EZB-Geldpolitik Sparkassenchef schwört Kunden auf deutlich höhere Kosten ein

Steigende Gebühren oder Minuszinsen: Der Verbandschef der Sparkassen hat in einem Interview Verbraucher auf teure Zeiten eingestimmt. Die EZB setze die "bisherigen wirtschaftlichen Spielregeln außer Kraft".

Geldautomaten in Köln (Archivbild): Mehr Arbeitnehmer zu Aktionären machen
Oliver Berg/dpa

Geldautomaten in Köln (Archivbild): Mehr Arbeitnehmer zu Aktionären machen


Die Bundesregierung will Kleinsparer womöglich mit einem Verbot vor Strafzinsen schützen. Doch während die Prüfung noch läuft, bereitet Sparkassenpräsident Helmut Schleweis Bankkunden bereits auf deutlich höhere Kosten vor - durch Minuszinsen oder höhere Gebühren.

"Die Europäische Zentralbank setzt die bisherigen wirtschaftlichen Spielregeln außer Kraft", sagte Schleweis in einem Interview mit dem "Handelsblatt". "Wir haben schon lange darauf hingewiesen, dass die Auswirkungen eines Tages die breite Bevölkerung erreichen werden."

Die EZB hatte Banken und Märkte zuletzt auf eine weitere Lockerung ihrer Geldpolitik vorbereitet, mit der sie ein weiteres Abrutschen der Inflation verhindern will. Für die Geldhäuser dürfte das noch höhere Strafzinsen für Einlagen bedeuten, die sie bei der Notenbank parken.

Diese Aussicht hat eine hitzige Diskussion darüber ausgelöst, ob die Banken die zusätzlichen Lasten auf breiter Basis an ihre Privatkunden weitergeben dürfen. Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) will Minuszinsen für Sparer verbieten, Bundesfinanzminister Olaf Scholz (SPD) möchte den rechtlichen Rahmen zumindest prüfen lassen. EZB-Vizepräsident Vitor Constâncio bezweifelte in einem SPIEGEL-Interview jedoch, dass normale Sparer tatsächlich negative Zinsen begleichen müssen.

Staatshilfe für Altersvorsorge gefordert

Der Präsident des Deutschen Sparkassen- und Giroverbandes fürchtet indes vor allem auch die langfristigen gesellschaftlichen Folgen dieser EZB-Politik. In Japan hätten jahrelange Minuszinsen zu "wirtschaftlicher Stagnation" und "deutlich steigenden Kosten für Bankkunden" geführt, sagte Schleweis. "Ich befürchte, dass wir dies auch in Deutschland erleben werden."

Schleweis, der die Interessen von rund 380 deutschen Sparkassen vertritt, hält ein Verbot von Minuszinsen jedoch für falsch: "Das passt nicht zu unserer Wirtschafts- und Rechtsordnung." Zugleich betont er, dass die Möglichkeiten der Sparkassen, die Lasten der Geldpolitik "abzupuffern, endlich sind". Um die Sparer zu entlasten, fordert Schleweis staatliche Unterstützung bei der privaten Altersvorsorge.

"Die öffentliche Hand hat durch die Geldpolitik bisher Zinsvorteile von rund 360 Milliarden Euro. Die privaten Sparer haben rund 300 Milliarden Euro verloren. Es läge nahe, durch finanzielle Anreize zur Vermögensbildung einen Teil dieser Mittel an die Bürgerinnen und Bürger zurückzugeben", sagte Schleweis. Er schlägt vor, das "Wertpapiersparen durch eine modernisierte Arbeitnehmersparzulage attraktiver zu gestalten". Außerdem "könnten die Bundesländer den Immobilienerwerb durch geringere Grunderwerbsteuern fördern."

apr



insgesamt 78 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
hinterfrager09 29.08.2019
1.
Die Entlastung des "Staates" um diese genannten 360 Milliarden heißt aber auch, dass der Steuerzahler genau diese Last nicht aufbringen muss(te) - ergo Steuern spart (bzw. um Erhöhungen die letzten Jahre rumgekommen ist). Also - von dieser Einsparung des Staates profitiert jeder hier im Land. Da muss nicht schon wieder staatlich irgendwas umverteilt werden. Zweitens zeigt es aber auch - die schwarze Null ist so einfach zu erreichen wie einem Zweijährigen die Schaufel im Sandkasten abzunehmen. Das ist wahrlich kein Glanzstück. Eigentlich hätte in diesen fetten Jahren die staatliche Verschuldung massiv reduziert werden müssen. Es wurde aber lieber Geld weiterhin verbrannt und viele teure Wahlversprechen gemacht. Also Politik wie immer. Jetzt - wo sich die Zeiten wieder ändern - rufen schon die ersten nach neuen Schulden und dem Wegfall der Schuldenbremse. Einem Instrument, welches bisher noch gar nie wirklich zum Einsatz kommen musste in Anbetracht der super-niedrigen Zinsschuld der öffentlichen Hand. Der Sparkassen-Präsi muss nur aufpassen - es gibt sehr wohl andere Banken mit heute schon sehr viel niedrigeren Kosten und gleichzeitig besseren Konditionen. Oder jammert er dann auch nach staatlicher Unterstützung - für seine Bank?
lageye 29.08.2019
2. aha... na dann. Alternativen!
Ja dann werde ich mein Geld eben bei Paypal parken oder einer virtuellen Währung bzw. Eröffne ich ein gratis Auslandskonto...und nur bei Bedarf, werde ich es häppchenweise, auf ein Konto hier transferieren. Was ich nicht brauche hebe ich mir dann eben in bar ab und lasse es "unterm Kissen". Als satte Gewinne mit meinem Geld erschröpft wurden, hat mich keine Sau dadran beteiligt. Jetzt da die Zinssause am Ende ist soll ich die Rechnung begleichen? Gerne können erst einmal die privatisierten Gewinne zurück geholt werden um den Haushalt zu sanieren. Ich habe nie dadrum gebeten zu einem Giralgeldkonto gezwungen zu werden um 15.000 Fillialen zu unterhalten. Und ich drehe den Spieß mal um und frage ob ich jetzt gleichzeitig Zinsen erhalte wenn ich in den roten Zahlen bin? Wäre ja berechtigt! Oder wird es eine lose lose situation für mich? Ganz nach dem Motto: hast du Geld, zahlst du Zinsen, hast du Schulden zahlst du Zinsen! NICHT MIT MIR!
soyafreund 29.08.2019
3.
So ganz schlimm kann es ja noch nicht sein, so lange ein(e) kleine(r) Sparkassendirektor(in) in etwa das gleiche Gehalt hat wie die/der deutsche Bundeskanzler/in... Vielleicht ist jetzt die Zeit, die verkrusteten Strukturen bei den Sparkassen mal aufzubrechen...
quark2@mailinator.com 29.08.2019
4.
Es sollte klar sein, daß Banken die Kosten für ihre Dienstleistung decken müssen und wie jedes Unternehmen auch ein Recht auf einen fairen Gewinn haben. Wenn es keinen Zins mehr gibt, geht das nur über Gebühren. Das ist doch alles kein Drama. Die meisten Menschen verstehen nicht, daß dies für sie die preiswertere Alternative ist. Wäre der Zins höher (und die Inflation gleich), würden Menschen mit größerem Besitz deutlich mehr profitieren, d.h. der Zinsertrag würde ihnen einen größeren Anteil am Arbeitsertrag des Volkes zuschieben. Ohne das sie dafür was machen müssen. Wer also zu den "unteren" 75% gehört, sollte sich über niedrige Zinsen freuen. Aber ich weiß schon, das ist kontraintuitiv. Wer weniger als 25.000,- EUR angelegt hat, profitiert sogar direkt, denn das ist i.e. sein Anteil an den Staatsschulden. Gehen die Zinsen hoch, werden die auch wieder höher verzinst. Und von irgendwas müssen all die Straßen ja bezahlt werden.
qumpf 29.08.2019
5. Der Untergang
Vor einigen Jahren wurde der Untergang wegen Zins und Zinseszins prognostiziert heute wegen deren Abstinenz. Girokonten sollten zinslos und gebührenfrei sein. Wer genug Geld hat und fest anlegt, bekommt auch heute noch 4%-7% Zinsen. Den Banken geht es gut.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2019
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.