hier nicht mehr statt. Hätte man solche Typen damals in Deutschland gehabt, die Eisenbahnstrecken Nürnberg-Fürth wäre nie gebaut worden. Das, was hier nur noch zählt ist der Irrglaube, Geld sei eine Ware. Eine Ware, mit der man handeln könne. Sicher, das geht eine Zeitlang, aber die Rechnung liegt bereits auf dem Tisch, wenn man damit anfängt. Und angefangen hat man damit, als man alle Tore für den heutigen Börsenunfug öffnete. Man machte aus einer Finanzierungsbörse ein Wettbüro. Damit das dann auch schön läuft, wird mit virtuellem Geld gehandelt, ganz wie bei Monopoly, das dann, wenn die Konsequenzen des realen Lebens kommen, schnell gedrúckt wird. Das geschieht seit einiger Zeit in den USA und seit geraumer Zeit auch in der EU (EZB). Das derzeit von dort in Umlauf gebrachte Geld ist weder zeitgleich gedeckt, noch ist es gedeckt über absehbare Laufzeiten. Es ist einfach nur Papier. Siemens kann sich warm anziehen für die Zukunft. Leider sieht es nicht danach aus, dass sie das Notwendige dafür haben. Das betrifft natürlich den Rest auch. An der Belegschaft eines jeden produzierenden Großunternehmens hängen miondestens das fünfache an Zulieferern und Abhängigen. Viel Spaß noch dabei.
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