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Stille Nacht, heilige Nacht: Wer an Silvester (kein) Feuerwerk verkauft

Foto: Arnulf Hettrich/ imago images

Silvester Welche Händler noch Feuerwerk verkaufen - und welche verzichten

Feuerwerke sind in Verruf geraten: Sie verängstigen Tiere und schaden der Umwelt, sagen Kritiker. Der Branchenverband versucht dagegenzuhalten - doch erste Märkte und Ketten stellen um.

Auf Fotos explodieren strahlende bunte Lichter am Himmel, selten war Lobbyismus schöner. Seit Ende November ist der Verband der pyrotechnischen Industrie (VPI) auf Instagram aktiv - um das Silvesterfeuerwerk gegen Boykottaufrufe zu verteidigen. Die Follower des Accounts nennen sich "Pyromichi" oder "Pyromat". Von den 407 Abonnenten sehen nur zwölf Profile aus, als würden sie von Frauen betrieben. Feuerwerk ist Männersache - und die Pyro-Fans sind in der Defensive.

Alle Jahre wieder wird kurz vor Silvester breit debattiert, wie umwelt- und gesundheitsschädlich Feuerwerke sind. Das Neue in diesem Jahr: Erste Händler boykottieren den Verkauf, andere wollen folgen. Mehr und mehr Städte verbieten private Feuerwerke in bestimmten Bereichen. Ist das Gängelei oder sinnvoller Schutz?

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Die Feuerwerksgegner argumentieren, bei der Böllerei entstehe tonnenweise gesundheitsschädlicher Feinstaub. Der belastet die Lungen und macht Asthmatikern und anderen Geschwächten zu schaffen. Die Knallerei rund um Mitternacht verängstigt Haus- und Wildtiere und auch viele Kinder. Ist alles vorbei, vermüllen die Reste der Feuerwerkskörper Straßen und Felder. "Die Knallerei dauert eine Stunde, aber Tierschutz und saubere Luft wollen wir 365 Tage im Jahr. Das passt nicht zusammen", sagt etwa Uli Budnik. Seine Rewe-Märkte im Dortmunder Süden hat er in diesem Jahr zur böllerfreien Zone erklärt.

133 Millionen Euro für Böller und Raketen

Für Silvester-Fans hingegen haben Feuerwerke Tradition. Zwar wollen nur noch wenige damit böse Geister vertreiben, aber viele das neue Jahr begrüßen. Feuerwerk sei deutlich weniger schädlich als oft behauptet, sagt der VPI. Und wenn Kunden ihre Böller und Raketen nicht legal erwerben könnten, würden sich wohl viele auf illegale Angebote einlassen, die "schmutziger, lauter und gefährlicher" seien.

Dem legalen Handel würden außerdem wohl große Summen entgehen: Insgesamt 133 Millionen Euro haben Feuerwerkfans in Deutschland 2018 für Böller und Raketen ausgegeben. Für dieses Jahr rechnet die Branche mit ähnlichen Zahlen.

Hornbach will künftig auf diese Einnahmen verzichten: Ab dem kommenden Jahr werde man kein Feuerwerk mehr anbieten, verkündete die Baumarktkette. Ganz anders Lidl: Der Discounter verspricht seinen Kunden in einer aktuellen Zeitungsannonce ein "Pyro-Spektakel Deluxe".

Lesen Sie hier, wo Sie noch Feuerwerk kaufen können und welche Händler warum verzichten:

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Stille Nacht, heilige Nacht: Wer an Silvester (kein) Feuerwerk verkauft

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Wie viel Feinstaub wird emittiert?

Nur über wenige Punkte in der Feuerwerksdebatte herrscht Einigkeit: Sogar das Umweltbundesamt stimmt zu, dass die CO2-Emissionen aus Feuerwerkskörpern vernachlässigbar gering sind. Auch, dass Tiere und viele Kinder sich ängstigen, lässt sich nicht wegreden.

Über die restliche Faktenbasis wird gestritten. So spricht das Umweltbundesamt von 4200 Tonnen Feinstaub, die jährlich durch Feuerwerke entstehen. Das wären rund zwei Prozent der freigesetzten Feinstaubmenge in Deutschland. Die Zahl ergibt sich aus der Menge Feuerwerkskörper, die in Deutschland im Verkauf sind, und den Standardemissionen pro Tonne Pyrotechnik der Uno-Organisation UNECE (United Nations Economic Commission for Europe).

Der VPI hält diesen Wert für viel zu hoch - und hat den entstehenden Feinstaub beim Abbrennen von Feuerwerken nachgemessen: Der Verband kommt mit den Messergebnissen auf nur zehn statt 4200 Tonnen jährlich. "Die Werte des VPI werden überprüft", teilt das Umweltbundesamt dazu mit. Sollten sie sich als richtig herausstellen, will die Behörde ihre Berichterstattung anpassen.

Wie gesundheitsschädlich ist der Feinstaub?

Auch über die Frage, wie gesundheitsschädlich Feuerwerke sind, wird viel gestritten. Der VPI sagt, dass der Feinstaub durch Feuerwerke weniger giftig sei als der Feinstaub, den Autos ausstoßen. Das Umweltbundesamt behauptet das Gegenteil. Insbesondere die Metalle, die beim Abbrennen Leucht- und Knalleffekte erzeugen, seien als toxisch anzusehen. Außerdem gelange der entstehende Feinstaub ungefiltert in die Luft.

Im Video: Silvester in Berlin-Neukölln (SPIEGEL TV von 2016)

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"Das Umweltbundesamt hätte Interesse an der zugrunde liegenden Studie des VPI", heißt es bei der Behörde auf Anfrage. Der VPI wiederum ist "verwundert", dass das Umweltbundesamt die Zahl von 4200 Tonnen Feinstaub trotz Zweifeln weiterverbreitet. Ein geplantes Gespräch soll Klarheit bringen - für den Handel in diesem Jahr kommt es zu spät.

"Solange die großen Discounterketten nicht mitziehen, wird sich wenig tun"

Rund 43.000 Tonnen Feuerwerkskörper kaufen Menschen in Deutschland laut Umweltbundesamt jährlich. "Die Nachfrage ist ungebrochen, und der Handel wäre schlecht beraten, diese nicht zu bedienen", sagt Uwe Krüger vom Kölner Institut für Handelsforschung (IFH). Feuerwerkshersteller und Branchenführer Weco teilt mit, man stehe mit den Großkunden schon in Verhandlungen für Silvester 2020 und sehe dort "noch keinerlei Anzeichen für Verzichtsabsichten".

"Solange die großen Discounterketten nicht mitziehen, wird sich wenig tun", glaubt auch Handelsexperte Krüger. Einzelne Händler, die Silvesterknaller aus Umweltschutzgründen aus dem Angebot nehmen, gehen deshalb durchaus ein Risiko ein. "Wir verzichten auf den Umsatz, und wir wissen nicht, wie die Kunden reagieren", sagt Christoph Windges, der einen der größten Edeka-Märkte Nordrhein-Westfalens betreibt und in diesem Jahr keine Silvesterknaller im Angebot hat. Schließlich könne der Kunde einfach in den nächsten Supermarkt gehen und dort seine Einkäufe erledigen.

Mit Material der dpa