Streamingdienst SoundCloud Start-up spuckt große Töne

SoundCloud plant einen eigenen Bezahldienst für Musik aus dem Internet - und greift damit Spotify und Apple an. Der Gründer des Berliner Start-ups erklärt, wie er trotzdem eine Milliarde Nutzer erreichen will.
SoundCloud-App auf iPhone: YouTube für Musik

SoundCloud-App auf iPhone: YouTube für Musik

Foto: SPIEGEL ONLINE

Auch ein Unternehmer muss die Welt mal mit anderen Augen sehen. "Wow, das ist ganz schön psychedelisch", sagt Eric Wahlforss. Auf seiner Nase eine Kaleidoskop-Brille, die ihm ein Künstler nach seinem Auftritt auf einem Panel des Berliner Tech Open Air  in die Hand gedrückt hat.

Langsam dreht sich der schlaksige Schwede um die eigene Achse und schaut aus dem Fenster in den sonnigen Himmel. Oder jetzt eben in die vielen regenbogenfarbenen Himmel. "Das ist wie in 'Lucy in the sky with diamonds", sagt Wahlforss mit ironischer Begeisterung. "Nimm sie doch ins Berghain mit, beim nächsten Mal", meint ein Kollege. In dem Berliner Club legt Wahlforss regelmäßig auf.

Der DJ mit der LSD-Brille führt ein Unternehmen, das von seinen Investoren mit 700 Millionen Euro bewertet wird. Die Audio-Streamingplattform Soundcloud, die Wahlforss vor acht Jahren mit seinem Landsmann Alexander Ljung gegründet hat, ist eines der deutschen Start-ups von Weltruhm. Laut Wahlforss bietet der Dienst Musik von 10 Millionen Künstlern und hat im Monat 175 Millionen Hörer*.

Viermal so viele Tracks wie auf Spotify

"YouTube für Audio", ist eine Beschreibung seines Service, die Wahlforss gefällt. Auf der Plattform stehen viele Remixes und experimentelle Tracks, die Musiker, DJs oder Podcaster selbst hochladen - im Unterschied zu Spotify oder Apples neuem Streamingdienst Music, deren Musikbibliothek vor allem von den großen Plattenfirmen befüllt wird. Die Möglichkeit, Musiker und Kuratoren zu empfehlen und ihnen zu folgen, macht den Dienst zudem zu einem sozialen Netzwerk für Musikkenner. "Wir haben mehr als hundert Millionen Stücke auf der Plattform", sagt Wahlforss. "Spotify hat 25 Millionen".

Sie wollen Soundcloud ausprobieren? Hier finden Sie den Text in der Audio-Variante:

Die Kreativen lieben SoundCloud. Während sich Spotify mit Taylor Swift oder Radiohead-Sänger Thom Yorke öffentlich über die miese Entlohnung ihrer Streams streitet, gilt SoundCloud als der Service für Trendsucher und -setter. Beyonce oder Prince laden ihre Songs hier ebenso hoch wie das Jungtalent ohne Plattenvertrag. Unzählige Unentdeckte träumen dabei von einer Karriere wie Lorde. Ende 2012 veröffentlichte die damals 16-jährige Sängerin aus Neuseeland ihre ersten Stücke zum kostenlosen Download bei SoundCloud, bald darauf wurde ihr Song "Royals" zum Grammy-nominierten Welthit.

Doch der Indie-Erfolg genügt SoundCloud nicht mehr. Noch in diesem Jahr wollen Wahlforss und Ljung ein Bezahlangebot für Musikfans in den USA anbieten, im Laufe des Jahres 2016 soll der Service dann wohl auch in Europa starten. SoundCloud-Nutzer sollen dann die riesigen Musikkataloge von Labels wie Universal, Warner Music oder Sony abrufen können. Das würde den Dienst in eine Liga mit Apple, Google oder Amazon befördern. Ein Berliner Start-up tritt an gegen die Riesen der Internetbranche.

"Es wird eine Herausforderung für Apple, das nachzubauen"

Die haben den Kampf schon aufgenommen: Apple Musics "Connect"-Funktion ist ein direkter Angriff auf die Berliner. Auch bei Apple können Bands nun Fan-Pages einrichten und ihre Tracks direkt auf die Plattform stellen - 15.000 seien bereits aktiv, erklärte Apple-Chef Tim Cook am Mittwoch. Doch Wahlforss bezweifelt, dass der Digital-Gigant aus Kalifornien SoundClouds Erfolg einfach kopieren kann: "Wir haben die Community der vielen Kreativen über Jahre aufgebaut, das ist unsere größte Leistung. Es wird eine Herausforderung für Apple, das nachzubauen."

SoundCloud hat derweil eigene Probleme: Die Verhandlungen mit der Musikindustrie laufen zäh. Sony Music will sein von Bob Dylan bis One Direction reichendes Portfolio bislang nicht auf SoundCloud ausspielen und zog im Mai sogar die Songs mehrerer seiner Künstler von der Plattform zurück. Offenbar verspricht sich Sony nicht allzuviel Umsatz von dem Berliner Start-up, das bislang rund zwei Millionen Dollar seiner Werbeeinnahmen an Künstler ausgeschüttet hat.

SoundCloud-Gründer Wahlforss: "Wir haben die Musik-Aficionados"

SoundCloud-Gründer Wahlforss: "Wir haben die Musik-Aficionados"

Foto: Dan Taylor

SoundClouds Verhältnis zu den Musikkonzernen ist schwierig: Bei vielen der Remixes und Mash-ups, die den Service ausmachen, sind die Rechte nicht geklärt. Aus Angst vor Urheberrechtsklagen ließ Twitter angeblich einst die Finger von einer angedachten SoundCloud-Übernahme.

Nun will Wahlforss Frieden mit den Plattenfirmen schließen. "Wir wollen die Rechteinhaber mit der Kultur der bearbeiteten Inhalte, der Remixes und Mash-ups, versöhnen", sagt der zum Unternehmer gewordene Musiker, der auf seinem letzten Album "Ecclesia" elektronische Musik mit Kirchenchorälen verband. "Wenn ich einen Track remixe, sollte ich dafür entlohnt werden. Ebenso wie der Autor des Original-Tracks." Das setze eben komplexere Verträge als die der Konkurrenz voraus.

Seien die aber geschlossen, sieht Wahlforss eine Zukunft für sein Start-up - trotz Apple und anderen Services. Streaming sei kein Markt, in dem nur der Stärkste überleben könne, wie etwa bei den sozialen Netzwerken, sagt er. Wahlforss vergleicht ihn mit Video-Streaming: Da gebe es Netflix oder HBO mit ihren exklusiven Serien, aber eben auch YouTube.

Ähnlich sei es mit Apple und SoundCloud. "Wer Taylor Swift hören will, geht zu Apple. Wir haben die Musik-Aficionados, die die Trends prägen." Durch Apples Marketingdollars beginne jetzt die goldene Zeit des Musik-Streamings: "Ich glaube, dass wir in ein paar Jahren eine Milliarde Nutzer haben können."

*SoundClouds Nutzerzahl ist mit der von Spotify (75 Millionen) und anderen Diensten nicht direkt vergleichbar. Wenn Sie auf die Tonspur in diesem Text geklickt haben, werden Sie bereits als SoundCloud-Nutzer gezählt. Um als Spotify-Nutzer zu gelten, müssen Sie dort einen Account haben und ihn in diesem Monat wenigstens einmal genutzt haben.

Zusammengefasst: Der Streamingdienst SoundCloud aus Berlin startet noch in diesem Jahr einen eigenen Bezahlservice. Gründer Eric Wahlforss glaubt, dass seine Community von Künstlern und Musikliebhabern stark genug ist, um gegen die Angebote von Apple und Spotify zu bestehen.

Eric Wahlforss und Daniel Haver von Native Instruments auf dem Tech Open Air:

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