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18. September 2018, 10:49 Uhr

Börsenstar in der Krise

Snap will sich mit neuem Social-Media-Konzept retten

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Der angeschlagene IT-Pionier Snap versucht den Befreiungsschlag: Ein neues Live-News-Konzept soll dafür sorgen, dass die Nutzerzahlen und der Aktienkurs wieder zulegen. Ob das gelingt, hängt von zwei Faktoren ab.

Die Videos waren verwackelt, aber sie waren unmittelbar verfügbar. Als am 6. September vor der Fifth Third Bank in Cincinnati im US-Bundesstaat Ohio ein Mann eine Schießerei eröffnete, hielten mehrere Passanten sofort mit dem Handy drauf. Einer filmte den mit Flatterband abgesperrten Tatort, ein anderer dokumentierte von einer nahegelegenen Brücke aus eine Kolonne heraneilender Polizei- und Krankenwagen.

Kurze Zeit später, als manche der örtlichen TV-Teams erst auf dem Weg zum Tatort waren, veröffentlichte das soziale Netzwerk Snapchat einen ersten Nachrichtenfilm von der Schießerei, bei der letztlich vier Menschen ums Leben kamen. Er enthielt die Handyvideos der beiden Passanten und die vieler weiterer Augenzeugen.

Aus Filmen wie diesem soll ein neues Geschäftsmodell für Snap werden, für die Firma hinter Snapchat. Das einst so gefeierte Social-Media-Unternehmen will mit ihnen den eigenen Niedergang aufhalten.

Seit Mitte September kooperiert Snap mit 20 Medienhäusern, unter anderem mit den TV-Sendern CNN und NBC sowie der "New York Post". Die 20 Partner haben direkten Zugriff auf eine Datenbank, in der alle von Snapchat hochgeladenen Videos in Echtzeit gespeichert und von einer künstlichen Intelligenz verschlagwortet werden.

Die Medienhäuser können die Laien-Videos zu sogenannten Snapchat-Storys zusammenbauen und diese auf ihren eigenen Internetseiten einbetten, sodass nicht nur Snapchat-Nutzer sie sehen. Die Einnahmen aus den zwischengeschalteten Werbeclips werden geteilt.

Die kuratierten Filme sind nicht nur für Breaking-News-Geschichten oder Reportagen über Veranstaltungen interessant. Die Bewegtbilder lassen sich auch für langfristiger angelegte Beiträge nutzen - immer dann, wenn die Atmosphäre eines bestimmten Orts oder die Stimmung einer Veranstaltung abgebildet werden soll. Gut möglich auch, dass durch die besonders enge Verzahnung von traditionellen und sozialen Medien völlig neuartige Formate entstehen.

Snap-Chef Evan Spiegel, 28, erkennt darin nichts Geringeres als die nächste Medienrevolution. Er will seinen 188 Millionen aktiven Nutzer eine Plattform bieten, über die sie in jeder Sekunde zu Laienreportern werden können, über die sie aktuelle Geschehnisse dokumentieren.

Ob das gelingt, muss sich erst zeigen. Wirtschaftlich jedenfalls soll die neue Funktion zum Befreiungsschlag werden. Der Mann, vor dem Facebook-Chef Mark Zuckerberg einst heimlich zitterte, braucht dringend ein Erfolgserlebnis. Seit die Apps aus dem Zuckerberg-Imperium - namentlich: Facebook, Instagram und WhatsApp - die wichtigsten Snapchat-Funktionen einfach geklont haben, rutscht seine Firma immer tiefer in die Krise.

Im zweiten Quartal hat Snapchat rund drei Millionen aktive Nutzer verloren. Seit Mai haben mit dem Monetarisierungsexperten Stuart Bowers, dem Finanzchef Andrew Vollero und dem Strategiechef Imran Khan gleich drei hochkarätige Manager Snap verlassen. Der Aktienkurs ist von 27 auf derzeit 9 Dollar eingebrochen. Richard Greenfield, Analyst beim Finanzdienstleister BTIG, rechnet mit einem weiteren Absturz auf 5 Dollar.

Gegen Nutzerschwund, Brain Drain und Kursverfall

Das neue Crowdsourcing-Konzept soll alles gleichzeitig aufhalten: den Nutzerschwund, die Abwanderung qualifizierter Arbeitskräfte und den Verfall des Aktienkurses. Ob das gelingt, hängt vor allem von zwei Faktoren ab.

Erstens wird sich erst zeigen müssen, wie verwertbar die auf Snapchat hochgeladenen Clips für die neuen Medienpartner wirklich sind. Ihre Qualität lässt oft zu wünschen übrig, und Verfahren, um die Echtheit brisanter Videos schnell zu ermitteln, sind noch nicht weit entwickelt. Kritiker fürchten eine neue Welle von Fake News.

Zweitens stellt sich die Frage, was passiert, wenn Spiegel mit seiner neuen Geschäftsidee tatsächlich Erfolg hat. Gut möglich, dass Mark Zuckerberg dann einfach wieder seinen großen Kopierer anschmeißt, eine ähnliche Funktion in seine Multimilliardenmenschen-Apps einbaut und das viel kleinere Snapchat erneut plattmacht.

So droht Evan Spiegel zu einer tragischen Figur zu werden: Er ist einerseits ein kreatives Genie, das die Medienbranche revolutioniert - und macht andererseits seine Firma immer wieder unfreiwillig zum Innovationslabor für Mark Zuckerberg.


Anmerkung der Redaktion: SPIEGEL ONLINE ist eines von fünf deutschen Medien, die mit Snap bei einem anderen Projekt kooperieren - seit 2017 gibt es bei "Snapchat Discover" einen eigenen Kanal von SPIEGEL ONLINE: snapchat.com/discover/Spiegel-Online/7200643668

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