Panama Papers Siemens soll von eigenem Manager hintergangen worden sein

Wurde Siemens im Zuge des Schmiergeldskandals von eigenen Managern über den Tisch gezogen? Daten aus den Panama Papers legen laut "Süddeutscher Zeitung" und NDR diesen Verdacht nahe.

Siemens-Logo an einem Standort in Nordrhein-Westfalen
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Siemens-Logo an einem Standort in Nordrhein-Westfalen


Die Story klingt wie ein Wirtschaftsthriller. Aber sie hat teils solch unglaubliche Wendungen, dass der Leser sich im Falle eines Romans wohl über die blühende Fantasie des Autors wundern würde. Doch laut "Süddeutscher Zeitung" und NDR bringen die Daten aus den Panama Papers Details zum Siemens-Schmiergeldskandal ans Licht, die so manchen Wirtschaftskrimi blass erscheinen lassen.

Denn den Recherchen des Journalistennetzwerks zufolge besteht der Verdacht, dass einstige Siemens-Manager Gelder aus schwarzen Kassen im Zuge des Schmiergeldskandals für eigene Zwecke nutzten - und sowohl den Konzern als auch die Staatsanwaltschaft an der Nase herumführten.

Im Zentrum steht laut "SZ" und NDR ein ehemals hochrangiger Siemens-Manager in Mexiko. Laut "SZ" hatte er nach eigener Aussage Zugriff auf 100 Millionen Dollar Schwarzgeld. Als der Schmiergeldskandal aufflog, soll der Mann sich sowohl bei Siemens als auch bei der Staatsanwaltschaft München als Aufklärer angedient haben.

Ein Sprecher der Münchner Staatsanwaltschaft bestätigte gegenüber SPIEGEL ONLINE, dass gegen den Mann ab 2010 wegen des Verdachts der Untreue ermittelt worden sei. Dieses Verfahren sei 2012 gegen eine Geldauflage (laut "SZ" 40.000 Euro) eingestellt worden. Begründung: Der Manager habe sich an der Aufklärung beteiligt und für die Rückführung von Geldern Sorge getragen.

Die Panama Papers aber legen laut "SZ" den Verdacht nahe, dass der Mann nur teilweise ausgepackt hat und sich sogar aus den Schwarzgeldkonten bedient habe. Nur ein Teil des Geldes könnte an Siemens zurückgeflossen sein. Von zwei Millionen Dollar, die fehlen, ist die Rede. Sie sollen auf private Konten unter anderem auf den Bahamas und in der Schweiz gelenkt worden sein.

Laut "SZ" blieb auch die Rolle der Kanzlei Mossack Fonseca im Siemens-Skandal und die Verbindungen des Managers dorthin im Verborgenen.

Ein Sprecher der Münchner Staatsanwaltschaft sagte SPIEGEL ONLINE, die Behörde müsse zunächst herausfinden, ob es einen Anfangsverdacht für eine Straftat gebe. So stelle sich die Frage, wem die fragliche Geldsumme zustehe. Dazu seien die Ermittler auch auf das Datenmaterial angewiesen, das dem Rechercheverbund zugespielt wurde, sagte der Sprecher. SZ-Journalisten haben aber angekündigt, die Daten nicht den Behörden übergeben zu wollen.

Für die Staatsanwaltschaft München, die den Siemens-Schmiergeldskandal federführend untersucht hat, stellt sich bei den neuen Berichten auch die Frage, ob sie örtlich zuständig ist. Zudem müsse geklärt werden, ob die Vorgänge bereits verjährt sind und ob sie deckungsgleich mit dem alten Verfahren sind. Denn der Ex-Siemens-Manager kann nicht für ein- und denselben Sachverhalt nochmals zur Rechenschaft gezogen werden.

Das große Rätsel um den Goldtransfer

Siemens will den Hinweisen nachgehen. "Als potenziell Geschädigte in diesen Vorgängen prüfen wir die vorliegenden Informationen. Sollten sich dadurch neue Erkenntnisse über die Veruntreuung von Geldern ergeben, wird Siemens alle rechtlichen Möglichkeiten ergreifen, um auch diese Ansprüche geltend zu machen", teilte das Unternehmen mit. Es handle sich "um Vorgänge im Zusammenhang mit bekannten Altfällen".

Siemens hatte im Zuge des Schmiergeldskandals auch interne Ermittler eingesetzt, die die Geldflüsse nachvollziehen sollten. Im Konzern waren über ein System schwarzer Kassen rund 1,3 Milliarden Euro an Schmiergeld geflossen, das zur Erlangung von Auslandsaufträgen eingesetzt worden sein soll. Im November 2006 flog der Skandal auf.

Die neuen Details aus den Panama Papers könnten nun noch mal einen Einblick geben, wie kompliziert die Geldflüsse im Siemens-Reich waren. Mit den laut "SZ" und NDR angeblich verschwundenen zwei Millionen Dollar ist der Krimi aber noch nicht zu Ende erzählt. Denn in den Panama Papers taucht demnach noch eine weit höhere Summe auf.

Laut "SZ" spielt eine bestimmte Briefkastenfirma eine zentrale Rolle bei den vermeintlichen Geldflüssen. Eine Anfrage dazu habe die Kanzlei Mossack Fonseca nicht beantwortet, schrieb die Zeitung. Der frühere Siemens-Manager wiederum bestreite, diese Briefkastenfirma zu kennen.

Laut der Zeitung wird der Mann in internen E-Mails der Mossfon-Mitarbeiter aber als Initiator der Firmengründung genannt. Das spektakulärste Detail der ganzen Geschichte ist der angebliche Transfer von 480 Millionen Dollar in Gold auf ein Konto des Ex-Siemens-Managers. Im Zusammenhang mit dieser Transaktion soll es auch noch Anzeichen für eine Marktmanipulation beim Goldhandel der Londoner Börse geben.

Vergleiche man Dokumente aus den Panama Papers und weitere Quellen, dann spreche vieles dafür, dass die Zahlungen stattgefunden haben, schreibt die "SZ". Der Ex-Siemens-Manager bestreite aber, dass derart hohe Beträge bei ihm eingegangen sei. Laut "SZ" wollte er Kontoauszüge vorlegen, um zur Aufklärung beizutragen. Inzwischen melde der Mann sich aber auf Nachfragen nicht mehr.

mmq

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