Staatsanleihen Warum Irland und Co. dem Ruin entkommen können

Die Renditen für Staatsanleihen von Portugal, Spanien und Co. steigen erneut deutlich an. Pessimisten sagen deshalb den baldigen Ruin der Länder voraus. Dabei ist das Problem weit weniger dramatisch. Das zeigt eine nüchterne Analyse der Lage.

Euro-Münze: Es scheint, als fallen die Dominosteine beim großen Krisenspiel
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Euro-Münze: Es scheint, als fallen die Dominosteine beim großen Krisenspiel


Hamburg - Wer in der heutigen Hysterie-Gesellschaft besonnene statt extreme Ansichten vertritt, läuft Gefahr, überhört zu werden. Oder er gilt als jemand, der beschwichtigt, die wahren Gefahren nicht erkennt, ja eh keine Ahnung hat. Und so weiter.

Trotzdem sei an dieser Stelle ein Plädoyer wider den vermeintlich bevorstehenden Europa-Untergang gewagt. Getreu der Analyse des CDU-Politikers Wolfgang Bosbach, der zu Jahresbeginn fast schon philosophierte: "Was heute Schnee-Chaos heißt, nannte man früher Winter."

Es scheint, als fielen in diesen Wochen die Dominosteine beim großen Euro-Krisen-Spiel. Im Frühjahr erwischte es Griechenland, gerade ist Irland an der Reihe - und schon bald dürfte Portugal unter den Rettungsschirm von EU und Internationalem Währungsfonds schlüpfen. Dann könnten noch die Schuldensünder Spanien und Italien dran sein. Und wer weiß, was anschließend noch Schlimmes kommt.

Für Bundesschatzbriefe gibt es 2,5 Prozent Zinsen

Die Euro-Untergangspropheten sehen Portugal und auch Spanien in einer nahezu ausweglosen Situation. Als Indiz dafür nennen sie gern die steigenden Zinsen, die diese Länder den Investoren zahlen müssen. Immerhin gilt für Staaten die gleiche Formel wie für Bürger: Je größer die Ausfallwahrscheinlichkeit eines Kredits ist, desto mehr Rendite muss der Schuldner dem Geldgeber bieten.

Die Zinsen für zehnjährige spanische Staatsanleihen pendelten vor Ausbruch der Euro-Krise lange Zeit um vier Prozent - und bei Portugal zwischen vier und fünf Prozent. Deutschland musste den Investoren meist nicht mehr als drei Prozent bieten. Weil die Bundesrepublik traditionell als sehr guter Schuldner gilt, wird auf den Finanzmärkten auch stets die Renditedifferenz zwischen Anleihen anderer Länder und Bundesschatzpapieren ausgewiesen. Dabei handelt es sich um die Risikoprämie, den sogenannten Spread.

Als Griechenland im Frühjahr die Pleite drohte, schnellten die Renditen für portugiesische Staatsanleihen von vier auf sechs Prozent. Für spanische Papiere stieg die Verzinsung um etwa einen Prozentpunkt. Anleger schätzten das Ausfallrisiko beider Länder damit höher ein als zuvor. Weil die Investoren in deutsche Papiere flüchteten, sanken die Zinsen für schwarz-rot-goldene Anleihen zeitweise auf gut zwei Prozent. Damit stieg die Risikoprämie der Papiere von Portugal und Co. zusätzlich.

Die höheren Zinssätze gelten nur für neue Schulden

Die Zinssätze sanken zwar, als sich die Euro-Krise im Sommer entspannte. Doch in den vergangenen Tagen zogen sie im Zuge der Irland-Rettung wieder an. Und prompt warnen die Pessimisten erneut vor einem angeblich unmittelbar bevorstehenden Untergang beider Länder.

Um es an dieser Stelle deutlich zu sagen: Die Lage auf der iberischen Halbinsel ist ernst. Portugal und Spanien müssen aus ihrer fatalen Mischung von hohen Schulden und niedriger Wettbewerbsfähigkeit heraus. Sie müssen für sich ein neues Geschäftsmodell finden - und gleichzeitig aufzeigen, wie sie ihre Schulden zurückzahlen wollen. Einfach wird das nicht.

Nur sollten weder die Öffentlichkeit noch die Politiker in der EU in Panik verfallen, wenn mal wieder die Renditen für Staatsanleihen steigen. Denn Märkte reagieren plötzlich, die Finanzakteure ändern von einer auf die andere Sekunde ihre Meinung. Und sie neigen zur Panik - eine Verschlimmerung in Irland kann zum Entzug des Vertrauens für alle anderen angeschlagenen Länder führen. Oft geht es dabei mehr um Fiktion als um Fakten.

Die höheren Renditen für die Anleihen von kriselnden Staaten, die sich nun herauskristallisieren, sind zwar Marktpreise. Diese haben aber für die betroffenen Länder keine unmittelbare Konsequenz. Denn diese Preise gelten nur für künftige Schulden. Und für Altschulden, die abgelöst werden müssen. Auf keinen Fall aber für die Gesamtschuldenlast der Länder. Mit anderen Worten: Eine Explosion der Renditen führt noch lange nicht zu einer Explosion der Zinsbelastung.

900 Millionen Euro mehr Zinsausgaben

Vereinfacht lässt sich das am Beispiel des derzeit größten Wackelkandidaten Portugal aufzeigen: Ende vergangenen Jahres hatte das Land rund 128 Milliarden Euro Schulden. Dafür musste die Regierung 4,7 Milliarden Euro Zinsen zahlen. Macht im Schnitt 3,7 Prozent. Im kommenden Jahr ist die Regierung gezwungen, gut 26 Milliarden Euro davon zu refinanzieren, also alte Staatsanleihen durch neue abzulösen.

Angenommen, sie müsste den Investoren für diese 26 Milliarden Euro statt 3,7 Prozent sieben Prozent Zinsen zahlen. Dann würden für 102 Milliarden Euro Schulden noch immer durchschnittlich 3,7 Prozent fällig - und nur für die 26 Milliarden Euro sieben Prozent. Die gesamte Zinslast würde von 4,7 auf 5,6 Milliarden Euro steigen.

Diese 900 Millionen Euro Mehrkosten entsprechen ungefähr dem Bruttoinlandsprodukt, das von den Bürgern des Landes an anderthalb Tagen erwirtschaftet wird. An diesem Betrag wird sich also kaum das Wohl oder Wehe Portugals entscheiden.

Selbst wenn man alle bis Ende 2015 fällig werdenden Staatsanleihen des Landes zusammenrechnet und unterstellt, diese mehr als 70 Milliarden Euro müssten zu sieben Prozent refinanziert werden: Die Zinsbelastung wäre noch immer nicht existenzgefährdend. Sie läge statt derzeit 4,7 dann bei 7,1 Milliarden Euro. Wohlgemerkt in fünf Jahren.

insgesamt 29 Beiträge
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slbvic1 24.11.2010
1. Hysterie
davon leben die Medien. Wenn man die Zahlen anschaut und sich mal die Muehe macht diese vermeintliche "eurokrise" genauer zu betrachten stellt man fest, auch morgen wird die Welt sich weiter drehen. Bestes Beispiel fuer diese Hysterie des Boulevards ist die vermeintliche bevorstehende "hyperinflation", wenn man sich die Inflationserwartungen anschaut fuer die naechsten zehn Jahre(die sich aus dem Unterschied der Renditen von inflatiosindexierten zu den normalen Bundesanleihen minus Liquiditaetspraemie ableiten laesst) liegt diese bei 1,2-1,5 %. Nun ja leider speist sich das momentane Geschrei nicht aus Vernunft sondern aus einer Mischung Arroganz,provinzieller Zukunftsangst und einfach Unwissen, was leider auch auf die politisch Handelnden zutrifft.
marcaurel1957 24.11.2010
2. Deutschland trägt nur einen fairen Teil - nicht mehr
Es sollte betont werden, daß es sich beim europäischen Rettungsschirm um einen Schirm für einzelne Länder handelt, nicht für den Euro. Im übrigen wurden in diesem Rahmen bislang keinerlei Zahlungen durch Staaten durchgeführt, sondern nur Garantien ausgesprochen. Deutschland kommt weiterhin nicht für alle Verwerfungen auf, sondern hat einen Anteil von ca. 23 % an allen evtl. enstehenden Kosten. Sicher auch ein nettes Sümmchen aber es gibt keinen Grund anzunehmen, daß wir mehr zu tragen haben, als uns nach Bevölkerungszahl und Wirtscfahtskraft zusteht
brux 24.11.2010
3. Denkfehler
Sie mögen das für Sarkasmus halten, aber die Mehrheit der Deutschen glaubt offenbar wirklich das alte Märchen von Deutschland als Zahlmeister der EU. Es füttert so schön die deutsche Selbstgerechtigkeit.... Der Bauboom in Irland hat sicherlich viele schöne neue Baumaschinen erfordert und die Bauluden haben ihre Gewinne sicherlich in teuren Autos angelegt. Wo all dieser Kram wohl hergekommen ist? Im Grunde geben wir jetzt Kredite aus (die vielleicht nie ganz zurückgezahlt werden), damit Griechen, Iren und andere ihre Schulden bei uns abtragen können. Das ist nicht sarkastisch, sondern skurril.
kamsala 24.11.2010
4. och nö
Wenn man nur pessimistisch genug ist, kann man später wenigstens erleichtert sein, dass es nicht so schlimm gekommen ist. Dennoch... die Krise der Staatsschulden, der aufgeblähten Bilanzen, der Finanztitel mit komischen Namen wie CDS, CDO, SIV, ABS, MBS etc wird uns auch in Zukunft begleiten. Das Trillionen(!)-Volumen in Derivaten verschwindet auch nicht über Nacht (es werden höchstens Verluste draus). Und von den Verbrechern, die sich Banker, Manager oder Politiker schimpfen und uns diesen Schlamassel eingebrockt haben, sitzt nicht einer im Gefängnis - dort schickt man nur Leute wie Maddoff hin, die im ganzen Spiel doch nur kleine Fische sind, und vermutlich auch nur deswegen, weil ein paar Wohlhabende dort ihr Vermögen verloren haben. Wie viele Banker haben wohl am Irland- und Portugal-Spiel noch schnell ihren Jahresboni in die Höhe getrieben? Die Welt wird sicherlich nicht untergehen. Besser wird es dadurch nicht.
Pandora0611 24.11.2010
5. Schlußverkauf in Deutschland
Zitat von sysopDie Renditen für Staatsanleihen von Portugal, Spanien und Co. steigen erneut deutlich an. Pessimisten*sagen deshalb den baldigen Ruin der Länder voraus. Dabei ist das Problem*weit weniger*dramatisch. Das zeigt eine nüchterne Analyse der Lage. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,730957,00.html
- Deutschland hat Griechenland gekauft. - Deutschland kauft jetzt Irland. - Deutschland will auch Portugal, Spanien und Italien kaufen. *Aber dann ist Deutschland pleite und wird für 1 symbolischen Yuan von China gekauft.*
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