Spekulation um Frankreich Gerüchte reißen Aktienkurse in die Tiefe

Es waren nur Spekulationen, doch sie sorgten für einen Kurssturz: Wird nach den USA jetzt auch Frankreichs Kreditwürdigkeit herabgestuft? Nein, sagt die Regierung in Paris - trotzdem sackten Dax und Dow Jones ab, französische Bankaktien verloren zum Teil sogar 20 Prozent.


Frankfurt am Main/Paris - Weltweit fürchten nervöse Investoren schlechte Nachrichten - und deshalb reichen schon Gerüchte aus, um die Aktienmärkte in Aufruhr zu versetzen. Am Mittwoch waren es zwei halbgare Nachrichten, die zu Kursstürzen an den europäischen Börsen führten: Es kursierten Spekulationen, Frankreichs Kreditwürdigkeit werde herabgestuft. Und dann hieß es auch noch, die französische Großbank Société Générale habe Finanzprobleme.

Alle Dementis halfen nichts - die Kurse französischer Bankaktien rauschten in die Tiefe und rissen die europäischen und amerikanischen Börsen mit. Der Dax Chart zeigen verlor 5,1 Prozent auf 5613 Zähler, der französische Leitindex CAC 40 Chart zeigen 5,5 Prozent. Auch die Börsen in Mailand und Madrid schlossen tief im Minus. Der europäische Index EuroStoxx Chart zeigen brach um fast sechs Prozent ein.

Auch an der Wall Street gab es einen Ausverkauf. Der Dow Jones Chart zeigen-Index fiel zum Börsenschluss um 4,62 Prozent auf 10.719 Punkte und schloss damit auf dem tiefsten Stand seit September 2010. Innerhalb eines Zeitraums von fast drei Wochen hat er nunmehr über 15 Prozent an Wert verloren.

Der breiter gefasste S&P 500 gab am Mittwoch um 4,42 Prozent auf 1120 Punkte nach. An der Technologiebörse Nasdaq sank der Composite-Index um 4,09 Prozent auf 2381 Zähler. Der Auswahlindex Nasdaq 100 büßte 4,06 Prozent auf 2073 Punkte ein.

Dabei war der Dax anfangs gut gestartet. Der deutsche Leitindex übersprang im Verlauf des Handelstages sogar die Marke von 6000 Punkten. Auch die Erklärung der US-Notenbank Fed vom Dienstagabend, den Leitzins voraussichtlich für zwei weitere Jahre auf dem historischen Niedrigst-Niveau zu belassen, sorgte für positive Stimmung.

Dementis können die Anleger nicht beruhigen

Doch an der Wall Street startete der Handel am Mittwoch gleich im Minus. Hinzu kamen die Spekulationen, Rating-Agenturen könnten der europäischen Wirtschaftsmacht Frankreich die Top-Bonität entziehen. "Diese Gerüchte sind völlig haltlos und die drei Rating-Agenturen Standard & Poor's, Fitch und Moody's haben bestätigt, dass es kein Risiko einer Herabstufung gab", dementierte ein Sprecher von Finanzminister François Baroin. Frankreich hat derzeit wie Deutschland die Rating-Bestnote "AAA". Fitch und Moody's bekräftigten unterdessen ihre Bestnoten und einen stabilen Ausblick für Frankreich. Standard & Poor's hatte das schon am Vortag getan.

Doch dann kursierten auch noch Gerüchte, die Société Générale Chart zeigen habe Finanzprobleme Chart zeigen. Die Bank hält einen hohen Bestand an griechischen Staatsanleihen, zudem gehört ihr die griechische Bank Geniki. Vertreter der französischen Großbank seien zu einem von Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy kurzfristig anberaumten Krisentreffen geladen worden, hieß es. Die Bank erklärte umgehend, sie dementiere kategorisch alle Marktgerüchte. Doch der Kursverfall war nicht aufzuhalten. Die Aktien der Société Générale fielen um zeitweise mehr als 20 Prozent.

In diesem Sog brachen auch andere französische Finanzwerte wie BNP Paribas Chart zeigen, Credit Agricole Chart zeigen und Natixis um neun bis zwölf Prozent ein. Die Verkaufslawine traf auch die Aktien deutscher Institute. Die Papiere der Deutschen Bank Chart zeigen und der Commerzbank Chart zeigen fielen um je mehr als sieben Prozent. In Italien standen vor allem die Aktien der Großbank Unicredit Chart zeigen unter Verkaufsdruck. Die Titel büßten 9,4 Prozent ein. Händlern zufolge hatten am Morgen Anleger in Italien ihre Gelder aus Bankenwerten in italienische Staatsanleihen umgeschichtet.

"Die Anleger sind so stark verunsichert, dass Gerüchte - gerade bei Banken - auf extrem fruchtbaren Boden fallen", sagte ein Händler. Ein US-Anlageberater erklärte die Panik mit schlechten Erfahrungen. "Anleger, die bei der letzten Finanzkrise nicht gleich verkauft haben, sind jetzt mit Verkäufen schnell dabei und stellen erst hinterher Fragen."

Europäische Regierungen bemühen sich nun darum, den Märkten ihren guten Willen zum Sparen zu beweisen. Der französische Präsident Sarkozy brach seinen Urlaub für eine Sitzung mit seinen wichtigsten Ministern ab. Im Anschluss kündigte er einen neuen Sparplan an, mit dem das Defizit im Haushalt für 2012 gesenkt werden solle. "Der Staatschef hat in Erinnerung gerufen, dass das Engagement zur Defizit-Reduzierung der öffentlichen Haushalte unantastbar ist und unabhängig von der wirtschaftlichen Lage gehalten wird", hieß es in einer Erklärung.

Italiens Regierungschef Silvio Berlusconi kündigte auf Druck der Europäischen Zentralbank (EZB) an, innerhalb der nächsten Woche weitere Sparmaßnahmen zu verabschieden. Die Regierung hatte sich am Freitag verpflichtet, bereits 2013 statt erst 2014 einen ausgeglichenen Haushalt zu erreichen. Sie müsse schnell handeln, da sie ihr Versprechen erfüllen müsse, sagte Berlusconi. Im Gegenzug zu den Sparmaßnahmen will die EZB einen Teil der italienischen Staatsanleihen aufkaufen, um die Zinssätze der Schuldpapiere zu drücken.

Doch trotz der Spar-Beteuerungen der Politiker misstrauen die Anleger der Schuldenpolitik der Staaten und der Entwicklung der Weltwirtschaft. Wie sehr, zeigt sich erneut beim Goldpreis: Er stieg auf ein neues Rekordhoch von 1796,86 Dollar je Feinunze und erreichte damit fast die Marke von 1800 Dollar.

mmq/Reuters/dpa/AFP

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