Solarenergie in China Öko-Boom im Tal der Sonne

China ist einer der größten Klimasünder weltweit - nun kämpft der Unternehmer Huang Ming für eine grüne Volksrepublik. Einen ganzen Stadtteil im Norden des Landes will der Öko-Millionär ausschließlich mit Solarenergie versorgen. Die Bewohner sind begeistert.

REUTERS

Von , Peking


Chinas Unternehmer lieben den ganz großen Wurf. Sie gründen Fluggesellschaften, errichten Universitäten oder setzen Kunstmuseen in die mongolische Steppe, manche bauen ganze Städte. In der kapitalistischen Volksrepublik scheint kein Plan zu kühn.

Huang Ming, 51, Chef der "Himin Solarenergie Gruppe", ist einer dieser Unternehmer. Tief in der Provinz Shandong will er ein "Tal der Sonne" schaffen. Das Ziel: ein umweltfreundlicheres China.

Ausgangspunkt für Huang Mings Vision ist Dezhou, zu deutsch "Kontinent der Tugend". Dezhou - zwei Schnellzugstunden von Peking entfernt - ist eine der vielen charakterlosen Millionenstädte, die außerhalb Chinas niemand kennt.

Hier will Huang Ming auf 333 Hektar einen komplett neuen Stadtbezirk bauen, der fast ausschließlich mit erneuerbaren Energien versorgt wird: Wohnungen, Schulen, Fabriken, Tagungszentren, Forschungsinstitute, Parks mit Solarbooten und ein Hotel, das "Micro E". Eine mit Sonnenstrom betriebene Bahn soll das riesige Areal umkreisen. Firmenzentrale und Hotel stehen schon. Über ihnen ragen zwei riesige chinesische Fächer in den Himmel, auf denen Heizröhren und Solarzellen montiert sind. Abends blinken sie bunt.

Kein Land pustet so viele Treibhausgase in die Luft wie China

Sein Geld verdient Huang Ming vor allem mit Solarkollektoren, die auf dem Dach montiert werden, um Warmwasser zu gewinnen. Dafür hat er Vakuumrohre erfunden, die besonders viel Hitze aufnehmen. Kein anderes Land der Welt pustet so viele Treibhausgase in die Luft wie China. Der Unternehmer aber will beweisen, wie leicht es ist, jede Stunde, jeden Tag, jede Woche Millionen Tonnen an Kohle zu sparen.

Huang Ming verspätet sich, sein Auto kam im dichten Nebel nicht voran. In seiner Lederjacke lässt er sich auf den Sessel fallen. Darunter trägt er ein blaues Jackett, das Haar ist leicht wirr. Er kommt von einer Vorlesung in der Provinzhauptstadt Jinan. Bevor er seine Firma Himin gründete, war er lange Jahre Ingenieur und Forscher in der Erdölindustrie, nebenher entwickelte er seine Solar-Wasserbereiter.

In wenigen Tagen wird er zum Klimagipfel in Kopenhagen aufbrechen, einige Nichtregierungsorganisationen haben ihn eingeladen. Denn Huang Ming, der innerhalb von zehn Jahren zu einem der reichsten Männer Chinas wurde, gilt als gutes Beispiel dafür, wie man mit erneuerbaren Energien richtig Geld machen kann. Rund zehn Prozent aller alternativen Wasserboiler in der Volksrepublik kommen aus Huangs Fabriken. International ist seine Firma Himin bereits größter Hersteller dieser Apparaturen. Zudem produziert das Unternehmen besonders dichte Fenster.

Keine Doppelfenster, Heizungen ohne Regler

China tue derzeit noch nicht genug, um Energie zu sparen, sagt Huang. "Dabei haben wir keine Zeit, die Sache ist dringend." Das Land verschwendet Energie in Riesenmengen. Die Heizkessel in den Fabriken arbeiten nicht optimal, Wohn- und Geschäftshäuser sind nicht ausreichend gedämmt. Fast nirgendwo gibt es Doppelfenster, und die Heizungen haben keine Regler.

Die Regierung bestimmt wie in alten sozialistischen Zeiten Anfang und Ende der Heizperiode. Egal, ob es warm oder kalt ist - die Kraftwerke laufen auf vollen Touren. Wird es in den Wohnungen zu heiß, öffnen die Bewohner die Fenster. Nordchina verbraucht zwei bis drei Mal mehr Heizenergie als Regionen in Europa mit ähnlichen Wetterverhältnissen. Trotzdem sitzen vielerorts Angestellte, Schüler und Studenten im Winter in Mänteln und Anoraks in Büros, Klassenzimmern und Hörsälen, weil es nicht gelingt, die Räume ausreichend zu wärmen.

Besonders absurd ist die Situation jedoch südlich des Yangtse. In den dortigen Millionenstädten werden traditionell keine Heizkörper in Wohnungen und Häuser eingebaut. Früher fror man deshalb monatelang. Heute haben viele Chinesen mehr Geld und stellen ihre Klimaanlagen auf Warmluft. Doch die verbrauchen in der Regel mehr Energie als normale Heizungen.

Immerhin nutzen in China bereits rund 200 Millionen der 1,3 Milliarden Bewohner Warmwasser, das nur mit Sonnenkraft erhitzt wird. "Damit liegen wir weit über dem Durchschnitt der entwickelten Länder", sagt Huang. Im vergangenen Jahr kamen 30 Millionen Quadratmeter Wohnungen, Betriebe und Büros dazu.

"Ich hasse Leute, die von Jinan nach Peking den Flieger nehmen"

Doch im Verhältnis zur Größe des Landes ist das nicht viel. Hunderte Millionen Chinesen streben nach dem "kleinen Wohlstand" (KP-Formel), dafür muss das Land immer mehr Fabriken, Geschäfte und Wohnsiedlungen bauen - und das kostet Energie. Knapp 70 Prozent des Bedarfs wird mit Kohle gedeckt. In der Rückständigkeit Chinas sieht Unternehmer Huang allerdings die große Chance: "In den Entwicklungsländern ist es noch nicht zu spät. Wir haben Zeit, unsere Pläne zu überdenken."

Huang spricht gut Englisch, er hat es sich selbst beigebracht. Begriffe wie "nachhaltige Entwicklung" und "Massenproduktion von Solaranlagen" kommen ihm leicht über die Lippen. "Ich hasse Leute, die von Jinan nach Peking den Flieger nehmen", sagt er. "Warum setzen sie sich nicht in den Zug?"

Unweit vom "Tal der Sonne" errichtet er derzeit das Viertel "Utopia Garden" mit 1600 Wohnungen. Auch sie sollen fast nur mit erneuerbarer Energie versorgt werden. An einem nebligen Vormittag entladen Arbeiter weiße Isolierplatten. Wer hier einzieht, muss über 6000 Yuan (rund 600 Euro) pro Quadratmeter zahlen. In anderen Neubauvierteln von Dezhou kostet der Quadratmeter nur um die 3000 Yuan (rund 300 Euro).

Um Kundschaft macht sich Huang allerdings keine Sorgen. Er wirbt nicht einmal mit dem Einsatz sauberer Energien. "Diese Leute sind wohlhabend, sie müssen gar nicht sparen. Wir vermitteln ihnen lediglich das Gefühl, zur Oberklasse, zur Elite, zu gehören." In einer kleinen Ausstellung auf dem Himin-Werksgelände steht sein neuestes Produkt, die 3G-Therme. 350.000 Yuan (rund 35.000 Euro) soll sie kosten. "Damit kann man eine große Villa mit vielen Badezimmern heizen", versichert eine Angestellte.

Günstiges Warmwasser gibt es nur, wenn die Sonne scheint

Rund die Hälfte aller Gebäude in Dezhous neuer Wirtschaftszone haben bereits Sonnenkollektoren auf den Dächern zur Warmwasserbereitung, in den traditionellen Gegenden sind es zehn Prozent. Anders ist es bei der Stromerzeugung: Bislang werden in der Stadt erst rund zwei Prozent des gesamten Elektrizitätsbedarfs durch Sonnenenergie gedeckt.

Der Arbeiter Liu Shien und seine Frau Yang Laner leben etwas außerhalb, sie kümmern sich um zwei kleine Enkelkinder. 2005 haben sie sich ihre knapp 100 Quadratmeter große Wohnung für rund 100.000 Yuan (rund 10.000 Euro) gekauft. Das Heim ist karg eingerichtet. Die Kinder sind dick in Wattekleidung eingepackt. Draußen ist es nasskalt, die Fenster sind dünn, die Heizung schafft es gerade mal auf 16 Grad. Auf dem Dach haben sie sich vor drei Jahren eine Solartherme montieren lassen, rund 330 Euro hat die Familie investiert.

Nun fließt aus den Hähnen des kleinen Badezimmers heißes Wasser, auch eine Waschmaschine können die beiden jetzt benutzen. Früher hat der Durchlauferhitzer nur ein paar Liter bewältigt, die reichten gerade mal für eine Dusche für die Erwachsenen. Zudem war der Strom teuer. "Wir sparen mit der Solartherme im Jahr rund 700 Yuan", sagt Liu. Das ist immerhin knapp die Hälfte eines Monatslohns.

Jetzt gerade muss die Familie allerdings das Waschwasser für die Kinder auf dem Herd erhitzen. "Die Sonne hat schon eine Weile nicht geschienen", sagt Liu. "Wenn sie einen Tag nicht vorkommt, funktioniert der Solarkollektor nicht."



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Seite 1
Klo, 30.11.2009
1.
Zitat von sysopDer Druck auf die USA, China und andere Staaten steigt. Jetzt schlug der dänische Gastgeber in einem Verhandlungspapier vor, die CO2-Emissionen bis 2050 zu halbieren. Was soll die Welt Ihrer Meinung nach im Einzelnen beschließen?
Irgendwas. Aber man wird sich auch diesmal nicht durchringen können, irgendwas zu beschließen. Folglich wird auch diese Konferenz wieder eine sinnlose Farce.
Edgar, 30.11.2009
2.
Zitat von sysopDer Druck auf die USA, China und andere Staaten steigt. Jetzt schlug der dänische Gastgeber in einem Verhandlungspapier vor, die CO2-Emissionen bis 2050 zu halbieren. Was soll die Welt Ihrer Meinung nach im Einzelnen beschließen?
Eine kritische Reevaluierung der Daten, Methoden und Aussagen des 'Weltklimarats'.
Angler29, 30.11.2009
3.
Zitat von EdgarEine kritische Reevaluierung der Daten, Methoden und Aussagen des 'Weltklimarats'.
.....und als Konsequenz, dessen Abschaffung.
de.nada 30.11.2009
4.
Zitat von KloIrgendwas. Aber man wird sich auch diesmal nicht durchringen können, irgendwas zu beschließen. Folglich wird auch diese Konferenz wieder eine sinnlose Farce.
Na also was soll den schon beschlossen werden, wenn das so vom IPCC empfohlen wird wie am Ende des Artikels zu lesen ist ? "Der Weltklimarat (IPCC) hat von den Industriestaaten gefordert, die Emissionen bis 2020 um 25 bis 40 Prozent zu senken. Dazu sagte Steiner: "Es klafft noch eine große Lücke, aber sie beginnt sich zu schließen." Die geforderten 25 bis 40 Prozent seien von den Potentialen her "durchaus zu schaffen", wie diverse Studien gezeigt hätten." Das ist ja sehr genau angedeutet möchte man als Leser da ausrufen. Das Viertel der Weltbevölkerung das "God save the Queen" sagen kann, hat's da doch wesentlich einfacher.
saul7 30.11.2009
5. Die
Zitat von sysopDer Druck auf die USA, China und andere Staaten steigt. Jetzt schlug der dänische Gastgeber in einem Verhandlungspapier vor, die CO2-Emissionen bis 2050 zu halbieren. Was soll die Welt Ihrer Meinung nach im Einzelnen beschließen?
Welt möge verbindliche und effektive Beschlüsse fassen, um die herannahende Klimakatastrophe aufzuhalten. Dazu wäre es nötig, dass alle Staaten ihre Partikularinteressen hintanstellen. Ein Traum und wahrscheinlich unerfüllbar...
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