Deutsche Solarunternehmen prüfen Lieferketten »Teilweise unter dem Verdacht der Zwangsarbeit«

Die USA gehen mit Sanktionen gegen chinesische Solarunternehmen vor, die in Zwangsarbeit verwickelt sein sollen. Nun geraten auch deutsche Solarkonzerne unter Druck, die ebenfalls profitiert haben könnten.
Solarmodule: Moralisch fragwürdiger Ökostrom?

Solarmodule: Moralisch fragwürdiger Ökostrom?

Foto: zjsight / zjsight / Imaginechina / AP

Nachdem die US-Regierung aufgrund von Zwangsarbeitsvorwürfen Sanktionen gegen chinesische Solarunternehmen aus der Provinz Xinjiang erlassen hat, geraten auch deutsche Solarkonzerne unter Handlungsdruck.

Das Weiße Haus hatte Zwangsarbeit einen »integralen Bestandteil« von Chinas Unterdrückung der Uiguren und anderen Minderheiten genannt – und deshalb vergangene Woche Importe von fünf chinesischen Solarfirmen verboten, die im Verdacht stehen diese eingesetzt zu haben.

Nun macht sich Sorge unter den deutschen Solarkonzernen breit, die ebenfalls auf Material von den im Verdacht stehenden Unternehmen, darunter Hoshine Silicon Industry und eine Sparte von GCL New Energy Holdings, zurückgegriffen haben sollen.

Wie das »Handelsblatt« berichtet, wurden auch hierzulande überwiegend Anlagen chinesischer Produzenten verbaut, die Material von den unter Verdacht stehenden Unternehmen eingesetzt haben.

Weltweit sollen mindestens 90 Solarfirmen betroffen sein

»Auch wir haben in der Vergangenheit Projekte mit Modulen von Unternehmen durchgeführt, deren vorgelagerte Wertschöpfungsketten jetzt teilweise unter dem Verdacht der Zwangsarbeit in der chinesischen Region Xinjiang stehen«, sagte Jochen Hauff von BayWa Re der Zeitung. Man arbeite an Alternativen.

Der Energiekonzern EnBW teilte dem »Handelsblatt« mit, dass man seine beiden Hauptlieferanten mit den Vorwürfen konfrontiert habe, »derzeit liegen weder den Lieferanten noch uns Kenntnisse über Menschenrechtsverletzungen dieser Art in der Lieferkette vor«.

Dass deutsche Konzerne wegen ihrer Beziehungen nach Xinjiang in der Kritik stehen, ist nicht neu. Bereits 2019 hatte eine Liste für Furore gesorgt, nach der etwa ein Dutzend deutsche Konzerne in der umstrittenen Region fertigen ließen.

Die Solarbranche ist von diesen Lieferbeziehungen besonders betroffen. Rund 45 Prozent des sogenannten Polysillicons weltweit, eines Vorprodukts, das sich in fast jeder Solarzelle findet, stammt aus Xinjiang. Laut einer Studie der Sheffield-Hallam-Universität und der Beratungsfirma Horizon Advisory wird zur Produktion dieses Vorprodukts wahrscheinlich auf Zwangsarbeit zurückgegriffen. Auch Quarzminen setzen demnach teils Zwangsarbeiter ein, ebenso vereinzelt Produktionsstätten von Wafern. Über internationale Lieferketten gelangten die Vorprodukte dann in die ganze Welt, heißt es in der Studie weiter. Insgesamt verwendeten sie mindestens 90 Solarfirmen.

Der chinesische Solarverband hat den Vorwurf, von Zwangsarbeit in Xinjiang zu profitieren, mehrfach als unbegründet und stigmatisierend zurückgewiesen.

Der Bundesverband der deutschen Solarwirtschaft und der europäische Solarverband Solar Europe sehen laut »Handelsblatt« das »völlige Verbot von Produkten aus Xinjiang oder die Anwendung von Zöllen wie in den USA« kritisch. Sie fordern demnach, dass im Rahmen des neuen deutschen Lieferkettengesetzes die Transparenz der globalen Wertschöpfungskette gemeinsam mit der Politik verbessert wird. Es müssten zudem mehr eigene Produktionskapazitäten in Europa aufgebaut werden.

Die Uiguren in Xinjiang werden inzwischen systematisch unterdrückt und überwacht. Mehr als eine Million Menschen dieser muslimischen Minderheit sind in Umerziehungslagern eingesperrt. Die sogenannten »China Cables« hatten erschreckende Details über dieses Gulag-System ans Licht gebracht. Die Regierung in Peking bestreitet Vorwürfe der Unterdrückung und Drangsalierung und behauptet, die wirtschaftliche Entwicklung fördern und Radikalismus bekämpfen zu wollen.

In China leben schätzungsweise zehn Millionen Uiguren, die meisten in Xinjiang. Sie sind mehrheitlich islamischen Glaubens und fühlen sich von den herrschenden Han-Chinesen wirtschaftlich, politisch und kulturell unterdrückt. Nach ihrer Machtübernahme 1949 hatten die Kommunisten das frühere Ostturkestan China einverleibt. Die Regierung in Peking wirft uigurischen Gruppen Separatismus und Terrorismus vor.

apr/ssu