Klimaversprechen von Siemens und Deutsche Bank Heiße Luft

Der Fall Siemens zeigt, wie schwierig es für Konzerne ist, ihre hehren Klimaversprechen einzuhalten. Umweltschützer haben längst auch Großprojekte anderer Unternehmen im Visier.
Braunkohle-Tagebau Garzweiler in der Nähe von Grevenbroich

Braunkohle-Tagebau Garzweiler in der Nähe von Grevenbroich

Foto: Oliver Berg/ picture alliance / dpa

Erst den Klimakumpel spielen, dann das schmutzige Geschäft in Australien durchziehen. Der missglückte PR-Stunt von Siemens-Chef Joe Kaeser, der zunächst Verständnis für die Bewegung "Fridays For Future" bekundete, dann aber darauf verwies, Verträge einhalten zu müssen, zeigt nicht nur, wie schnell man sich unglaubwürdig machen kann. Das zusätzliche Problem für Manager: Seit "Fridays for Future" nicht mehr nur niedlich demonstriert, sondern Profiteure von Umweltzerstörung benennt, wird es zusehends schwieriger, sich bei den Jugendlichen mit Solidaritätsbekundungen anzubiedern.

Kaeser versuchte es trotzdem und erntete viel Hohn. Es gab allerdings auch Kommentatoren, die anmerkten, Siemens könne sich sein Geschäft doch nicht von Demonstranten diktieren lassen. Laut einer SPIEGEL-Umfrage ist die Bevölkerung in Deutschland hier ziemlich genau zweigeteilt.

Beim Münchner Konzern war es allerdings Kaeser selbst, der von gesellschaftlichem Nutzen sprach, den seine Firma liefern müsse - und das Ziel ausgab, das Unternehmen solle bis 2030 klimaneutral sein.

Windkraft für die Zementindustrie

Trotz dieses verbalen Ergrünens werden aber weiter diverse Projekte aufgelegt und unterhalten, die dem Klimaschutz widersprechen - bei Siemens offenbar selbst im vermeintlich nachhaltigen Sektor Windkraft. Kritik musste das Unternehmen etwa einstecken, als bekannt wurde, dass es in der von Marokko besetzten Westsahara für die marokkanische Regierung Windparks baute. Noch absurder wird es allerdings, wenn man sich anschaut, wofür der dort generierte Strom verwendet wird. Den Menschen in der besetzten Region kommt er nämlich kaum zugute. Er fließt stattdessen etwa in die marokkanische Zementindustrie.

Ein Windpark beliefert fast ausschließlich die staatliche OCP Group, die mit dem Strom Phosphat abbaut und über ein 100 Kilometer langes Förderband zum Atlantik-Hafen transportiert, von wo es an Düngemittelproduzenten geliefert wird. Der Ethikrat des staatlichen norwegischen Pensionsfonds befand über OCP, das Unternehmen respektiere die Wünsche und Interessen der lokalen Bevölkerung nicht.

Wie sehr das Siemens-Geschäft überdies noch an herkömmlicher Kraftwerktechnik hängt, wird deutlich, wenn man in die Leitstände der weltweit laufenden Meiler schaut. Laut einer Konzernsprecherin arbeiten rund 3000 Kraftwerke mit Siemens-Steuerungstechnik. Wie viele davon Kohlekraftwerke sind, wollte sie nicht sagen. Indonesien wird von Siemens gerade dabei unterstützt, neue Kohlemeiler zu bauen - die Siemens-Bank soll bei der Finanzierung helfen. Wie viele derartige Projekte die hauseigene Bank finanziert, wollte Siemens nicht verraten.

Doch nicht nur Siemens scheint es schwer zu fallen, den alten, umweltschädlichen und offenbar immer noch lukrativen Industrien zu entkommen. Regine Richter kann davon berichten. Über Jahre hat die Aktivistin der Nichtregierungsorganisation Urgewald Banken und Versicherungen gedrängt, aus der Kohlefinanzierung auszusteigen. Die Versicherer zumindest "haben sich bewegt", sagt Richter. Bereits 2018 habe etwa der Münchner Allianz-Konzern einen Kohleausstiegsplan für den Gesamtkonzern vorgelegt. "Bisher ist der Plan allerdings auf Eigenanlagen beschränkt", räumt Richter ein - und die machen nur einen kleinen Teil der Allianz-Geldanlage aus. Verwaltet der Konzern Fondsgelder für Dritte - wie etwa in den USA - greife die Selbstverpflichtung schon nicht mehr.

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Bei Banken, so Richter, sehe es noch schlechter aus, "da hat sich wenig getan".

Sieht man sich die Auftritte von Deutsche-Bank-Chef Christian Sewing an, so ist das kaum zu glauben: Manchmal wirkt es fast so, als wandle sich der Konzern unter Sewing zur Ökobank. Auf der letzten Hauptversammlung dankte der Vorstandsboss der anwesenden Klimaaktivistin Luisa Neubauer herzlich für ihre Kritik. Die Bank unterstütze das Pariser Klimaabkommen, außerdem habe sie sich aus der Finanzierung neuer Kohlekraftwerke zurückgezogen. Eine entsprechende strenge Regelung gebe es seit 2016 und sie gelte auch für den Kohleabbau, lässt ein Unternehmenssprecher auf Anfrage wissen.

Doch gilt das auch für die Öl- und Gasförderung und für die umstrittene Fracking-Technologie? Der Sprecher spricht von Projektvorbehalten. Bei Öl und Gas arbeite man allerdings noch an einer "neuen Policy".

Projektvorbehalte? Richter hält es für unglaubwürdig, dass sich finanzierte Unternehmen daran hielten. "Die haben die nötige Kreativität, das zu umgehen." Das meint auch Greig Aitken von Banktrack, einer Organisation, die fragwürdige Investments von Geldinstituten unter die Lupe nimmt.

Die auf Kohleabbau spezialisierte chinesische Firma Yanzhou Coal Mining, so Aitken, habe die Deutsche Bank 2018 mit rund 265 Millionen Dollar ausgestattet. Wie passt das zu Sewings Versprechen? Aus "rechtlichen Gründen", so ein Sprecher, könne man hierzu keine Stellungnahme abgeben.

Mit Kollegen von fünf weiteren NGOs fand Aitken nach monatelanger Recherche auch heraus , dass die Bank zwischen 2016 und 2018 mit fast einer Milliarde Dollar der weltweit zweitgrößte Financier von Firmen war, die arktische Öl- und Gasvorkommen ausbeuten. Die Kredite aus dem Öl- und Gasgeschäft beliefen sich auf 7,5 Milliarden Euro, weitere 8,8 Milliarden Euro seien Kreditzusagen, steht in einem Bericht der Bank.

Aber die Zahlen des Reports weist der Sprecher weit von sich. Seine Erklärung: Man finanziere schließlich "keine direkten Projekte in Bezug auf arktische Öl- und Gasvorkommen".