Solar-Manager Brannigan "Chinesen haben stärkeren Willen als Europäer"

Der Solar-Boom schafft massenhaft Arbeitsplätze - vor allem in China. Einer der größten Profiteure ist der Ökokonzern Yingli. Manager Stuart Brannigan spricht im SPIEGEL-ONLINE-Interview über sauberen Strom, Subventionen in Deutschland und Billiglöhne in der Volksrepublik.
Solarzellen: "Unsere Leute verdienen 300 Euro im Monat"

Solarzellen: "Unsere Leute verdienen 300 Euro im Monat"

Foto: VINCENT KESSLER/ REUTERS

SPIEGEL ONLINE: Chinesische Hersteller überschwemmen den deutschen Markt mit Solarmodulen. Was machen Sie besser als die Konkurrenz?

Brannigan: Chinesen haben einen stärkeren Willen zum Erfolg als Europäer. In China wollen die Menschen gern hart arbeiten, zwölf Stunden am Tag sind normal. Das ist eine Mentalitätsfrage, jeder einzelne ist stolz auf seine Fabrik.

SPIEGEL ONLINE: Man könnte auch sagen: Die Produktion in China ist billiger als in Deutschland.

Brannigan: Natürlich. Wir müssen bei gleicher Qualität günstiger sein als bekannte Marken aus Deutschland. Sonst würden wir den Markt nicht überzeugen.

SPIEGEL ONLINE: Wie viel günstiger sind Sie denn?

Brannigan: Deutsche Hersteller bieten ihre Solarmodule für 1,60 Euro pro Watt an. Chinesische kosten 1,30 bis 1,40 Euro.

SPIEGEL ONLINE: Also ein Unterschied von 15 Prozent. Wie machen Sie das?

Brannigan: Deutsche Hersteller haben keinen Anreiz, die Kosten zu senken - sie kriegen ihre Ware ohnehin zu jedem Preis los. Wir dagegen müssen den Markt erst noch erobern.

SPIEGEL ONLINE: Reden wir nicht drum herum - der Grund sind die Billiglöhne in China.

Brannigan: Sie haben Recht, unsere Arbeitskosten machen nur sieben Prozent der Gesamtkosten aus. Das ist in Deutschland sicher anders. Aber wir zahlen die höchsten Löhne der Stadt. Unsere Leute verdienen umgerechnet 300 Euro im Monat.

SPIEGEL ONLINE: Das erklärt einiges.

Brannigan: Moment. 300 Euro sind in China viel Geld. Unsere Leute müssen nicht in fabrikeigenen Heimen schlafen, sie können sich eigene Wohnungen in der Stadt leisten.

SPIEGEL ONLINE: Haben deutsche Solarfirmen gegen solche Niedriglöhne überhaupt eine Chance? Marktführer Q-Cells verlagert bereits Arbeitsplätze nach Asien, müssen Solarworld und Co. bald folgen?

Brannigan: Ich möchte unseren Wettbewerbern keinen Rat erteilen. Die Konsumenten haben die Wahl: Wenn sie bereit sind, für ein deutsches Produkt mehr zu zahlen als für ein chinesisches, können die deutschen Fabriken überleben.

SPIEGEL ONLINE: Könnten Sie sich vorstellen, eine Fabrik in Europa zu errichten? Schließlich verkaufen Sie die meisten Solarmodule hier.

Brannigan: Ich möchte nichts ausschließen. Es gibt interessante Staatsbeihilfen, wenn man in Europa eine Fabrik eröffnet.

SPIEGEL ONLINE: Klingt zynisch. Ihr größter Absatzmarkt ist Deutschland, aber produzieren wollen Sie hier nur, wenn es öffentliches Geld gibt.

Brannigan: Wir werden immer schauen, was ökonomisch Sinn macht.

SPIEGEL ONLINE: Der Grund für die enorme Nachfrage in Deutschland ist das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG). Es garantiert sehr hohe Festpreise für Solarstrom.

Brannigan: Das ist richtig. Ohne EEG würde die Solarbranche weltweit sehr viel schlechter dastehen. Es hat den ersten großen Boom ausgelöst, und Regierungen in anderen Ländern haben es kopiert.

SPIEGEL ONLINE: Man könnte sagen: Deutsche Stromkunden subventionieren Arbeitsplätze in China.

Brannigan: Wenn Sie sich nur die Hersteller anschauen, haben Sie Recht. Aber für die Installation einer Solaranlage braucht man weit mehr Leute: Da sind die Händler, die Handwerker, die finanzierenden Banken. In der deutschen Solarbranche arbeiten Zehntausende Menschen.

SPIEGEL ONLINE: Solarstrom ist extrem teuer. Eine Kilowattstunde kostet 43 Cent, bei Windstrom sind es nur 9 Cent.

Brannigan: Ich finde 500 Windräder auf einem Berg wesentlich hässlicher als eine Solaranlage zu Hause auf dem Dach.

"Unsere Philosophie lautet: Kosten runter"

SPIEGEL ONLINE: Kritiker fordern, die Sonnenenergie müsse dringend günstiger werden.

Brannigan: Wir tun alles, was wir können, um die Kosten zu drücken. Wir möchten so schnell wie möglich ohne Subventionen aus dem EEG auskommen.

SPIEGEL ONLINE: Wann wird es so weit sein?

Brannigan: Wenn ein Solarmodul nur noch einen Dollar pro Watt kostet. Hinzu kommt ein weiterer Dollar für die Installation. In diesem Moment ist Solarstrom genauso günstig wie Strom aus der Steckdose.

SPIEGEL ONLINE: Konkret - wann wird das sein?

Brannigan: Bei Yingli werden wir ungefähr 2013 so weit sein. Für andere Hersteller kann ich nicht sprechen.

SPIEGEL ONLINE: Das heißt, man könnte die Solarförderung des EEG in drei Jahren abschaffen?

Brannigan: Theoretisch ja. Die Frage ist, ob unsere Konkurrenten so schnell mitziehen.

SPIEGEL ONLINE: Selbst wenn Solarstrom günstiger werden sollte - rein mengenmäßig spielt er in Deutschland kaum eine Rolle. Der Anteil an der gesamten Stromproduktion liegt unter einem Prozent.

Brannigan: In Bayern sind es schon vier Prozent. Und der Anteil wird weiter steigen. Unsere Philosophie lautet: Kosten runter. Dann kaufen die Menschen unsere Produkte auch ohne Subventionen, und der Markt wird rasant wachsen.

SPIEGEL ONLINE: Bisher ist Deutschland dank EEG der weltweit größte Solarmarkt. Wo liegen die Märkte der Zukunft?

Brannigan: Früher sind wir den Subventionen hinterher gerannt. In Zukunft bestimmt die Nachfrage den Markt. Ich denke, die Bedeutung Deutschlands wird abnehmen. Stark im Kommen sind Frankreich, Spanien, Italien, Griechenland, die USA und China.

SPIEGEL ONLINE: In Deutschland regiert eine konservativ-liberale Koalition, die sich für längere Atomlaufzeiten ausspricht. Bremst das die Energie-Revolution?

Brannigan: Im Gegenteil. Das geplante Atom-Comeback wird die Energiefrage neu beleben. Viele Menschen fragen sich, was die Alternative dazu sein könnte. Als Photovoltaik-Anbieter kann ich sagen: Diese Diskussion wird uns unter Umständen sogar nützen.

Das Interview führte Anselm Waldermann
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