Siemens und Alstom Warum die Zugfusion vor dem Aus stehen könnte

Die EU-Kommission sieht die geplante Fusion der Zughersteller Siemens und Alstom kritisch. Mit Zugeständnissen haben beide Unternehmen versucht, die Wettbewerbshüter zu überzeugen - aber reicht das?

Siemens-Chef Joe Kaeser und Alstom-Chef Henri Poupart-Lafarge (Archivbild)
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Siemens-Chef Joe Kaeser und Alstom-Chef Henri Poupart-Lafarge (Archivbild)


Die Zugsparten von Siemens und dem französischen Unternehmen Alstom wollen der EU-Kommission bei ihrer geplanten Fusion offenbar nicht weiter entgegenkommen. Es werde keine weiteren Zugeständnisse geben, hieß es aus Konzernkreisen. Siemens wolle nun die Entscheidung aus Brüssel abwarten.

Damit steht der Deal, der den zweitgrößten Eisenbahntechnik-Konzern der Welt schaffen könnte, infrage - denn die Wettbewerbshüter sehen das Vorhaben äußerst kritisch. Im Umfeld der Unternehmen äußerte man sich skeptisch, die Kommission von der Fusion überzeugt zu haben.

Die Behörde fürchtet um den Wettbewerb innerhalb der EU, wenn sich die Hersteller der Hochgeschwindigkeitszüge TGV und ICE zusammenschließen - sowohl bei den Zügen als auch bei der Signaltechnik. Sie verlangt deshalb, dass die Wettbewerber Teile dieser Geschäftsbereiche an Konkurrenten abtreten.

Mit dem Zusammengehen wollten Siemens und Alstom dem inzwischen weltgrößten Zughersteller CRRC aus China frühzeitig etwas entgegensetzen. Sie fürchten, dass China bei der nächsten Ausschreibungswelle für Hochgeschwindigkeitszüge in Europa in rund fünf Jahren bereits mitmischen könnte. Die deutsche und französische Regierung unterstützen das Vorhaben.

Zugeständnisse bei der Signaltechnik

Um die EU-Kommission zu überzeugen, haben die Konzerne Zugeständnisse gemacht: Siemens hat nach eigenen Angaben angeboten, Geschäfte vor allem in der Signaltechnik abzugeben, die ein Volumen von rund vier Prozent des Umsatzes des neuen Unternehmens haben - also etwa 600 Millionen Euro. Bei der Signaltechnik gilt der Wettbewerb in Europa als vergleichsweise schwach.

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Für die Wettbewerbsbehörden Großbritanniens, Spaniens, der Niederlande, Belgiens und Deutschlands ist das aber nicht ausreichend. Sie sprachen sich in Briefen an die EU-Kommission gegen das Vorhaben aus.

Streitpunkt Hochgeschwindigkeitstechnik

Meinungsverschiedenheiten zwischen den Konzernen und der EU-Behörde gibt es offenbar vor allem bei der Hochgeschwindigkeitstechnik: So soll die EU-Kommission auch im Bereich der Geschwindigkeiten ab 250 Kilometern pro Stunde Zugeständnisse gefordert haben. Siemens habe daraufhin einer Technik-Übertragung seiner älteren Velaro-Technologie an die Konkurrenz zugestimmt, auf der auch der ICE 3 basiert.

Die Kommission forderte demnach aber auch, dass die Konkurrenz für zehn Jahre auf neuere Zugplattformen zugreifen darf. In dieser Zeit hätte Siemens/Alstom diese Technik nicht selbst nutzen dürfen - zu lange für die Unternehmen, wie es nun hieß. Man sei mit den eigenen Zugeständnissen bereits "ziemlich an die Kante gegangen". Von den Einwänden im Bereich der Hochgeschwindigkeitstechnik sei das Unternehmen überrascht worden. Der Wettbewerb sei hier angesichts mehrerer Konkurrenten weitgehend gegeben.

Frankreich: Ablehnung der Fusion wäre "wirtschaftlicher Irrtum"

Nun muss die EU-Kommission wie zuvor festgelegt bis zum 18. Februar entscheiden, ob sie der Fusion zustimmt. Wettbewerbskommissarin Margrethe Vestager steht dem Vorhaben zwar kritisch gegenüber und ist in der Sache federführend, am Ende entscheiden jedoch die 28 EU-Kommissare. Eine Aussprache unter ihnen bezeichnete Wirtschaftskommissar Pierre Moscovici am vergangenen Dienstag als "ehrliche, offene Diskussion". "Wir wollen die Entwicklungen der Wirtschaft von morgen mit in Betracht ziehen. Wir sind nicht naiv", sagte der französische Sozialist weiter.

Unterdessen macht die französische Regierung, die die Fusion genauso wie die deutsche klar befürwortet, Druck. "Eine Ablehnung der EU-Kommission wäre ein wirtschaftlicher Irrtum und auch ein politischer Fehler", sagte Regierungssprecher Benjamin Griveaux nach einer Kabinettssitzung in Paris. Falls der Deal in Europa scheitere, wäre das ein "schlechtes Signal" für die Menschen in Europa.

kko/dpa



insgesamt 6 Beiträge
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Seite 1
anchises 17.01.2019
1. Gigantische Banken, welche die gesamte EU
zu Fall bringen können sind anscheinend kein Problem für die Komission... Was soll der Scheiß?
jsavdf 17.01.2019
2. Mein Gott
Schaut euch die Umsätze chinesischer und amerikanischer Unternehmen an. In der Größe kann man irgendwann nicht mehr mithalten. Deswegen war auch die Monsanto Übernahme von Bayer richtig
exHotelmanager 17.01.2019
3. Wettbewerb in der Signaltechnik ist absurd
Die Signaltechnik muss einheitlich und Europaweit dauerhaft verfügbar sein. Man kann nicht hier und da mal eben etwas ganz anderes einbauen.
neutron76 17.01.2019
4. Soll man die beiden doch fusionieren lassen!
Die technische Entwicklung und Vereinheitlichung der Signaltechnik innerhalb Europas gäbe die Möglichkeit auf der Betreiberseite wieder Knowhow aufzubauen, Zulassungsprozesse zu vereinfachen und damit wieder mehr Lieferranten die Teilnahme am Wettbewerb zu ermöglichen. Die heutige Monokultur liegt an den Zulassungsverfahren und der teuren Uraltechnik. Dafür kann man mit einer Dampflok wahrscheinlich einfacher legal quer durch Deutschland fahren, als mit einem 20 Jahre alten Golf Diesel.
quark2@mailinator.com 17.01.2019
5.
Wozu A sagen, wenn man dann nicht B sagen will ? Von mir aus hätte die Bundesbahn staatlich bleiben und weiter Zugentwicklung betreiben können. Aber nein, man mußte privatisieren. Nun machen Siemens und Bombardier das Geschäft und die Bahn darf um Züge betteln. Wozu das Ganze ? Nun, unter anderem, damit Privatunternehmen konkurieren und quer durch Europa fusionieren können, statt das der jeweilige Staat dies verhindert. Ähnlich wie bei den ehemals nationalen Fluglinien. Wie gesagt, nicht das was ich gut finde, aber nachvollziehbar. Nur - dann muß man es eben auch zulassen. Wenn man diese Fusion richtig macht, dann ist endlich das Gezerre zwischen Deutschland und Frankreich auf dem Gebiet beseitigt. Hoffentlich läuft es nicht wie bei Airbus, wo es am Ende eine französische Firma mit Dependance in HH ist. Ich stimme anderen Meinungen zu - angesichts der weltweiten Konkurenz sollte man es erlauben. Allerdings hätte ich nichts dagegen, daß man Frankreich und Deutschland jeweils ein Stimmen-/Aktienpaket für die entstehende Bahnsparte gibt. Aber woher nehmen :-) ?
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