Bilanz von Sportereignissen Der Ball rollt, der Rubel nicht

Die Fußball-EM 2020 findet europaweit statt, die Kosten sollen so deutlich sinken. Ökonomisch hat das Konzept Charme: Die meisten sportlichen Großereignisse endeten für die Gastgeber bisher im finanziellen Desaster.
Fußballfans bei der WM 2010: Hohe Erwartungen, hohe Kosten

Fußballfans bei der WM 2010: Hohe Erwartungen, hohe Kosten

Foto: dapd

Hamburg - Als Denver im März 2005 das All-Star-Game der amerikanischen Basketballliga ausrichten durfte, war der Jubel groß. Rund 100.000 Gäste erwartete die Tourismusbehörde - eine ziemlich gewagte Prognose. Schließlich verfügte die Stadt nur über ein Basketball-Stadion mit 20.000 Plätzen. Und über gerade mal 6000 Hotelzimmer.

Das absurde Beispiel stammt aus einer Arbeit des amerikanischen Ökonomen Victor Matheson . Er hat zahlreiche Studien zu den wirtschaftlichen Effekten von Mega-Sportereignissen rund um den Globus ausgewertet. Sein ernüchterndes Ergebnis: "Die meisten Forscher finden keine Korrelation zwischen Wirtschaftswachstum und neuen Sportanlagen, Lizenzverkäufen oder Veranstaltungen."

Möglicherweise hat man in der Uefa-Zentrale die Arbeiten von Matheson und anderen Sportökonomen gelesen. Am Donnerstag verkündete der europäische Fußballverband, dass die Fußball-Europameisterschaft erstmals in zahlreichen Ländern gleichzeitig stattfinden wird. Begründet wird dies ausdrücklich mit wirtschaftlichen Gründen. "Wir müssen keine Stadien oder Flughäfen bauen, gerade jetzt in Zeiten der wirtschaftlichen Krise", sagte Uefa-Präsident Michel Platini.

Die Entscheidung könnte eine beachtliche Trendwende markieren. Bislang werden sportliche Großereignisse von den Veranstaltern fast immer als Gewinngeschäft verkauft: Sie sollen zahlreiche Besucher anlocken, die in den austragenden Städten dann die Einnahmen von Hoteliers, Restaurants und Geschäften ankurbeln, deren Steuereinnahmen wiederum die Ausgaben des Staates wettmachen. Sie sollen zum Bau neuer Stadien, Straßen oder gar Flughäfen führen. Und sie sollen die Austragungsorte in der ganzen Welt bekannt machen und somit auf Dauer für mehr Besucher sorgen.

In der Realität sprechen nahezu alle Zahlen gegen solch rosige Vorhersagen. Von den Olympischen Spielen 1976 etwa blieben Montreal laut Angaben des Ökonomen Andrew Zimbalist  in der "New York Times" 2,7 Milliarden Dollar Schulden, die erst im Jahr 2005 zurückgezahlt wurden. Die Langzeitkosten der Spiele in Sydney im Jahr 2000 werden auf 2,2 Milliarden Dollar geschätzt. Und Athen veranschlagte für die Austragung im Jahr 2004 rund 1,6 Milliarden Dollar - die tatsächlichen Kosten sollen rund zehn Mal so hoch gelegen haben.

Völlig illusorische Erwartungen an die Einnahmen

Wie aber können immer wieder solche enormen Verluste zustande kommen - fast immer im Gegensatz zu den optimistischen Prognosen? Der erste Teil der Antwort ist simpel: Der Bau von Sportstätten ist äußerst kostspielig und wird fast immer zu einem großen Teil auf die öffentliche Hand abgewälzt. So verschlang allein der Umbau des Olympiastadions in Kiew zur EM 2012 mehr als eine halbe Milliarde Euro. Ist der Staat selbst Bauherr, geraten die Kosten regelmäßig außer Kontrolle.

Dass am Ende so häufig rote Zahlen unter dem Strich stehen, lässt sich aber nur damit erklären, dass zugleich völlig illusorische Erwartungen an die Einnahmen bestehen. Matheson weist darauf hin, dass die Prognosen häufig von den Veranstaltern selbst erstellt werden, die natürlich Interesse an einem positiven Ergebnis haben. Nachträgliche Untersuchungen durch Wissenschaftler kommen regelmäßig zu anderen Ergebnissen.

Nicht immer sind die Prognosefehler aber so simpel zu erklären wie im Fall von Denver, das nicht einmal genügend Hotelbetten für die erwarteten Gäste hatte. Matheson nennt drei Fehler, die regelmäßig zu überhöhten Schätzungen führen:

  • Besucher eines Sportereignisses geben zwar Geld aus, sparen dies aber an anderer Stelle ein. Das gilt vor allem für die lokale Bevölkerung, die keine zusätzlichen Ausgaben wie etwa Hotelkosten hat. Deshalb sollten die Bürger vor Ort nicht Teil der Vorhersagen sein.
  • Durch das Großereignis werden andere potentielle Besucher abgeschreckt. So kamen zur Fußball-WM 2002 in etwa so viele Besucher nach Südkorea wie in anderen Jahren auch. Erklärung: Die Zahl regulärer Touristen und Geschäftsreisender aus Japan hatte sich wegen der Beeinträchtigungen durch das Turnier reduziert.
  • Schließlich mögen bei einem Fußballturnier oder Olympia große Summen umgesetzt werden, doch die landen nur bedingt in den Taschen der Einheimischen. Ein Beispiel von der WM 2006 in Deutschland ist die Auflage der Fifa, ausschließlich das US-Bier Budweiser zu verkaufen.

Bei der EM 2020 können die Europäer nun also versuchen, eine solidere Bilanz auf die Beine zu stellen. Dass die auch im Fußball dringend nötig ist, zeigen Untersuchungen des dänischen Instituts für Sportstudien und der Organisation Play the Game. Sie untersuchten die Auslastung von Arenen, die häufig für große Turniere errichtet wurden. Fazit: "Die Mehrheit der Stadien in der Studie haben Probleme, größere Mengen anzuziehen und ihre Besucherzahlen sind generell gering."

Beim Olympiastadion von Nagano etwa, zu den Winterspielen 1998 für 107 Millionen Dollar erbaut, reichten die Besucher eines ganzes Jahres nicht, um rechnerisch die 30.000 Sitze auch nur ein einziges Mal zu füllen. Wenig besser sieht es im Stadion des portugiesischen Aveiro aus, das für 83 Millionen Dollar zur EM 2004 errichtet wurde.

In Deutschland lief es besser

Immerhin, so schlecht muss es nicht immer laufen: Die WM 2006 in Deutschland war den Autoren zufolge "das erfolgreichste Event der ganzen Studie", da die verwendeten Stadien auch nach der WM gut gefüllt blieben. Das liege am relativ hohen Wohlstand, der großen Fußballtradition und einer Profiliga mit den höchsten Besucherzahlen der Welt.

Auch in Deutschland war die WM laut Matheson allerdings kein Gewinngeschäft - zumindest in finanzieller Hinsicht. Die Zufriedenheit der Deutschen sei durch das Turnier aber nachweisbar gewachsen. "Die Weltmeisterschaft hat die Deutschen nicht reich gemacht", resümiert Matheson, "aber sie scheint sie glücklich gemacht zu haben."