Machtmissbrauchs-Vorwürfe Springer entbindet »Bild«-Chefredakteur Julian Reichelt von seinen Aufgaben

Der Medienkonzern Axel Springer hat »Bild«-Chefredakteur Julian Reichelt mit sofortiger Wirkung freigestellt. Der Medienmanager habe Privates und Berufliches nicht klar getrennt, hieß es zur Begründung.
Julian Reichelt

Julian Reichelt

Foto: Bernd von Jutrczenka / dpa

Julian Reichelt ist ab sofort nicht mehr Chefredakteur der »Bild«-Zeitung. Das teilte das Unternehmen Axel Springer mit . Als Folge von Presserecherchen habe das Unternehmen in den letzten Tagen neue Erkenntnisse über das aktuelle Verhalten von Julian Reichelt gewonnen, hieß es. Dabei habe der Vorstand erfahren, dass Julian Reichelt auch nach Abschluss des Compliance-Verfahrens im Frühjahr 2021 Privates und Berufliches nicht klar getrennt und dem Vorstand darüber die Unwahrheit gesagt habe.

Neuer Vorsitzender der dreiköpfigen Chefredaktion und Mitglied des sogenannten »Bild«-Boards werde Johannes Boie, 37, derzeit Chefredakteur der »Welt am Sonntag«. Alexandra Würzbach bleibe Chefredakteurin der »Bild am Sonntag« und verantwortlich für das Personal- und Redaktionsmanagement. Claus Strunz sei als Chefredakteur für das Bewegtbild-Angebot verantwortlich.

Die »New York Times« hatte am Wochenende einen langen Bericht  über den Medienkonzern Axel Springer veröffentlicht, auch mit Blick auf die Pläne zur Übernahme der US-Mediengruppe »Politico«. In dem Artikel ging es unter anderem um »Bild«-Chefredakteur Reichelt und im Frühjahr erstmals öffentlich bekanntgewordene Vorwürfe gegen ihn.

In deutschen Medien war damals von möglichem Machtmissbrauch und Ausnutzung von Abhängigkeitsverhältnissen die Rede gewesen. Auch der SPIEGEL beschrieb das System Reichelt.

Springer prüfte die Vorwürfe seinerzeit in einem internen Verfahren. Im März teilte das Unternehmen dann mit: »Der Vorstand ist zu dem Ergebnis gekommen, dass es nicht gerechtfertigt wäre, Julian Reichelt aufgrund der in der Untersuchung festgestellten Fehler in der Amts- und Personalführung – die nicht strafrechtlicher Natur sind – von seinem Posten als Chefredakteur abzuberufen.« In die Gesamtbewertung seien auch die »enormen strategischen und strukturellen Veränderungsprozesse und die journalistische Leistung unter der Führung von Julian Reichelt eingegangen«.

Nach einer befristeten Freistellung kehrte Reichelt zunächst zu Deutschlands größter Boulevardzeitung zurück.

Die »New York Times« erwähnte in ihrem Bericht, dass ein Investigativteam bei Ippen nach Reichelts Rückkehr monatelang weiter recherchiert habe und nun eigentlich eine Veröffentlichung mit weiteren Details geplant gewesen sei. Diese sei dann nach Einwirken des Verlegers Dirk Ippen zurückgehalten worden.

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»Wir stehen als Mediengruppe Ippen ganz klar dazu, dass Redaktionen frei und unabhängig arbeiten können und arbeiten müssen«, teilte die Verlagsgruppe dazu mit. »Gleichzeitig hat ein Verleger immer das Recht, Leitlinien festzulegen, und es ist auch normal, bei großen Recherchen die Rechtsrisiken gemeinsam abzuwägen.«

Das Rechercheteam hatte in einem Brief an den Verleger und die Geschäftsführung seinen Unmut über die Entscheidung geäußert. Im Netz kursiert inzwischen das Protestschreiben.

ih/mkl/ssu/dpa
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