Soziale Netzwerke Ex-Google-Chef gibt Versagen zu

Eric Schmidt geht hart mit sich selbst ins Gericht: In einem Interview räumt der frühere Google-Boss ein, im Bereich Social Media versagt zu haben: "Ich wusste, ich muss etwas tun - doch ich habe es nicht hingekriegt."
Früherer Google-Chef Schmidt: "Ich hab's nicht hingekriegt"

Früherer Google-Chef Schmidt: "Ich hab's nicht hingekriegt"

Foto: Carl Court/ AFP

Rancho Palos Verdes - Der Siegeszug von Facebook nagt an Eric Schmidts Selbstbewusstsein. "Dieses Freundes-Dings", so nennt der frühere Google-Chef die sozialen Medien, habe er zunächst unterschätzt. Dann hätten ihm die Ideen dafür gefehlt. "Ich wusste ganz klar, ich muss etwas tun, doch ich habe es nicht hingekriegt", sagte Schmidt laut "Wall Street Journal" auf der Techkonferenz D9: All Things Digital in Rancho Palos Verdes.

Die Untätigkeit rächte sich: Inzwischen bekommt Facebook deutlich mehr Klicks als Google - und weiß weit über Hunderte Millionen potentielle Werbekunden mehr als der Suchmaschinenkonzern. Allein in Deutschland hat das Netzwerk inzwischen mehr als 20 Millionen Nutzer.

Schmidt bezeichnete es als einen der größten Fehler seiner Karriere, die Bedrohung durch den Konkurrenten Facebook nicht ausreichend ernst genommen zu haben. Zwar habe er bereits vor vier Jahren darauf hingewiesen, dass Google mehr in soziale Netzwerke investieren müsse, sein Anliegen jedoch nicht mit ausreichend Nachdruck verfolgt.

Google will sozialer werden

Eigene soziale Dienste wie Google Wave scheiterten spektakulär, und auch bei wichtigen Zukäufen ging der Konzern zuletzt leer aus. Unlängst schlug der Schnäppchenjägerdienst Groupon, eines der derzeit heißgehandelten Start-ups, eine Übernahmeofferte Googles aus - obwohl der Suchmaschinenriese bis zu sechs Milliarden Dollar geboten haben soll. Neue Standbeine konnte sich der Konzern so nicht aufbauen - sein Geld verdient er noch immer fast vollständig mit Online-Werbung.

Kommende Google-Produkte würden mehr soziale Funktionen enthalten, versprach Schmidt. Am Mittwoch startet zum Beispiel der Dienst "+1", mit dem Nutzer Suchergebnisse an Online-Freunde empfehlen können.

Schmidt warnte zudem vor zu viel staatlicher Regulierung im Internet. Diese würde das weltumspannende Netz aufs Spiel zu setzen. "Ich bin sehr besorgt, dass uns eine Balkanisierung des Internet droht", sagte der Manager in Anspielung auf Pläne des US-Senats, zur Verhinderung von Urheberrechtsverletzungen einen Filter im Internet installieren zu lassen. "Bislang haben wir ein Internet, bis auf China", sagte Schmidt. "Ich befürchte, dass wir irgendwann einen Zustand haben, bei dem jedes Land sein eigenes Internet hat."

Schmidt war Anfang April von Google-Mitgründer Larry Page als Geschäftsführer abgelöst worden. Page hatte kurz darauf den Ausbau der sozialen Netzwerke zur wichtigsten Aufgabe von Google erklärt. Kenner beschreiben Page als den Motor von Google, der eine Idee nach der anderen generiert. Beim Führungswechsel hatte der Konzern versprochen, Entscheidungsprozesse zu beschleunigen.

Schmidts Auftritt kann man so gesehen etwas Gutes abgewinnen. Der Ex-Chef hat sein Versagen realisiert. Außerdem schilt er sich zumindest selbst. Sein Kollege Steve Ballmer, seines Zeichens Chef von Microsoft, musste sich wegen seines Managements erst kürzlich von Investoren beleidigen lassen. Der einflussreiche US-Hedgefonds-Manager David Einhorn warf Ballmer "Charlie-Brown-Management" vor. Charlie Brown ist eine Figur in dem bekannten Comic "Peanuts" und spielt dort die Rolle des ewigen Verlierers.

ssu